21|09|11

Traumafolgen durch Kindesmisshandlung, sexuellen Missbrauch und Vernachlässigung kosten jährlich rund 11 Milliarden Euro

Von: Anne Huschka

Neue Untersuchung beziffert erstmals Traumafolgekosten für die Bundesrepublik

Prof. Jörg M. Fegert (Foto: UK Ulm)

Im Rahmen des zehnjährigen Jubiläums der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm stellte deren Ärztlicher Direktor, Prof. Jörg M. Fegert, heute die Zahlen der „Deutschen Traumafolgekostenstudie“ vor. Die Untersuchung, die die Ulmer Wissenschaftler gemeinsam mit dem Kieler Institut für Gesundheits-System-Forschung und der Barmer GEK durchgeführt haben, wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben.

 

Traumafolgen könnten wirkungsvoll behandelt werden


Die Studie stützt sich auf Daten der Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen aus dem Jahr 2009. Nach aktuellen Häufigkeitszahlen waren von den insgesamt 53,9 Millionen Deutschen dieser Altersgruppe 14,5 % von schwerer bis extremer Kindesmisshandlung, -missbrauch oder Vernachlässigung betroffen. „Das Leid ihrer Biografien ist nur schwer zu fassen“, sagt Prof. Jörg M. Fegert. „Aber ein Fünftel dieser Menschen – 1,6 Millionen Betroffene – tragen Langzeitfolgen davon, die die Gesellschaft jährlich 11 Milliarden Euro kosten.“ Die Berechnung berücksichtigt etwa Arbeitslosenunterstützung, Kriminalitätsfolge- und Therapiekosten. Allein im Gesundheitswesen fallen vorsichtigen Schätzungen zufolge jährlich Kosten zwischen 500 Millionen und drei Milliarden Euro für die Versicherungsgemeinschaft an.

„Wir wollen mit diesen Zahlen nichts dramatisieren, sondern etwas thematisieren. Nämlich, dass wir Traumafolgen heute gezielt und wirkungsvoll behandeln können. Wenn niedrigschwellige Angebote gemacht und frühzeitig in Anspruch genommen werden, lassen sich Langzeitfolgen mildern und Kosten eindämmen“, so Prof. Jörg M. Fegert.

 

Zugang zu Hilfe muss erleichtert werden


Prof. Fegert befasst sich seit über 20 Jahren mit diesem Thema und flankiert die Arbeit der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs durch wissenschaftliche Begleitforschung. Er konstatiert: „Durch die öffentliche Diskussion der vergangenen anderthalb Jahre ist vieles in Bewegung gekommen. Dass heute noch jeden Tag 30-50 Anrufe bei der telefonischen Anlaufstelle der Beauftragen Dr. Christine Bergmann eingehen, zeugt von dem großen Vertrauen, das die Betroffenen in diese Einrichtung haben.“ Auch ließe sich aus den Anrufen ablesen, dass es mehr Beratungsangebote brauche, so Fegert: „Vor allem für Männer, ältere Menschen und in ländlichen Regionen muss der Zugang zu Hilfe erleichtert werden.“ Die Arbeit der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs endet offiziell am 31.10.2011. Ein Nachfolgeformat steht noch nicht definitiv fest.


Weitere Information:

Die Bundesregierung hat am 24. März 2010 die Einsetzung einer Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs beschlossen. Berufen wurde die ehemalige Berliner Frauensenatorin und Bundesfamilienministerin Dr. Christine Bergmann.
Die Unabhängige Beauftragte ist zentrale Anlaufstelle für von sexuellem Kindesmissbrauch Betroffene, aber auch für Menschen, die Missbrauch in ihrem Umfeld wahrnehmen. Ihr Auftrag umfasst die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in privaten und öffentlichen Einrichtungen sowie im familiären Bereich, sie berät die Bundesregierung und spricht Empfehlungen für materielle und immaterielle Hilfen für Betroffene gegenüber dem Runden Tisch aus.
Mit der Vorstellung des Abschlussberichts am 24. Mai 2011 hat die Unabhängige Beauftragte ihren Auftrag weitgehend erfüllt. Sie wird ihr Amt noch bis zum Herbst 2011 fortführen und am Runden Tisch darauf hinwirken, dass ihre Empfehlungen umgesetzt werden. Sie wird die Anliegen Betroffener weiterhin am Runden Tisch einbringen.
(Quelle: beauftragte-missbrauch.de/course/view.php)





Das beigefügte Foto zeigt Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm (Foto: UK Ulm).
Es ist nur für die Presseberichterstattung über das in dieser Information mitgeteilte Ereignis freigegeben.



 

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