Kinästhetik - Einführung auf der inneren Intensivstation - ein Erfahrungsbericht

Lagerung und Bewegung bei kreislaufinstabilen beatmeten Patienten stellten schon immer eine Herausforderung an das Pflegepersonal dar. 90 - und 135 Grad Seitenlagerungen wurden häufig mit Kreislaufeinbrüchen beantwortet, die eingeschränkte Bewegung förderte die Dekubitusgefahr und nötigte uns zur Entscheidung, Lagerung auf Wechseldruckmatratzen und in Spezialbetten zu favorisieren. Die bei diesen Patienten durchgeführten Lagerungsmassnahmen waren personalaufwendig und für die beteiligten Pflegepersonen stark rückenbelastend. Auch die immer notwendigen Patiententransporte entlang der Bettlängsachse waren nur mit bandscheibenbelastendem "Heben" oder mit patientenbelastendem "Ziehen" zu bewerkstelligen. Zwar wurden die Patienten regelmässig umgelagert, die Notwendigkeit mit zwei Pflegekräften präsent zu sein, verhinderte aber die Integration der Lagerung und Bewegung des Patienten in den routinemässigen pflegerischen Ablauf. Lagerungen wurden deshalb notwendigerweise in den belastungsärmeren Zeiten durchgeführt, wenn die personellen Ressourcen zur Verfügung standen. Der Verlust von Körperwahrnehmung und Muskeltonus des Patienten verlängerte nach Stabilisierung von Atmung und Kreislauf zwangsläufig die Mobilisations- und Rekonvaleszenzzeit, so dass ein erheblicher Anteil des Bewegungstrainings der Patienten als zusätzliche Arbeitsbelastung für die nachsorgenden Stationen anfiel. Dieser Zustand war unbefriedigend und verstärkte die Suche nach alternativen Lösungen. Eine mögliche Entschärfung des Lagerungs- und Mobilisationsdefizits der Intensivpatienten versprach die Einführung kinästhetischer Arbeitsmethoden. Seit 1995 wurden auf unserer Intensivstation - einer inneren interdisziplinären Einheit mit 12 Betten - kinästhetische Schulungen durchgeführt. Über 90% der Belegschaft durchliefen innerhalb von zwei Jahren einen Kinästhetik-Grund- und Aufbaukurs. Im Rahmen der Schulungen stellte sich heraus, dass dem Anforderungsprofil einer Intensivstation mit einem modifizierten Kursangebot begegnet werden musste. Die kinästhetischen Aufbaukurse für unserer Mitarbeiter wurden bereits grossenteils nach diesen Erkenntnissen durchgeführt.

Der nach der Etablierung kinästhetischer Arbeitsmethoden auffälligste Unterschied ist der - bis auf extrem seltene Problemfälle - konsequente Verzicht auf Weichlagerungsmatratzen und Spezialbetten. Auf normalen Matratzen können Patienten leichter bewegt werden. Kleine, häufige Lagerungswechsel werden auch von instabilen Patienten toleriert und sind problemlos im Routineablauf zu integrieren. Sie sind von einer Pflegekraft ohne grosse Bandscheibenbelastung durchzuführen. Die Patienten profitieren von der erheblich grösseren Bewegungsintensität und ihre häufig schwachen Eigenbewegungen werden nicht von der Weichlagerung geschluckt. Dies wirkt sich positiv auf die Körperwahrnehmung aus, verhindert Kontrakturen und Wundliegen und fördert die Erhaltung eines normalen Muskeltonus. Gelagert wird nach dem Prinzip der gleichmässigen Gewichtsverteilung. Das bedeutet, "Rückseiten" werden unterstützt und druckgefährdete Stellen wie z.B. Knöchel, Trochanter etc. werden entlastet. Hierbei wird darauf geachtet, keine Muskelspannungen entstehen zu lassen. Seither liegen unsere Patienten "individuell und bequem" in den Betten. Diese Individualität führte zu einer kreativen Erweiterung der Lagerungshilfsmittel. Benutzt werden kleine und grosse Kissen, Handtücher, Waschlappen, zusammengefalteter Molton, aufgeblasene Latexhandschuhe usw. Transfers im Bett, Mobilisation an die Bettkante oder in die Bauchlage erfolgen nach dem Prinzip, alle Körperteile nacheinander zu bewegen, mit der Beachtung dessen, dass sie einander folgen. Das gibt uns die Möglichkeit, so langsam zu arbeiten, dass wir uns der Belastbarkeit des Patienten anpassen können. Bewegungsvorbereitungen im Bett, das heißt kurzes Durchbewegen aller Gelenke, bringt Aktivität in die Muskulatur, dient der Aufwärmung des Bewegungsapparates und erleichtert die Mobilisationen. Die Patienten können ihre Bewegungsressourcen mehr nutzen und ihre Bewegungskoordination ist besser als ohne diese Vorbereitung. Wenn die Zeit für diese Massnahmen fehlt, kann häufig ein Bewegungsdefizit festgestellt werden.

Die Intensivpatienten werden jetzt früher und häufiger mobilisiert. Insbesondere Transfers an die Bettkante, in einen Stuhl oder Sitzwagen werden, weil weniger belastend, regelmässig durchgeführt. Auf teure und aufwendige Lagerungshilfsmittel wird konsequent verzichtet. Wir lassen den Patienten mehr Zeit, ihre eigene Bewegung zu nutzen und unterstützen nur noch dort, wo es notwendig ist. Die kinästhetischen Arbeitsmethoden helfen uns, unsere Pflegequalität zu verbessern und fördern rückenschonendes Arbeiten.

Anneliese Riester

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