Kinästhetik und Weichlagerungssysteme auf Intensivstation
Erfahrungsbericht der Urologischen Intensivstation am Universitätsklinikum Ulm, von A.Drabner 1997, Krankenpfleger, Kinästhetiktrainer, Praxisanleiter
Erschienen in: Kinästhetik Zeitschrift Nr.3 Januar 1998
Vor circa 3 Jahren wurde im Universitätsklinikum Ulm damit begonnen, sämtliche Krankenschwestern und Krankenpfleger der Intensivstationen in Grund- und Aufbaukursen für Kinästhetik in der Intensivpflege, zu schulen. Nachdem einige Mitarbeiter geschult worden waren, begannen wir mehr und mehr darüber zu diskutieren, wie nachteilig es für unsere Patienten ist, routinemäßig Weichlagerungssysteme zu verwenden. Da beatmete Patienten sediert sind und sich nicht selbstständig bewegen können, benutzten wir diese Weichlagerungssysteme, um die Dekubitusgefahr zu reduzieren.
In den Kinästhetik-Kursen hatten wir gelernt, wie essentiell notwendig Bewegung ist, und wie schwierig diese in solchen Weichlagerungen möglich ist. Um dieses Problem zu lösen entschlossen wir uns daraufhin die Weichlagerung seltener einzusetzen.
Kurze Zeit später hatten wir einen Patienten, der nach einer Radikalen Prostatektomie septisch eingeschwemmt hat. Dieser Patient wurde nach einem Tag absolut Kreislaufinstabil. Die Instabilität ging so weit, daß der Patient jeden herkömmlichen Lagerungswechsel mit einem Blutdruckeinbruch bis auf circa 50/20 mmHg quittierte. Es mußte also auf eine Wechsellagerung verzichtet werden. Nun lag dieser Patient aber auf einem normalen, harten Klinikbett. Wir überlegten hin und her, ihn doch in ein Weichlagerungssystem zu lagern; befürchteten aber eine weitere Kreislaufverschlechterung durch die Umlagerung in ein anderes Bett. Also beschlossen wir den Patienten nur unter kinästhetischen Aspekten zu bewegen. Das heißt wir führten immer wieder kleine Korrekturen seiner Lagerung durch; bewegten seine Extremitäten leicht und verwendeten nur kleine Kissen zur Unterstützung. Diese Bewegungsaktivitäten tolerierte der Patient gut. Der Nachteil war jedoch, daß wir z.B. den Steiß des Patienten nicht sahen und somit auch nicht beurteilen konnten. So blieb uns die Angst vor einem Dekubitus. Die Folge war, daß keiner von uns sich seiner Sache sicher war, und immer wieder überlegte, doch eine Weichlagerung zu verwenden. Diese Überlegungen dauerten ungefähr 72 Stunden an. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Patient sich soweit stabilisiert, daß er ein vorsichtiges Drehen zur Seite ohne Blutdruckeinbruch tolerierte. Jeder starrte wie gebannt auf die Rückseite des Patienten. Er hatte keinerlei Hautveränderungen, weder am Steiß, noch an den Schulterblättern oder sonst irgendwo. Wir waren alle sehr erleichtert. Dieser Patient "revolutionierte" unsere Lagerungsgewohnheiten. Trotz eines 3-monatigen Aufenthaltes auf der Intensivstation (und circa 8-wöchiger Beatmung) hatte er keine Dekubiti. Seit diesem Patienten (also seit circa 2 Jahren) sind bei uns auf Station keine Weichlagerungssysteme mehr verwendet worden. Mit einer Ausnahme: Es sollte ein querschnittgelähmter Patient operiert werden. Bei diesem Patienten bestand der Operateur auf eine Weichlagerungsmatratze. Er bestellte diese. Als die Matratze kam, legten wir diese sorgfältig neben das Bett des Patienten und ließen sie auch da! Nach diesen beschriebenen Erfahrungen, die auch andere Kolleginnen und Kollegen machten, sind Weichlagerungssysteme bei uns fast "obsolet". Dies hat natürlich enorme Auswirkungen auf die Kosten. Am gesamten Klinikum sind seit 1993 die Kosten für Weichlagerungssysteme um circa 180000.-DM zurückgegangen. Kinästhetik kostet also nicht nur Geld, sondern kann auch Geld sparen.






