07|04|11

Fortschritt in der Krebsnachsorge

Von: Kristina Rudy

Interdisziplinäres Projekt soll eine einheitliche Leitlinie schaffen

Prof. Dr. Martin Wabitsch (links) und Dr. Christian Denzer (Foto: UK Ulm).

Eine interdisziplinär besetzte Forschergruppe unter der Leitung der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin hat sich zum Ziel gesetzt, die Qualität der Nachsorge für Krebspatienten durch die Entwicklung einer neuen S2-Leitlinie signifikant zu verbessern. Unter Leitlinien sind systematisch entwickelte, aber nicht bindende Standards in der medizinischen Behandlung zu verstehen, die Ärzten und Patienten bei ihrer Entscheidungsfindung hin zu einer optimalen Behandlungsstrategie sehr wichtige Hilfen geben.

„Hat ein Patient mit Hilfe einer Krebstherapie seine Krankheit besiegt, beginnt die Nachsorge. Bei dieser geht es nun nicht mehr nur um die alleinige Beobachtung, ob der Krebs zurückkehrt. Vielmehr ist  bei der steigenden Anzahl von Langzeitüberlebenden zunehmend wichtig, auch die Spätfolgen der Krebstherapie selbst im Auge zu behalten.  Diese betreffen häufig das Hormonsystem der Patienten. Deshalb sind Leitlinien für die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Hormonstörungen ein ganz wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Nachsorge“, erläutert Dr. Christian Denzer, Endokrinologe an der Ulmer Kinderklinik und Leiter des Projektes, das von der Deutschen Kinderkrebsstiftung (DKKS) mit 140.000,- Euro über einen Zeitraum von zwei Jahren gefördert wird.

 

Beeindruckende Erfolge in der Krebstherapie

Gerade die Behandlung von Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen konnte dank fortschrittlicher Methoden in den vergangenen dreißig Jahren beeindruckende Erfolge aufweisen. Inzwischen überleben fast achtzig Prozent der jungen Patienten den Krebs dauerhaft und bilden damit eine gänzlich neue Patientengruppe, die immer weiter wächst. „Das ist einer der größten medizinischen Erfolge der jüngsten Zeit“, zeigt sich Dr. Christian Denzer überzeugt.

 

Auswirkungen auf das Hormonsystem

Die erfreulichen Ergebnisse stellen zugleich aber auch eine große Herausforderung für die Endokrinologie (Lehre von den Hormonen) dar, die in der Nachsorge von Krebspatienten eine Schlüsselposition einnimmt: Zwar sind die Methoden zur Krebsbekämpfung wirksam wie nie, sie haben aber auch ganz spezifische Nebenwirkungen, die sich insbesondere auf das empfindliche Hormonsystem der Patienten  auswirken können. Was bedeutet das? Ein Mensch, der in seiner Jugend an Krebs erkrankte und geheilt wurde, muss auch noch Jahrzehnte später mit Folgeerkrankungen rechnen, die ihren Ursprung in der einst so erfolgreichen Krebstherapie haben.

 

Optimale Krebsnachsorge

„Angesichts der steigenden Anzahl von Patienten in der Krebsnachsorge ist hier ein Umdenken unerlässlich. Wir haben uns die Frage gestellt, wie eine optimale Nachsorge angesichts dieser neuen Entwicklungen zukünftig aussehen sollte“, erläutert Dr. Denzer, der es sich deshalb im Rahmen des Projektes zur Aufgabe gemacht hat, bisher gültige Empfehlungen zur Früherkennung von Hormonstörungen in der Krebsnachsorge daraufhin zu untersuchen, ob sie aktuell und einheitlich genug sind – und wie man sie noch effektiver gestalten kann. Ziel ist die Entwicklung einer von Flensburg bis nach München geltenden Leitlinie, die, basierend auf dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens, konkrete und praxisbezogene Empfehlungen zur Früherkennung von Hormonstörungen nach einer Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter gibt.

 

Onkologie und Endokrinologie arbeiten Hand in Hand

Das Projekt wurde von der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) sowie der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie (APE) der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) ins Leben gerufen. „In diesem Projekt arbeiten die Disziplinen Onkologie und Endokrinologie, die den größten Bereich in der Krebsnachsorge darstellen, Hand in Hand zusammen“, lobt Prof. Dr. Debatin, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, die Interdisziplinarität des Vorhabens und ergänzt: „Für Patienten und Ärzte ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Risiken für das Auftreten von spezifischen Krankheitsbildern bekannt sind. Um angemessen und frühzeitig diagnostizieren und rechtzeitig behandeln zu können, ist eine einheitliche und praxisorientierte Leitlinie zur Durchführung von onkologisch-endokrinologischen Nachsorgeuntersuchungen dringend erforderlich.“

Und Prof. Dr. Martin Wabitsch, Vorsitzender der APE und Leiter der Sektion für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, ist sich sicher: „Der Fortschritt in der Krebsnachsorge muss sich dem der Krebstherapie anpassen. Mit unserem zukunftsweisenden Projekt kommen wir diesem Anspruch einen großen Schritt näher.“

 

Weitere Informationen:

Durch Therapiemaßnahmen wie beispielsweise Bestrahlung und/oder Gabe von Zytostatika (Substanzen, die das Zellwachstum beziehungsweise die Zellteilung hemmen) kann das Hormonsystem junger Patienten empfindlich gestört werden. Mögliche (Spät-)Folgen sind z.B. Wachstumsprobleme, Unfruchtbarkeit, verfrühte Menopause, Über- und Unterfunktion der Schilddrüse, Übergewicht, erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Osteoporose. Zudem treten Therapiefolgen nicht zwingend während oder kurz nach der intensiven Krebsbehandlung auf.

Derzeit befindet sich das Projekt in der Phase der sogenannten Status-quo-Erhebung. In dieser werden die momentan eingesetzten unterschiedlichen endokrinologischen Nachsorgestrategien überprüft und bewertet. Durch diese Evaluation soll der bestehende Bedarf an einer Entwicklung adäquater Leitlinien für eine einheitliche und aktuelle Nachsorge detailliert beschrieben werden. Darauf folgt die Entwicklung einheitlicher, evidenzbasierter Nachsorgeleitlinien zur frühzeitigen Diagnose und Therapie endokrinologischer Spätfolgen. Perspektivisch werden diese Nachsorgeempfehlungen dann im Rahmen eines Nachfolgeprojekts evaluiert und in regelmäßigen Intervallen aktualisiert.

 Nach dem System der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) werden Leitlinien in drei so genannte Entwicklungsstufen von S1 bis S3 entwickelt und klassifiziert, wobei S3 die höchste Qualitätsstufe ist. Die von Dr. Denzer und seinem Team zu entwickelnde Leitlinie wird der „Klasse“ S2 zuzuordnen sein. Das heißt im Kern, dass einerseits eine Evidenz-Recherche durchgeführt wurde (evidenter Sachverhalt = Sachverhalt, der auf der Hand liegt) und andererseits eine formale Konsensfindung in z.B. Fachgremien stattgefunden hat.

 

 


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