Was ist Psychoonkologie?

Vor dem Hintergrund der Beobachtung vielfältiger psychischer und sozialer Begleitaspekte und Wechselwirkungen mit körperlichen Aspekten der Tumorerkrankungen hat sich seit Beginn der 70er Jahre das Fachgebiet der Psychoonkologie, auch bezeichnet als Psychosoziale Onkologie, entwickelt. Heute ist sie ein unverzichtbarer Bestandteil eines integrativen patientenzentrierten Behandlungsansatzes.

 

Kernaufgabe im klinischen Bereich ist die Verbesserung der klinischen Versorgung onkologischer Patienten und ihrer Angehörigen unter Einbezug der ärztlichen und pflegerischen Behandler. Fokus der wissenschaftlichen Ansätze ist die Analyse der Zusammenhänge zwischen psychologischen, sozialen und somatischen Faktoren in der Entwicklung und im Verlauf von Krebserkrankungen, die gezielte Nutzung der Kenntnisse und Evaluierung der psychoonkologischen Behandlungsansätze. Die Lehre konzentriert sich auf die Fort- und Weiterbildung von speziell psychoonkologisch tätigen Ärzten, Psychologen, Theologen und Sozialarbeitern u. a.. Zusätzlich findet eine gezielte Qualifizierung von im onkologischen Bereich tätigen Ärzten und Pflegekräften hinsichtlich psychoonkologischer Basiskompetenzen statt, in die mittlerweile auch Medizinstudenten einbezogen sind.

 

Inhaltliche Schwerpunkte der Psychoonkologie sind Themen aus den Bereichen der Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung sowie der Rehabilitation. Sie beschäftigt sich mit Erkrankungsrisiken, präventivem Verhalten, psychosozialen Begleitaspekten, Krankheitsverarbeitung, psychosozialen Ressourcen, Kommunikationsabläufen und –inhalten.

 

Typische Kennzeichen der Psychoonkologie sind:

Der Ansatz ist interdisziplinär. Die psychoonkologische Unterstützung orientiert sich am individuellen Behandlungsbedarf. Das Vorgehen ist nicht an spezifischen Psychotherapieschulen orientiert.

 

Organe der Psychoonkologie in Deutschland sind die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie e. V. (dapo) (www.dapo-ev.de) und die Arbeitgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) in der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) (www.pso-ag.de).

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Psychoonkologische Unterstützung

Psychoonkologische Unterstützung für stationäre Patienten und deren Angehörige in der Abteilung Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie


Ziele der psychoonkologischen Unterstützung während der Akutversorgung sind die Reduktion der Belastungen von Patienten, insbesondere die Reduktion von Angst und Depressivität, die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten, die Entlastung von Angehörigen und von Behandlungsteams.

 

Die psychoonkologische Versorgung ist ein integraler Bestandteil der Behandlung in der chirurgischen Klinik. Der Ansatz ist interdisziplinär. Das Angebot psychoonkologischer Unterstützung für Patienten und ihre Angehörigen erfolgt möglichst niedrigschwellig, d. h. es wird durch den behandelnden Arzt als etabliertes Standardangebot auf der Basis eines Gesamtverständnisses biopsychosozialer Krankheitszusammenhänge vermittelt. Das Angebot psychoonkologischer Versorgung erfolgt aktiv, d. h. auf den Patienten zugehend, und erfolgt nicht primär abwartend. Die psychoonkologische Unterstützung orientiert sich am individuellen Behandlungsbedarf. Das Vorgehen ist nicht an spezifischen Psychotherapieschulen orientiert. Der Behandlungsrahmen ist abhängig vom Krankheitszustand und der medizinischen Behandlungssituation.

 

Bestandteile der psychoonkologischen Versorgung können sein: Psychologische Diagnostik, psychoonkologische Beratung und Informationsvermittlung, psychoedukatives Training zur Stärkung von Ressourcen, Begleitung eines Sterbenden und der Angehörigen, gezielte psychotherapeutische Interventionen zur Verbesserung der Krankheitsverarbeitung und zur Reduktion von Angst und Depressivität, systemische Ansätze zur Förderung der Ressourcen im familiären Umfeld, Vermittlung und Training von Kommunikationsstrategien zur Verbesserung der Kommunikation mit Behandlern und Kriseninterventionen.

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Wegweiser

Ein Wegweiser über psychosoziale Angebote für Krebspatienten und -patientinnen im Raum Ulm und Neu-Ulm (1.Aufl. Nov. 2004)

 

Ziel: Wegen der immer noch unzureichenden Vernetzung psychoonkologischer bzw. psychosozialer Angebote für Krebspatienten und deren Angehörige wurde gemeinsam mit einer interdisziplinären Arbeitsgruppe des Universitätsklinikums Ulm ein psychosozialer Beratungsführer entwickelt. Für Information, Rat und Unterstützung suchende Krebspatienten und ihre Angehörigen wurden in der ersten Auflage insgesamt 99Angebote in der Region Ulm und Neu-Ulm (Einzugsbereich 30 km) zusammengestellt.

 

Methode: Mit den gängigen Suchwerkzeugen (z. B. Internet, medizinische Fachverbände, berufsständische Organisationen) wurden 273 Adressen potentieller Anbieter im Raum Ulm und Neu-Ulm zusammengestellt, die zur Darstellung Ihrer Angebote in dem Beratungsführer eingeladen wurden. Insgesamt lagen bei Redaktionsschluß 99 Rückmeldebögen vor, die die Basis für die 1. Auflage des Beratungsführers bilden.

 

 

Die aufgeführten Angebote beziehen sich auf folgende Bereiche:


    • Für stationäre Patient/innen im Universitätsklinikum Ulm gibt es psychotherapeutische, sozial-beratende und seelsorgerliche Angebote. Zusätzlich sind Hilfen im Rahmen der schmerztherapeutischen Versorgung sowie der Organisation pflegerischer häuslicher Versorgung vorhanden.

    • Auch nicht-universitäre Krankenhäuser bieten für die Zeit des stationären Aufenthalts bzw. ambulant psychosoziale Unterstützung an.

    • Psychotherapeutische und psychoonkologische Angebote erhalten Sie von ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten und von Fachärzten für Psychosomatische Medizin.

    • Besonders geschulte Seelsorger und Seelsorgerinnen (Pfarrer u. a.) sowie weitere Mitarbeiter und Beratungsstellen der Kirchen bieten seelsorgerliche Unterstützung an.

    • In Selbsthilfegruppen können Sie sich informieren, mit anderen Betroffenen Ihre Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen.

    • Beratung hinsichtlich sozialer, wirtschaftlicher und sozialrechtlicher Probleme bei Krebserkrankungen wie zum Beispiel zur Berentung, zum Schwerbehindertengesetz oder zu Rehabilitationsleistungen wird von mehreren Einrichtungen übernommen.

    • Ambulante und stationäre Hospizeinrichtungen bieten Unterstützung in der letzten Lebensphase an und begleiten in der Zeit des Sterbens.

    • Fachärztinnen und -ärzte bieten als onkologische verantwortliche Ärzte zusätzlich zur medizinischen Versorgung psychosoziale Unterstützung an.

 

Der Beratungsführer ist im Internet unter www.tumorzentrum-ulm.de erhältlich.

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Beratung / Fortbildungen

Psychoonkologische Beratung und Fortbildungen für Ärzte und Medizinstudenten sowie Mitarbeiter der Pflege aus der Abteilung Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie

 

Eine qualifizierte psychoonkologische Basisqualifikation von Ärztinnen und  Ärzten sowie von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Pflege ist von herausragender Bedeutung für eine gelungene Interaktion und Kommunikation zwischen Behandlern und Patienten sowie Angehörigen. Aus diesem Grunde finden spezifische Fortbildungsveranstaltungen mit Ärzten und Pflegekräften sowohl innerhalb der Abteilung als auch abteilungsübergreifend mit Pflegekräften im Rahmen der innerbetrieblichen Fort- und Weiterbildung (IBFW) der Pflegedirektion statt.

 

Kernbereiche der Fortbildungsveranstaltungen sind: Psychologische und psychosomatische Grundkenntnisse, Grundkenntnisse psychologischer Diagnostik, Basiskompetenzen gelungener Gesprächsführung, Kenntnisse psychoonkologischer Begleitfaktoren und Comorbiditäten sowie von Ansätzen zur Förderung gelungener Krankheitsverarbeitung, Kenntnisse systemischer Interaktionsprozesse. Didaktische Methoden sind interdisziplinäre Fallbesprechungen, Rollenspiele, Informationsveranstaltungen, Literaturstudium, Selbsterfahrungsstrategien und Vorlesungen für Studenten.

 

Die Integration der psychoonkologischen Versorgung in die Gesamtversorgung der Abteilung ermöglicht es, in konkreten Belastungssituationen auf einer peripheren Station moderierende Unterstützung auch für das Behandlungsteam anzubieten.

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Eigene psychoonkologische Forschung

Hintergrund:


Die klinisch-wissenschaftliche Basis der Psychoonkologie besteht mittlerweile aus einer Vielzahl kontrollierter Interventionsstudien, die zeigen, daß mit den Angeboten sowohl die aktive Krankheitsverarbeitung als auch die Lebensqualität unterstützt werden kann. Auch Effekte auf die Überlebenszeit von Tumorpatienten werden diskutiert. Gleichzeitig besteht in diesem Bereich weiterhin ein erheblicher Forschungsbedarf aufgrund der mangelnden Vergleichbarkeit und methodischer Probleme vieler Studien. Darüber hinaus stellen sich mit der Etablierung der Psychoonkologie im klinischen Alltag zunehmend die Fragen nach dem gezielten Nutzen spezifischer Leistungsangebote sowie nach einer angemessenen Qualitätssicherung der Leistung (Koch 1998). Insbesondere im Hinblick auf die Neuerungen im Gesundheitssystem in Zusammenhang mit den „Diagnosis Related Groups“ oder den „Disease Management Programs“, ist es erforderlich, Konzepte einer integrierten psychoonkologischen Versorgung weiterzuentwickeln (Schumacher 2002).

 

 

Forschungsmethode:


In einer prospektiven randomisierten Interventionsstudie, durchgeführt mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe e. V., wurde geprüft, ob die psychoonkologische Betreuung stationärer chirurgischer Patientinnen und Patienten mit kolorektalen Karzinomen zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Reduktion der Situationsangst beiträgt (Determann et al. 2003, 2003 2004). Insgesamt nahmen 106 Patientinnen und Patienten, die mit der Ersterkrankung eines kolorektalen Karzinoms zur kurativen Operation in der Chirurgie aufgenommen wurden, an der Studie teil. Nach der Basiserfassung der Lebensqualität (EORTC-QLQ-C30) (Aaronson et al. 1993) und der Situationsangst (STAI) (Laux et al. 1981) wurden die Patienten durch Randomisierung einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe wurde während des stationären Aufenthaltes mit Beginn am Tag vor der Operation individuell psychoonkologisch betreut. Die andere Gruppe diente als Vergleichs- bzw. Kontrollgruppe. Die Datenerfassung wurde für alle Patienten zehn Tage und drei Monate nach der Operation wiederholt.

 

 

Ergebnisse und Ableitungen:


Die Ergebnisse zeigen, dass 32 % der betreuten Patientinnen und Patienten der Interventionsgruppe eine manifeste psychische Störung (ICD 10) (in der Kontrollgruppe wurde dieses nicht erfasst) entwickeln. Da Patienten mit einer bekannten psychischen Störung von der Aufnahme in die Studie ausgeschlossen waren, kann daraus abgeleitet werden, daß diese Störungen in der Zeit des Aufenthalts in der Chirurgischen Klinik erstmals manifest wurden bzw. als Reaktion auf die Erstdiagnose und Erstbehandlung zu sehen sind. Epidemiologische Untersuchungen in den USA zeigen, daß 40 - 50 % aller Krebspatienten reaktive, psychische Störungen entwickeln, die je nach Ausprägung und Schweregrad über ein bis zwei Jahre nach der Erstbehandlung andauern (Weis 2001). Das Studienergebnis liefert einen Hinweis darauf, daß 3/4 bis 3/5 aller Patientinnen und Patienten, die eine psychische Störung entwickeln, frühzeitig erkannt werden können.

Die Ergebnisse zeigen weiterhin, dass die stationäre psychoonkologische Betreuung der Patienten und Patientinnen einen signifikant positiven Effekt hat im Sinne der Verbesserung des emotionalen Befindens während des stationären Aufenthalts. Dieser Effekt ist allerdings nicht über den stationären Zeitpunkt hinaus nachweisbar. Nach drei Monaten unterscheidet sich die betreute Gruppe nicht mehr von der nicht betreuten Gruppe. Die Betreuung unterstützt zusätzlich die Reduktion der Situationsangst. Dieser Effekt ist deutlich abhängig von der Anzahl der Betreuungssitzungen, die mit dem Patienten bzw. der Patientin durchgeführt wurden. Der Hauptgrund für die variierende Anzahl der Sitzungen pro Patient besteht in der postoperativen Verweildauer, deren Verlängerung in erster Linie in einem Auftreten von Komplikationen nach der Operation begründet ist. Bei einer relativ kurzen Verweildauer nach der Operation in der Chirurgischen Klinik (Medianwert = 11 Tage) ist auch die Zeit für die Betreuung der Patienten sehr begrenzt. Entsprechend sollte das Angebot zur psychoonkologischen Betreuung nach der Entlassung aus der Akutklinik fortbestehen können.

 

 

Zusammenfassung:


Aus den Ergebnissen läßt sich ableiten, daß die psychoonkologische Betreuung Tumorpatienten zur Angstreduktion und zur Verbesserung des emotionalen Befindens angeboten werden sollte. Die Betreuung sollte frühzeitig beginnen, weil die Situationsangst präoperativ besonders hoch ist. Sie sollte in den Behandlungsablauf integriert werden und insbesondere Patienten mit postoperativen Komplikationen zugute kommen, weil bei Komplikationen die Belastung extrem ansteigt. Auch Koch und Weis unterstreichen, daß ein in das Behandlungssetting integrierter Ansatz einem Konsiliardienst vorzuziehen ist (Koch, Weis 1998). Für eine auf die Zukunft ausgerichtete Betrachtungsweise wäre zu fordern, daß die psychoonkologische Betreuung unabhängig von der Verweildauer sein sollte bzw. sich über den stationären Aufenthalt hinaus am individuellen Bedarf der Patientinnen und Patienten orientieren sollte.

 

 

Literatur:

    • Aaronson NK, Ahmedzai S, Bergmann B, Cull A, Duez NJ, Filiberti A, Flechtner-Fleischmann SB, de Haes JC, Kaasa S, Klee M, Osoba D, Razavi D, Rofe PB, Schraub S, Sneeuv K, Sullivan M, Takeda F (1993) The European Organization for Research and Treatment of Cancer (EORTC) QLQ-C30: A quality-of-life instrument for use in international clinical trials in oncology. J National Cancer Institute 85 (5): 365-376

    • Determann MM, Kollenbaum VE, Kremer B, Henne-Bruns D (2003) Eine randomisierte prospektive Interventionsstudie zu Effekten psychoonkologischer Betreuung stationärer chirurgischer Patienten mit colorectalen Carcinomen. Chirurgisches Forum, Bd. 32, Heidelberg, Springer, 531-533

    • Determann MM, Henne-Bruns D (2003) Psychoonkologie bei Tumorpatienten. CHAZ 4. Jhrg. Heft 4, 159-163

    • Determann MM, Kollenbaum VE, Henne-Bruns D (2004) Der Nutzen des Fragebogens zur Erfassung der Lebensqualität EORTC-QLQ-C30 für die psychoonkologische Outcome-Forschung. Zentralbl Chir 129. Jhrg, Heft 1, 14-17

    • Koch U (1998) Psychoonkologie in Deutschland. Psychother Psych Med 48: 319-320

    • Koch U, Weis J (1998) Bilanz der Ergebnisse des Förderschwerpunkts. In: Koch U, Weis J (Hrsg) Krankheitsverarbeitung bei Krebs und Möglichkeiten der Unterstützung. Schattauer. Stuttgart, 467-487

    • Laux L, Glanzmann P, Spielberger CD (1981) Das State-Trait-Angstinventar (STAI). Hogrefe Testzentrale, Göttingen

    • Schumacher A (2003) Vernetzung psychoonkologischer Versorgungsstrukturen – von der Utopie zum Regelfall? Psychother Psych Med 2: 138

    • Weis J (2001) Die Psychoonkologie und ihre Bedeutung für die Krebsmedizin: Aktuelle Entwicklungstrends und zukünftige Forschungsaufgaben. Onkologie 24 (1): 74-79

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