CANMANAGE: Implementierung und Evaluation einer bedarfsgerechten, gemeindenahen Hilfsprozess-Koordination für Kinder und Jugendliche nach Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung

  

 

Projektförderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Projektträger: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. 

 

Projektlaufzeit: 01.04.2012 bis 31.03.2015

 

Verbundleiter

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Lutz Goldbeck

Universitätsklinikum Ulm; Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie; Steinhövelstraße 5; 89075 Ulm

 

Beteiligte Studienzentren

  • Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Steinhövelstr. 1, 89075 Ulm
  • ZfP Südwürttemberg, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Weingartshoferstr. 2, 88214 Ravensburg
  • SHG-Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Waldstr. 40, 66271 Kleinblittersdorf
  • Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln, Universität Witten / Herdecke, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Dr. Friedrich Steiner Str. 5, 45711 Datteln
  • Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH, Zentrum für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Am Wienebütteler Weg 1, 21339 Lüneburg

 

 

Forschungsverbund CANMANAGE

Der Forschungsverbund beschäftigt sich mit der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von misshandelten, missbrauchten und/oder vernachlässigten Kindern. Das Akronym CANMANAGE steht für CAN=Child Abuse and Neglect und MANAGE = Case-Management bzw. Hilfeprozesskoordination.

Die drei Teilprojekte „Case-Management Interventionsstudie“ (1), „Resilienzstudie“ (2) und „Migrations- und kulturbezogene Themen“ (3) widmen sich im Rahmen des Forschungsverbunds in enger Verzahnung der Erforschung von Methoden zur Optimierung der Versorgung missbrauchter, misshandelter oder vernachlässigter Kinder an der Schnittstelle verschiedener Hilfesysteme (Kinder- und Jugendhilfe, Justiz, Gesundheitsversorgung). Ausgehend von der vielfach belegten Erkenntnis, dass es sich bei misshandelten Kindern und Jugendlichen um eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung psychischer Störungen und langfristiger psychosozialer Beeinträchtigungen handelt, mangelt es in der Versorgungspraxis an einer frühzeitigen Umsetzung psychiatrisch-psychotherapeutischer Interventionen. Opfer von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung werden nicht oder häufig erst verspätet klinisch versorgt und erhalten zu selten evidenzbasierte Therapien. Besonders benachteiligte Gruppen wie z.B. Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien werden bislang aufgrund von Sprach- und Kulturbarrieren von Therapieangeboten besonders selten erreicht.

Gemeinsame Ziele der drei Teilprojekte sind:

  • Frühzeitige Identifikation von Kindern und Jugendlichen mit klinisch relevanten Traumafolgestörungen
  • Untersuchung von spezifischen Risiko- und Resilienzfaktoren
  • Verkürzung des Intervalls unbehandelter Traumafolgestörungen mittels Implementierung einer strukturierten, gemeindenahen Hilfeprozesskoordination.

 

Die beiden Teilprojekte 1 und 2 sind an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm angesiedelt. Das Teilprojekt 3 wird von Prof. Dr. Rita Rosner von der Universität Eichstätt-Ingolstadt geleitet.

 

Wer kann an CANMANGE teilnehmen?

  • Kinder und Jugendliche von 4-17 Jahren,
  • die in ihrer Vergangenheit körperlichen, emotionalen oder sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung erfahren haben,
  • die sich aktuell in stabilen, sicheren Lebensumständen ohne Gefahr wiederholter Misshandlung befinden und bei denen sich
  • eine nicht-misshandelnde Bezugsperson ebenfalls zur Teilnahme an der Studie bereiterklärt 

 

 

CANMANAGE Teilprojekt 1: Interventionsstudie

 

Projektleitung

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Lutz Goldbeck

 

Projektkoordination

Dr. Dipl.-Psych. Sabine Loos

 

Projektmitarbeiter

Dipl.-Psych. Helene G. Ganser

Dipl. Dok. Gaurav Berry

 

Projektbeschreibung

Kinder und Jugendliche, die Opfer von Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung geworden sind, haben ein erhöhtes Risiko Traumafolgestörungen und anderen psychischen Störungen zu entwickeln. Viele der betroffenen Kinder erhalten nie oder erst sehr spät Zugang zu Hilfsmaßnahmen und evidenzbasierter Therapie. Auf lange Zeit unbehandelt bleibende Traumafolgestörungen belasten die Betroffenen sehr und schränken ihre Lebenszufriedenheit stark ein. Das Risiko langfristiger psychosozialer Beeinträchtigung der Misshandlungsopfer birgt gesamtgesellschaftliche Probleme wie steigende Gesundheitskosten und wirtschaftliche Kosten durch Arbeitsausfall.

In Anlehnung an ein Interventionsmodell aus den USA (BEST-Bringing Evidence Supported Treatment to South Carolina Children and Families) wird an fünf Standorten in Deutschland (Ulm, Weissenau, Kleinblittersdorf, Datteln und Lüneburg) auf Gemeindeebene an der Schnittstelle verschiedener Hilfesysteme eine koordinierte Hilfsprozess-Koordination implementiert. Aus einem Kreis von Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe, der Polizei und Gerichten sowie des Gesundheitsversorgung, die im Rahmen ihrer Tätigkeit Kontakt zu betroffenen Familien haben, werden sog. Case-Manager ausgebildet. Ein Case-Manager begleitet ein minderjähriges Misshandlungsopfer und ggf. dessen Familie auf dem Genesungsweg. Der Case-Manager hält Kontakt zu den Betroffenen, erfasst den psychiatrisch-psychotherapeutischen Hilfebedarf und vermittelt, wenn nötig, den Zugang zu evidenzbasierter Therapie.

Das Interventionsmodell wird im Rahmen einer kontrollierten randomisierten Studie evaluiert. Über die fünf Projektstandorte werden ca. 300 Kinder und Jugendliche als Studienteilnehmer gewonnen, die aufgrund von Missbrauchs-, Misshandlungs- oder Vernachlässigungserfahrungen in ihrer Vergangenheit eine psychische Störung entwickelt haben. Per Zufall wird entschieden welchen Probanden ein geschulter Case-Manager zugeteilt wird. Den restlichen Probanden kommt die übliche Versorgung zu, ihre Fälle werden ohne Einschaltung eines Case-Managers nach den in der jeweiligen Institution bisher üblichen Standards bearbeitet. Mitarbeiter des Projektes befragen die minderjährigen Studienteilnehmer sowie eine nicht-misshandelnde Bezugsperson in regelmäßigen Abstanden über einen mehrjährigen Zeitraum. Untersucht werden u.a. die Länge der Zeiträume, bis behandlungsbedürftige Probanden eine evidenzbasierte Therapie erhalten, die Häufigkeit von Behandlungsabbrüchen sowie die Reduktion von psychischen Auffälligkeiten über den Zeitraum der Studie in beiden Bedingungen.

Ziel des Projektes ist die Verkürzung des Zeitraums unbehandelter Traumafolgestörungen bei misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern und Jugendlichen und die Verbesserung der bedarfsgerechten psychiatrisch-psychologischen Versorgung der minderjährigen Misshandlungsopfer. Die im Rahmen des Projektes ausgebildeten und geschulten Case-Manager sollen über das Projektende hinaus tätig sein und damit für eine nachhaltige Versorgungsverbesserung an den Projektstandorten beitragen. Für den Fall einer positiven Evaluation des Interventionsmodells wird dessen flächendeckende Verbreitung und Implementierung eingeleitet.

 

CANMANAGE Teilprojekt 2: Resilienzstudie

 

Projektleitung

Prof. Dr. Jörg M. Fegert

Vertretung: Dr. Paul Plener

 

Projektkoordination

Dr. Dipl.-Psych. Sabine Loos

 

Projektmitarbeiter:

 

Dipl.-Psych. Andreas Witt

Dipl. Dok. Gaurav Berry

 

Projektbeschreibung

Resilienz wird als Abwesenheit klinisch relevanter psychischer Symptome nach Viktimisierung durch Missbrauch, Misshandlung und/oder Vernachlässigung definiert. Sie kann auch als „seelische Unverwundbarkeit“ bzw. adaptive Bewältigung potentiell traumatischer Ereignisse konzeptualisiert werden. Nach bisherigen Erkenntnissen trägt die Mehrheit minderjähriger Misshandlungsopfer  psychische Folgeschäden wie posttraumatische Symptome oder andere psychische Auffälligkeiten davon. Ein Teil der Kinder und Jugendlichen mit Misshandlungserfahrungen zeigen jedoch Resilienz.

Die Identifikation von Resilienzfaktoren nach Kindesmisshandlung ist eine zentrale, bislang nicht hinreichend beantwortete entwicklungspsychopathologische Forschungsfrage. Erkenntnisse zu Resilienzfaktoren sind auch praktisch und klinisch von großer Bedeutung, z.B. bei der Therapieplanung für Betroffene und bei der Ressourcenförderung für gefährdete Kinder.

Im Rahmen der Resilienzstudie werden die Lebensumstände sowie kognitive Strategien minderjähriger Misshandlungsopfer ohne psychische Störungen untersucht und mit den psychisch beeinträchtigten Kindern aus der Interventionsstudie (siehe oben) verglichen. Probanden der Resilienzstudie werden über einen mehrjährigen Zeitraum von Mitarbeitern der Studie zu ihrem Befinden befragt. Da Misshandlungsopfer auch verzögert Traumafolgestörungen entwickeln können, ist eine solche systematische Nachbeobachtung der primär resilient erscheinenden Kinder und Jugendlichen sinnvoll. Bislang ist noch weitestgehend ungeklärt welche Rolle kognitive Copingstrategien - wie z.B. die Fähigkeit von der Misshandlung zu berichten und die Verantwortung des Täters für die Misshandlung anzuerkennen - in der Bewältigung der Misshandlungserlebnisse spielen. Bereits in der Literatur beschriebene Risiko- und Resilienzfaktoren wie Tätermerkmale, Misshandlungstyp- und Dauer, Beziehung zum Täter, Geschlecht, Alter bei Exposition, Zeit seit der Misshandlung, zusätzliche psychosoziale Belastungen wie psychische Erkrankung eines Elternteils, Armut, Bezugspersonenwechsel, erhaltene Hilfsmaßnahmen oder forensische Maßnahmenwie Erfahrungen in der Opferzeugenrolle werden ebenfalls empirisch überprüft.

Die Resilienzstudie verfolgt das Ziel, Resilienzfaktoren nach Misshandlung aufzuklären, die Stabilität einer initialen Resilienz zu prüfen und aus den Erkenntnissen entsprechende klinische Handlungsempfehlungen abzuleiten.

 

Ansprechpartner für Rückfragen:

CANMANAGE Studienzentrale

Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm

Steinhövelstr. 1, D-89075 Ulm

Tel.: 0731/500-62676, Fax: 0731/500-62668

E-mail: canmanage.kjp[at]uniklinik-ulm.de

 

Für weitere Information:

http://canmanage.de/

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