Der Orale Glukosetoleranztest (OGTT)

Ein Merkblatt für die Patientenaufklärung (word-Dokument) ist hier erhältlich!

Indikationen:

  • Abnormitäten des Kohlenhydratstoffwechsels: Konstante oder intermittiernde Glukosurie ohne entsprechend erhöhter Blutglukosewerte (z.B.Schwangerschaftsglukosurie). Eine oder mehere Blutzuckerbestimmungen im Verdachtsbereich (als Stichprobe im Tagesverlauf; 1-2 Stunden Postprandial  130-180 mg/dl [7,2-10 mmol/l] (Kapillarblut). Diagnostik einer reaktiven Hypoglykämie (hier über 5 Stunden).
  • Anamnestische Verdachtsmomente, Risikfaktoren und klinische Untersuchungsbefunde - familiäre Belastung. Adipositas. Pathologische Schwangerschaft (Abort, Hydramnion, Totgeburt, kongenitale Missbildungen, Geburtsgewicht  >4,5 kg). Kardiovaskuläre Erkrankungen (arterielle Gefäßerkrankung, Hypertonie > 140/90). Infektionen, besonders im dermatologischen Bereich. Dyslipidämien: HDL-Cholesterin <35mg/mdl (0,9 mmol/l) und/oder Triglyzeride >250 mg/dl (2,8 mmol/l), Hyperurikämie. Unklare Fälle von Neuropathie und Retinopathie. Pankreaserkrankungen.
  • Laut American Diabetes Association (ADA): Alle über 45 -jährigen.

Kontraindikationen:

  • Manifester Diabetes Mellitus
  • Nicht erfüllte Vorbedingungen (siehe unten)
  • Bestehende Ursachen und Störfaktoren für eine verminderter Glukoseverwertung

Vorbedingungen:

  • zumindest 3 Tage vor dem Test kohlenhydratreiche Kost von etwa 200 g (150- 250 g) Kohlenhydrate pro Tag.
  • keine Vorherige Beschränkung der Aktivität; in der Regel ambulante Patienten.
  • Auskurierung einer akuten Erkrankung vor mindestens 32 Wochen.
  • Zumindest 3 Tage vor dem Tets Absetzung oder genaue Protokollierung folgender Medikamente: sämtliche Hormoine, orale Antidiabetika, Diuretika vom Thiazidtyp, Salicylate, ggf. Kontrazeptiva.
  • Keine Testung 3 Tage vor, während und 3 Tage nach der Menstruation.
  • Zumindest 8 - 12 Stunden vor dem Test Verbot von Rauchen, Kaffee und besonderer körperlicher Aktivität.
  • Nüchternperiode (Nahrung und Alkohol) vor dem Test mindestens 10 bis maximal 16 Stunden.

Störfaktoren:

  • Magenentleerungstörungen bzw. Operationen am oberen Gastrointestinaltrakt.
  • Leberzirrhose
  • Akromegalie, Phächromozytom

Durchführung des 75 g OGTT oraler Glukosetoleranztest nach WHO-Richtlinien:

Testdurchführung am Morgen ( 9 Uhr)

  • Im Sitzen oder Liegen (keine Muskelanstrengung); nicht rauchen vor oder während des Tests. Nicht essen oder trinken.

Zum Zeitpunkt 0 Trinken von 75 g Glukose in 250-300 ml Wasser (oder äquivalenter Menge hydrolysierter Stärke z.B. Dextro-OGTT-Saft) innerhalb von 5 Minuten

  • Kinder 1,75 g/kg KG (maximal 75 g)
  • Blutentnahme (kapillär) zu den Zeitpunkten 0 und 120 Minuten

Der Test ist kontraindiziert:

  • Bei interkurrenten Erkrankungen, bei Z.n. Magen-Darm-Resektion oder gastrointestinalen Erkrankungen mit veränderter Resorption (siehe Störfaktoren).
  • Wenn bereits eine erhöhte Nüchternglukose (Plasmaglukose > 126 mg/dl bzw. > 7,0 mmol/l) oder zu einer beliebigen Tageszeit eine Blutglukose von > 200 mg/dl bzw. > 11,1 mmol/l gemessen und damit ein Diabetes mellitus belegt wurde.

Beurteilung:

(Nach Mehnert/Standl/Usadel: Diabetologie in Klinik und Praxis 4. Auflage.)

Für die in der Klinischen Chemie durchgeführten OGTT gelten die Vollblut-Kapillar-Kriterien der folgenden Tabelle (WHO-Kriterien).


 
 

Kommentare:

Die ADA legt in ihren neueren Richtlinien starken Wert auf die Nüchtern-Plasma-Glukose, welche bei Diabetes > 126 mg/dl (7mmol/l) sein sollte. Davon abgeleitet wurde der Begriff des "Impaired fasting glucose", IFG, geprägt, d.h. eine Gruppe von Menschen, welche einen Nüchtern-Plasma-Glukose Spiegel über 110 mg/l (6,1 mmol/l) aber unter 126 mg/l (7 mmol/l), bzw. als "Impaired glucose tolerance" , IGT, im OGTT einen 2-Stunden Wert zwischen 140 mg/l (7,8 mmol/l) und 200 mg/l (11,1 mmol/l) haben. Diese Einteilung bezieht sich auf Plasmawerte, in Europa sind Kapilläre-Vollblut-Glukose Messungen üblich. Die Einteilung, besonders den Nüchternwert betreffend, ist vor allen für Epidemiologische Studien und Screeninguntersuchungen wertvoll;  für die Diagnose des Diabetes-Mellitus  bleibt der OGTT das Kriterium der Wahl. (Siehe auch: W.Kerner: Klasifikation und Diagnose des Diabetes Mellitus, Deutsche Ärzteblatt 95, Heft 49 vom 4. Dezember 1998) und DDG-Leitlinie: Definition, Klassifikation und Diagnostik des Diabetes Mellitus, W.Kerner, J.Brückel. Diabetologie 2008; 3 Suppl 2:S 131-133.

Die mässige Reproduzierbarkeit des OGTT ist einer der wesentlichen Kritikpukte der Relevanz des OGTT, welche aber nicht auf eine Ungenügenheit des Tests, sondern auf eine Variabilität des Testobjekts zurückzuführen ist. Insgesamt ist der Vartiationskoeffizient aber nicht unter 20% zu senken, so dass in Zweifelsfällen immer eine Wiederholung indiziert ist.

Die ADA hat für den Gestationsdiabetes ebenfalls abweichende Kriterien und Durchführungsbedingungen.
 

Diagnostisches Fließschema:

(Nach Mehnert/Standl/Usadel: Diabetologie in Klinik und Praxis 4. Auflage.)

 


Glukosekonzentration in verschiedenen Untersuchungsmaterial:

 

1.       cGlu* (arteriell) = 5-10 % höher als cGlu* (venös)

Venöses Blut ist das "verbrauchte" Blut, Glukose ist bereits verstoffwechselt.

 

2.       cGlu* (Plasma) = cGlu* (Serum)

Der Wasser-Anteil und damit das Verteilungsvolumen für Glukose ist gleich groß.

 

3.       cGlu* (Plasma) = 15 % höher als cGlu* (Vollblut)

Der Wasser-Anteil des Plasmas (93 %) ist um ca. 11 % größer als im Voll­blut (82 %). Bei pathologi­schen Hämatokrit-Werten kann die Differenz noch größer sein.

 

4.       cGlu* (Plasma) = 10 % höher als cGlu* (hämolysiertes Vollblut)

Im hämolysierten Vollblut wird der hohe Wasser-Anteil des Plasmas (93 %) mit dem geringeren Wasser-Anteil der Erythrozyten (43 %) vermischt, wodurch sich eine Verminderung der Gesamt-Glukosekonzentration einstellt.

 

5.       cGlu* (Plasma) = 5 % niedriger als cGlu* (enteiweißtes Plasma)

Die Glukosekonzentration wird in einem um den Proteinanteil (ca. 5 %) verminderten Über­stand gemessen, die Probe „konzentriert“. Auf das native Plasma bezogen wird im enteiweißten Plasma eine um ca. 5 % höhere Glukosekonzentration gemessen. Je höher der Proteingehalt der Plas­maprobe ist, desto größer ist die Differenz der Glukosekonzentration zwischen enteiweißtem Plasma und nicht enteiweißtem Plasma.

 

6.       cGlu* (Plasma) = 5 % höher als enteiweißte, hämolysierte cGlu* (B)

(In diesem Fall überlagern sich Punkt 4 und 5)

 

7.                Glukose aus Kapillarblut

Hämolysat entspricht der Plasmaglukose, da sich die Effekte 1 und 4 ausgleichen.

 

*cGlu = Glukosekonzentration


 

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