Atmung und Bewegung
Kinästhetik Zeitschrift Nr.4 / August 1998
Vortrag Im Rahmen des Kinästhetikkongresses vom 8. März 1998
Autoren: Anneliese Riester und Andreas Drabner
IntensIvpflegestationen des Universitätsklinikums Ulm
Beim diesjährigen KinästhetikKongress in Ulm haben wir, Anneliese Riester und Andreas Pregel, einen Workshop zum Thema Atmung und Bewegung durchgeführt. Da der Workshop auf grosses Interesse stiess und in unserem Raum kein Plätzchen mehr frei war, möchten wir an dieser Stelle darüber berichten.
Unser Ziel:
Die TeilnehrnerInnen sollen lernen, wie mit Bewegung Atmung unterstützt werden kann. Sie sollen erfahren, ob diese Bewegungsübungen die eigene Atmung verändert. Entwicklung und Entstehung Entwickelt wurde diese Idee von Heidi Bauder. Sie hat über längere Zeit mit LangzeitbeatmungspatientenInnen auf unserer Intensivstation gearbeitet mit den Fragestellungen:
- Kann durch passive Bewegung der Atemhilfsmuskulatur eine bessere Lungenbelüftung erreicht werden?
- Wie kann man das vernachlässigte Zwerchfell eines/einer Beatmungspatiententin unterstützen und eventuell nicht belüftete Lungenanteile wieder öffnen ?
- Was passiert bei wochenlang beatmeten PatientenIn mit den knorpeligem Rippengelenken?
- Werden sie steif?
- Wie weit atrophiert die nicht benutzte Zwischenrippenmuskutatur?
- Beeinträchtigt die Nackensteifigkeit, die bei fast allen Beatmungspatienten anzutreffen ist, die Atmung?
Wir in der Pflege hatten bisher nicht viele Möglichkeiten zur Atmungsunterstützung. Sie beschränken sich auf regelmässige Umlagerung des/der Patientenln, sorgfältige Bronchialtoilette und Schleimlösung durch Abklopfen und Vibrax.
Heidi Bauder und Elli Kirchner gründeten das Projekt "Atmung und Bewegung" und es entstand eine Arbeitsgruppe von Pflegenden aus fast allen Intensivstationen der Universitätsklinik.
Hier lernten wir die von Heidi erarbeiteten Bewegungsübungen und erlebten einen deutlichen Unterschied der eigenen Atmung zwischen der bewegten und nicht bewegten Körperhälfte.
Wir entwickelten einen Beobachtungsbogen und sammelten Erfahrungen. Da Intensivpatientenlnnen apparativ kontinuierlich überwacht sind, können Veränderungen der Atmung sofort abgelesen werden.
Nebenbei beobachteten wir häufig eine Stabilisierung des Kreislaufs und eine vermehrte Darmtätigkeit. Ausserdem schienen die PatientenInnen nachher entspannter, und einige hatten für kurze Zeit eine bessere Körperorientierung.
Anatomie und Physiologie
Nicht besonders differenziert war für uns beide die Form des Zwerchfells und vor allem seine Bewegung.
Das Zwerchfell behielt seine Kuppelform auch bei der Einatmung bei.
Die grösste Atembewegung passierte im mittleren und unteren Bereich.
Ziemlich unbekannt war uns der M. Illiopsoas und sein Einfluss auf die Atmung.
Das Zwerchfell ist hinten am 1., 2., und 3. Lendenwirbel festgemacht.
Der M. Illiopsoas entspringt an den Seitenflächen des 12. Brustwirbels, am 1., 2., 3. und teilweise 4. Lendenwirbel. Somit befinden sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft und sind häufig miteinander verklebt.
Der M. Illiopsoas durchquert die Beckenhöhle diagonal. Er überkreuzt das Schambein und setzt am Trochanten minor an.
Das heisst, ich kann über Beugen des Oberschenkels Richtung Brustkorb (Knie zum Kinn) die Einatmung unterstützen, da das Zwerchfell nach unten gezogen wird.

- Schema der Zwerchfellbewegung nach PFUHL. (M-M= Bewegungsachse bei Ausatmungsstellung, M1-M1 = bei Einatmungsstellung des Zwerchfells.)
Atemmechanismen
Bei normaler, spontaner Atmung wird ein Atemzug vom Zwerchfell aus eingeleitet. Erst dann setzt die obere Brustkorbatmung ein. So haben die einzelnen Lungensegmente Gelegenheit, sich zu entdrehen und zu entfalten. Wird der Atemzug vom Sternum und den oberen Rippen eingeleitet, kann das zur paradoxen Atmung führen. Das Zwerchfell wird durch zu frühes Hochziehen des unteren Rippenbogens während der Einatmung nach oben gezogen.
Unter Beatmung wird der Atemzug nicht vom Zwerchfell eingeleitet. Die Lungensegmente können sich nicht ordnungsgemäss entfalten, und das Zwerchfell ist in seiner Bewegung häufig blockiert.
Fehlspannungen und Verkrampfungen des Zwerchfells entstehen häufig durch OP-Wunden, Wirbelsäulenschäden und Organerkrankungen wie Pankreatitis und Cholezystitis.
Oberbauchschnitte verringern die Vitalkapazität um bis zu 80%. Das Zwerchfell tritt reflektorisch 1 - 2 cm höher.
Ein Zwerchfellhochstand ist abhängig von der Bauchdeckenspannung und häufig bei Aszitis, Ileus und subphrenischen Abzessen zu beobachten.
Ein weiteres Problem entsteht durch Inaktivierung der Atem- und Atemhilfsmuskulatur. Der Brustkorb wird durch die Beatmung passiv angehoben, und die einzelnen Rippen haben wenig Bewegung in den kleinen Gelenken an der Wirbelsäule.
Atemübungen
Wir beschreiben kurz die Bewegungsübungen, die wir mit den TeilnehmernInnen durchgeführt haben.
Bauchlage:
- Lockerung der Rippengelenke mit kreisendem Daumendruck an den Querfortsätzen der einzelnen Wirbel.
- Ausstreichen der Zwischenrippenmuskulatur von der Wirbelsäule Richtung.
Seitenlage:
- Dehnung der Flanken während der Einatmung.
- Mit einer Hand den Rippenbogen nach oben vorne, mit der anderen Hand den Beckenkamm nach unten vorne bringen.
Rückenlage:
- Beide Beine aufstellen und mit Zug an den Knien Richtung Zehen den Brustkorb des Partners in Streckung bringen.
- Bei der Einatmung ein Knie Richtung Kinn bringen. Die Bewegungrichtung kann gerade oder mit Aussenrotationen im Hüftgelenk sein (braucht den Illiopsoas).
- Bei der Einatmung am 'Arm ziehen (unterstützt die obere Atemhilfsmuskulatur).
- Bei der Einatmung den Arm mit Aussenrotationen im Schultergelenk über den Kopf bewegen (unterstützt die obere Atemhilfsmuskulatur
- Dehnung des M. pectoralis
- Lockerung der Halsmuskulatur durch Streckung von den Schultern zur Schädeldecke hin.
- Wenn möglich die Halsmuskulatur aufdehnen durch Beugen des Kopfes in alle Richtungen.
- Zum Abschluss kann man den Kopf in beide Hände nehmen und mit der Einatmung leichten Zug am Schädeldach ausüben.
Erfahrungen
Die TeilnehmerInnen des Workshops wurden aus Zeit- und didaktischen Gründen nur einseitig durchbewegt. Die TeilnehmerInnen verspürten an der bewegten Stelle eine "grössere" Lunge bzw. mehr Luft. Auch fühlte sich die bewegte Seite für viele leichter an. Andere atmeten nach der Übung verstärkt mit dem Bauch. Bei den Übungen in unserer Arbeitsgruppe wurden ähnliche Erfahrungen gemacht. Zusätzlich wurde in der Arbeitsgruppe über die gemachten Erfahrungen am Universitätsklinikum Ulm berichtet. Die meisten der Kolleginnen und Kollegen hatten vor und unmittelbar nach ca. 30 Min. nach den Bewegungen jeweils eine arterielle Blutgasanalyse durchgeführt. Zusätzlich wurden die einzelnen Lungenabschnitte mit dem Stethoskop abgehört. Ausserdem wurden Herzfrequenz, Blutdruck und Atemfrequenz dokumentiert. Bei beatmeten PatientenInnen kamen die Dokumentationen der für die Ventilation wichtigen Parameter hinzu. Veränderungen durch die Bewegung wurden an folgenden Parametern festgestellt: PaCo2, Atemzugvolumen, Atemminutenvolumen, Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz Ausblick Im Augenblick werden am Universitätsklinikum Ulm auf verschiedenen Stationen diese Bewegungsübungen durchgeführt. Das Interesse der MitarbeiterInnen ist gross, da ihnen die Bedeutung der Pneumonieprophylaxe einerseits klar ist, und anderseits in der Pflege im Augenblick grosse Unsicherheit bezüglich der Effizienz bisher durchgeführter Massnahmen herrscht.






