Guter Start ins Kinderleben
Die Grundlagen und Ziele des Modellprojektes
„Guter Start ins Kinderleben“
„Guter Start ins Kinderleben“ ist ein Modellprojekt zur frühen Förderung und Stärkung der Beziehungs- und Erziehungskompetenzen von Eltern zur wirksamen Prävention von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung im frühen Lebensalter. Ziel des Modellprojekts ist es, belastete Eltern möglichst von Beginn an zu unterstützen, um Überforderung in den Familien zu vermeiden.
Die wichtigste Grundlage des Modellprojekts ist dabei die Überzeugung, dass gelingender Kinderschutz interdisziplinär angelegt sein muss und nur vor dem Hintergrund bestehender Angebote und Regelstrukturen nachhaltig sinnvoll gestaltet werden kann. Zu wirksamem Kinderschutz gehören klar geregelte Verfahrenswege und Zuständigkeiten. Das Ziel der Kooperation ist die interdisziplinäre Vernetzung im Bereich der frühen Kindheit.
Für eine optimale Unterstützung und Versorgung werden im Rahmen des Modellprojektes interdisziplinäre Kooperationsformen und Vernetzungsstrukturen erprobt und entwickelt. Diese sollen ausdrücklich auf bestehenden Regelstrukturen aufbauen und in bestehende Regelstrukturen eingebunden werden. Wichtiger Schwerpunkt ist es, Angebote von Jugend- und Gesundheitshilfe systematisch miteinander zu koordinieren und dieses Vernetzungskonzept auf der Basis bestehender sozialrechtlicher Grundlagen, Leistungsansprüche und vorhandener Angebote bzw. Zuständigkeiten auf Praxistauglichkeit und Wirksamkeit zu prüfen.
Das Modellprojekt wird im gemeinsamen Diskussions- und Abstimmungsprozess zwischen Praxis und Forschung durchgeführt. Nur so lassen sich tragfähige und nachhaltige Veränderungen umsetzen.
Ein weiteres Ziel für die Arbeit an den Standorten ist die Bereithaltung passgenauer und lückenloser Angebote für die frühe Kindheit, die bestehende Angebotsstruktur zu optimieren und gegebenenfalls zu ergänzen.
Aus den Erfahrungen an den Modellstandorten soll ein „Werkbuch Vernetzung“ mit Glossar für interessierte Praktiker außerhalb der Modellstandorte entwickelt werden.
Das Modellprojekt „Guter Start ins Kinderleben“ ist ein Praxisforschungsprojekt, in dem das Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder und Jugendpychiatrie / Psychotherapie sowohl Aufgaben der Praxisbegleitung (Runde Tische an den Modellstandorten, Expertisen, Weiterbildung Entwicklungspsychologische Beratung, Workshop Kinderschutz, Werkbuch Vernetzung mit Glossar) als auch die Forschungsbegleitung mit ihren unterschiedlichen Evaluationsfragen (Experteninterviews zum Kinderschutz, Netzwerkanalyse, fallbezogene Evaluation) übernimmt. Das Projekt wird durch einen wissenschaftlichen Beirat begleitet, der in halbjährlichen Abständen zur Beratung der Projektmitarbeiter zusammen kommt. Daneben finden regelmäßige Kontakte mit den jeweiligen Auftraggebern, den Ministerien auf Landes- und Bundesebene statt.
Die Begleitung der Modellstandorte
Die Praxisbegleitung ist der Auftrag der beteiligten Bundesländer an das Modellprojekt.
Als zentrales Instrument wurden „Runde Tische“ an den jeweiligen Modellstandorten eingeführt. Teilnehmer sind alle, die aufgrund ihrer Profession mit dem Thema Kinderschutz in Berührung kommen (Jugendhilfe, Gesundheitshilfe, Beratungsstellen, Polizei, Justiz etc.). Ziel der Runden Tische ist die Schaffung einer gemeinsamen Kommunikationsplattform, bei der Themen des Kinderschutzes besprochen werden können (örtliche Angebots- und Vernetzungstruktur, Gestaltung von Übergängen etc.) und ggf. die Erarbeitung eines Multiplikatorensystems, mit dem nicht beteiligte Personen und Institutionen in den Gesamtprozess einbezogen werden können. Die Vorbereitung und Durchführung erfolgt in Kooperation mit den örtlichen Projektkoordinatoren und dem Deutschen Institut für Jugendhilfe- und Familienrecht, das für fachlichen Input und die Moderation der Runden Tische zur Verfügung steht. Die Rolle des Universitätsklinikums Ulm besteht in der Steuerung und Auswertung des Gesamtprozesses und in fachlichem Input an den Runden Tischen.
Für die fachliche Begleitung des Projektes und der Runden Tische wurden zwei Expertisen in Auftrag gegeben.
Unter dem Titel „Kooperation für einen guten Start ins Kinderleben – der rechtliche Rahmen“ wurde von Dr. Thomas Meysen und Lydia Schönecker, Deutsches Institut für Jugendhilfe und Familienrecht, eine Expertise zu den sozial- und datenschutzrechtlichen Grundlagen im Bereich Kindeswohlgefährdung erstellt. Die Expertise analysiert sozial- und datenschutzrechtliche Grundlagen und Voraussetzungen für eine verbesserte Kooperation im Bereich früher Hilfen insbesondere an der Schnittstelle zwischen Gesundheitshilfe und Kinder- und Jugendhilfe.
Unter dem Titel „Wie könnte ein Risikoinventar für frühe Hilfen aussehen?“ wurde von Dr. Heinz Kindler, Deutsches Jugendinstitut, eine weitere Expertise erstellt. Die Expertise fasst fachliche Grundlagen eines Risikoinventars für den Bereich frühe Hilfen zusammen und leitet daraus einen Vorschlag für ein Screeninginstrument (Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch) ab. Dieses eignet sich insbesondere als Baustein für eine frühe und präventive Risikoerfassung für die Zeit rund um die Geburt und im Gesundheitsbereich, da hier gute und wenig stigmatisierende Möglichkeiten eines niedrigschwelligen Zugangs zu Eltern liegen.
Bei der geplanten Publikation der erweiterten Expertisen im Juventa Verlag 2008 werden insbesondere die derzeitigen gesetzlichen Initiativen zur Verbesserung des Kinderschutzes in den Bundesländern sowie die Neuerungen/Veränderungen in den Zuständigkeiten und Möglichkeiten von Hebammen ergänzt.
Ein weiteres Instrument, das den Einsatz passgenauer Hilfen in der Jugendhilfe erleichtern soll, wurde in Kooperation zwischen Heinz Kindler und dem Team des Projektes „Guter Start ins Kinderleben“ entwickelt. Momentan wird es ausgewählten Praktikern zur Überprüfung vorgelegt.
Als ein Baustein zur Erweiterung der Angebotsstruktur im Bereich der frühen Förderung elterlicher Beziehungs- und Erziehungskompetenzen wird an allen Standorten die Weiterbildung „Entwicklungspsychologische Beratung zur frühen videogestützten Bindungsförderung“ als erprobtes, niedrigschwelliges Beratungskonzept für die sekundäre Prävention in der frühen Kindheit angeboten. Die Entwicklungspsychologische Beratung unterstützt Eltern beim Aufbau einer positiven und entwicklungsfördernden Beziehung mit ihrem Baby und fördert ihr feinfühliges Verhalten. Das Angebot lässt sich gut mit anderen Angeboten der Jugendhilfe verbinden. Auch Eltern in belastenden Lebensbedingungen nehmen Unterstützung beim Beziehungsaufbau und im Umgang mit dem Säugling gut an und akzeptieren Hilfe, wenn sie frühzeitig angeboten wird. Als „nicht-moralisierendes“ Vorgehen hat sich dabei besonders die Anwendung von Videotechnik bewährt. Die Weiterbildung umfasst vier mal vier Tage und beinhaltet neben entwicklungspsychologischen Grundlagen klinische Entwicklungspsychologie, die Einübung der Entwicklungspsychologischen Beratung und Schritte zur Implementierung der Beratung. Angesprochen sind professionelle Praktiker wie Sozialpädagogen, Psychologen, Hebammen und Kinderärzte. Die ersten zertifizierten Abschlüsse finden ab Mai 2008 statt.
Zur Schulung von Mitarbeitern im Bereich Gesundheitshilfe zum Einsatz des Screening-Instruments in der Zeit um die Geburt („Anhaltsbogen für ein vertiefendes Gespräch“) und zur Weitervermittlung von frühen Hilfen wurde der „Workshop Kinderschutz“ entwickelt. Er wurde bereits an mehreren Standorten durchgeführt. Das entwickelte Konzept wird aufgrund der ersten Praxiserfahrungen überarbeitet und manualisiert.
Inhalte des „Workshop Kinderschutz“ sind im Einzelnen
- Risiken von (drohender) Kindeswohlgefährdung unter besonderer Berücksichtigung von videogestützter Verhaltensbeobachtung von Eltern-Kind-Interaktionen
- Informationen zum Datenschutz bei Kindeswohlgefährdung und zum Umgang in der interdisziplinären Praxis (in Kooperation mit Dr. Thomas Meysen, DIJuF)
- Kommunikationstraining für Elterngespräche zur Vermittlung von weiterführenden Hilfeangeboten.
Als Ergebnis der Praxisbegleitung und der Erfahrungen an den Modellstandorten wird ein Werkbuch Vernetzung erstellt. Es soll interessierten Praktikern die Möglichkeit geben, auf der Grundlage der Erfahrungen im Modellprojekt eigene Vernetzungsprozesse zu planen, zu strukturieren und umzusetzen. Die im Projekt gesammelten Praxiserfahrungen werden nach zeitlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten strukturiert.
Das Glossar hat die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache im Prozess der Vernetzung unterschiedlicher Professionen zum Ziel.
Evaluation
Gegenstand der Evaluation sind sowohl die Veränderungen der qualitativen Verständigungs- und Vernetzungsprozesse an den Modellstandorten als auch die Auswirkungen auf das Auftreten von Vernachlässigung/Misshandlung bei den Kindern. Hierzu werden Experteninterviews, eine Netzwerkanalyse und die fallbezogene Evaluation durchgeführt.
Für die Experteninterviews wurden Personen aus unterschiedlichen, für das Thema Kinderschutz relevanten Bereichen zum Thema Kinderschutz und Vernetzung befragt. Die Interviews sollen Aufschluss über berufsgruppen- und institutionsspezifische Sichtweisen und Vorgehensweisen geben.
Bei der Netzwerkanalyse werden die Angebots- und Vernetzungssituation an allen relevanten Einrichtungen zu Beginn und nach der Phase des Modellprojektes in den Modellstandorten evaluiert. Zum einen können damit die bereits zu Beginn vorhandenen Angebote und Kooperationsbeziehungen aufgezeigt werden, zum anderen können Veränderungen in der Angebots- und Vernetzungsstruktur im Zeitraum des Modellprojektes quantitativ und qualitativ dargestellt werden.
Im Zentrum der fallbezogenen Evaluation steht die Frage, ob belastete Mütter, die Entwicklungspsychologische Beratung erhalten haben, nachhaltig feinfühliger mit ihren Säuglingen umgehen können und ob sich dieses Verhalten langfristig positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Im Rahmen eines quasiexperimentellen Designs wird eine Interventionsgruppe (Mütter mit ihren neugeborenen Säuglingen, die Entwicklungspsychologische Beratung erhalten) mit einer Kontrollgruppe (Mütter, die andere Angebote der Jugend- und Gesundheitshilfe erhalten) verglichen. Belastete Mütter in unterschiedlichen Risikosituationen werden einbezogen (jugendliche Mütter, psychisch erkrankte Mütter, Mütter von Kindern mit spezifischen Entwicklungsrisiken, Mütter mit Migrationshintergrund).





