Forschungsschwerpunkte der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie

 

Präferenzbasierte randomisierte Studie zur Evaluation von vier Behandlungsmodalitäten beim Prostatakarzinom mit niedrigem oder „frühem intermediären“ Risiko

PREFERE-LogoFür die Behandlung von Männern mit einem Prostatakarzinom mit niedrigem bis frühem mittlerem Risiko kommen vier Strategien in Betracht:

  • Die vollständig operative Entfernung der Prostata
  • Die Bestrahlung von außen durch die Haut (perkutan)
  • Die Bestrahlung mit dauerhaft in das Gewebe eingesetzte Strahlenquellen (Seed-Implantation)
  • Die aktive Überwachung (Surveillance) anhand regelmäßig erhobener Laborwerte mit der Möglichkeit eine aktive Therapie erst beim Fortschreiten der Erkrankung zu beginnen


Jede der vier Vorgehensweisen ist beim Prostatakarzinom wirksam. Es ist jedoch bisher nicht gesichert, ob sie vollkommen gleichwertig sind oder ob etwa für Teilgruppen der betroffenen Patienten die eine oder andere Therapie vorzuziehen ist. Unter dem Titel PREFERE soll eine große klinische Studie, die von der Urologie des Universitätsklinikums in Homburg/Saar und der Strahlentherapie des Universitätsklinikums in Ulm gemeinsam geleitet wird, diese Frage beantworten.

Um die unterschiedlichen Kombinationen aus medizinischen und allgemein persönlichen Voraussetzungen zu erfassen, durch die zahlreiche Patienten-Untergruppen mit individuellem Risikoprofil entstehen, sollen bundesweit an über 60 Kliniken rund 7600 betroffenen Männern alle vier Therapieoptionen „randomisiert“ angeboten werden. Die große Patientenzahl ist nötig, um statistisch gesicherte Empfehlungen für die jeweilige Untergruppe zu erlauben. Bei der Randomisierung erklärt sich der Patient bereit, die Therapie-Auswahl dem gelenkten Zufall zu überlassen. In dieser besonderen Studie können Patienten dabei maximal zwei der angebotenen Therapieformen ablehnen.
Um verlässliche Aussagen auch über Langzeit-Heilungserfolge aber auch über Nebenwirkung zu erhalten, ist eine Studiendauer von 17 Jahren vorgesehen. Ermöglicht wird dies durch Fördergelder in Höhe von 24 Mio. Euro, die von der Deutschen Krebshilfe und den deutschen Krankenversicherungen zugesagt wurden und die eine unabhängige Untersuchung erlauben. Die Studie wird von der Deutschen Krebsgesellschaft, zahlreichen ärztlichen Standesgremien und der Politik getragen. Erste Patienten konnten bereits im Dezember 2012 rekrutiert werden.

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Multizentrische randomisierte Phase-III-Studie zur Wirkung einer adjuvanten Strahlentherapie bei Patienten mit Prostatakarzinom mit oder ohne positiven Schnittrand nach radikaler Prostatektomie und Lymphknotenmetastasierung mit geringer Tumorlast (Mikrometastasen, ≤ 2 Lymphknotenmakrometastasen). (ART-2-Studie)

Deutsche Krebshilfe Logo ART-2 ist eine von der Deutschen Krebshilfe mit über 1.4 Mio. Euro geförderte multizentrische prospektiv randomisierte klinische Studie über den Nutzen der adjuvanten (vorsorglichen) Strahlentherapie bei Patienten mit operativ entferntem Prostatakarzinom, bei denen die feingewebliche Untersuchung einen Tumorbefall in lediglich ein oder zwei Lymphknoten der Beckenregion ergeben hat. An der auf neun Jahre projektierten Untersuchung sind 22 medizinische Zentren beteiligt.
Bisherige Analysen der verschiedenen post-operativen Vorgehensweisen erlauben keine eindeutige Entscheidung darüber, ob bei minimalem Lymphknotenbefall eine unmittelbar nach Abklingen der akuten Operationsbeschwerden durchgeführte Bestrahlung günstiger ist als die beobachtende Strategie, bei der eine Strahlentherapie erst begonnen wird, wenn Laborwerte oder klinische Symptome des Patienten ein erneutes Tumorwachstum anzeigen. ART-2 soll dies klären, indem die Behandlungsergebnisse mit bzw. ohne adjuvante Bestrahlung bei rund 300 Männer verglichen werden, die über 5-9 Jahre nachbeobachtet werden sollen.

 

Personalisierte Abschätzung von Spätfolgen nach Strahlenexposition und Orientierungshilfe für Strahlenanwendungen in der Medizin (PASSOS)

PASSOS LogoPASSOS ist eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt über 2,7 Mio. Euro geförderte multizentrische Studie zur individualisierten Erfassung von Spätfolgen nach Bestrahlung bei Brustkrebspatientinnen. An dem auf 4 Jahre geplanten Projekt beteiligen sich Ärzte und Wissenschaftler von 6 Universitäten und Forschungszentren.
Aus epidemiologischen Untersuchungen ist bekannt, dass nach Strahlentherapie der weiblichen Brust ein erhöhtes Risiko von Herzerkrankungen (vor allem Veränderungen an Koronargefäßen und Herzklappen) besteht. Individuelle Vorhersagen - insbesondere mit Berücksichtigung Therapie-unabhängiger Risikofaktoren - sind jedoch bisher nicht möglich.

Durch Vergleich der Häufigkeit kardiologischer Störungen bei unbestrahlten und bestrahlten Patientinnen sollen in Ulm Daten erhoben werden, die zur Darstellung der Dosisabhängigkeit kardiologischer Spätreaktionen bei unterschiedlicher individueller Disposition dienen können.

EU gefördertes internationales Forschungsprojekt "ALLEGRO" zur Untersuchung akuter und später Komplikationen nach Strahlentherapie

ALLEGRO LogoDas Projekt hatte eine Laufzeit von 2 Jahren (bis Januar 2011). Themenschwerpunkte waren die (1) Messung und Modellierung der Dosisverteilung im gesamten Körper, also auch außerhalb des Therapievolumens, (2) die Risikoabschätzung für Funktionsstörungen strahlenexponierter Normalgewebe sowie (3) die Risiko-Analyse hinsichtlich möglicher radiogener Zweitmalignome.
An unserer Klinik wurden zwischen 1981 und 2007 rund 22000 Patienten bestrahlt. Für diese Patienten wurden über die übliche Nachsorgezeit von 5 Jahren hinausgehend Informationen zum Gesundheitsstand, insbesondere zu Tumor-Neu-oder Wiedererkrankungen gesammelt.
Knapp 500 Patienten entwickelten Zweitmalignome mit Latenzen von einem Jahr oder mehr - bei noch kürzerer Latenz ist eine Strahleninduktion der Erkrankung extrem unwahrscheinlich. Bezogen auf die individuellen Nachbeobachtungszeiten ergab sich bei den zum Zeitpunkt der ersten Strahlentherapie im Median knapp 60-jährigen Patienten ein Risiko von ca. 1% pro Jahr. In dieser Rate sind spontane Fälle ebenso enthalten wie solche, die durch Strahlung oder begleitende Chemotherapie ausgelöst wurden. Das Risiko, durch die Strahlentherapie einen Zweittumor auszulösen ist demnach relativ gering. Fall-Kontroll-Studien mit festgelegten Erst- und Zweittumorarten haben gezeigt*, dass für ausgewählte Tumorarten bei verbesserter Datenlage aussagefähige Modellrechnungen erwartbar sind. Wir setzen daher diese Untersuchungen auch nach Auslaufen des ALLEGRO-Projektes fort.

*Bartkowiak et al. Second cancer after radiotherapy, 1981-2007. Radiother Oncol 2012;105:122-6.

Klinische Untersuchungen zu Therapiemodalitäten

Unsere Klinik leitet eine der weltweit drei randomisierten Studien zur adjuvanten Strahlentherapie nach radikaler Prostatektomie (ARO 96-02), deren 5 Jahres Ergebnisse 2009 im Journal of Clinical Oncology publiziert wurden. Die 10-Jahresdaten wurden bereits auf internationalen Kongressen (ASCO-GU 2013, EAU 2013) vorgestellt; die ausführliche Publikation ist ebenfalls für 2013 in Vorbereitung.
Umfangreiche prospektive und retrospektive Untersuchungen beschäftigen sich mit der Wertigkeit der PET-CT bei PSA-Anstieg nach radikaler Prostatektomie sowie der Therapie des histologisch gesicherten Lokalrezidivs nach radikaler Prostatektomie.
Bei der in unserer Klinik seit einigen Jahren etablierten "Rapid Arc-Technik" werden Patienten mit einer komplex geplanten 360°-Bestrahlung hochpräzise bildgeführt (IGRT), effektiv und zeitsparend behandelt. Alternativ stehen die intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT auch bildgeführt) und die ebenfalls 3D geplante konventionelle Bestrahlung zur Verfügung. Bei der intraoperativen Strahlentherapie (IORT) wird die Tumorloge (der ehemalige Sitz des operativ entfernten Tumors) mit weicher Röntgenstrahlung behandelt um verbliebenes Tumorgeweben oder vereinzelte lokal abgesiedelte Tumorzellen zu inaktivieren. Der postoperative Behandlungsaufwand reduziert sich dadurch erheblich. Inzwischen wurden mehr als 150 Brustkrebs-Patientienen auf diese Weise therapiert.
Die Entscheidung über die jeweils optimale Therapieform ist Gegenstand regelmäßiger wissenschaftlicher Analysen durch die Fachgremien der onkologischen Disziplinen („Evidenz-basierte Medizin“) und unser Haus beteiligt sich mit seinen Erfahrungen an dieser Diskussion.

 

Das strahlenbiologische Labor

Mit Hinblick auf die Bedeutung der simultanen oder sequenziell kombinierten Radiochemotherapie werden im strahlenbiologischen Labor der Klinik an Zelllinien aus Lungen-, Prostata- und Kolonkarzinomen Untersuchungen zum wechselseitigen Einfluß von Chemo- und Strahlenresistenz auf verschiedene biologische Schlüssel-Aktivitäten durchgeführt. Die Teilungsfähigkeit, Aktivierung und Funktion molekularer Pumpmechanismen, zelluläre Alarmsignale und die Reparatur von DNA-Schäden werden analysiert. Methodisch basieren diese Arbeiten im Wesentlichen auf bildgestützter Immunzytologie, multiparametrischer Durchflußzytometrie und RT-PCR mit Gelelektrophorese. Bisherige Ergebnisse zeigen ein heterogenes Muster von Ursachen und Einflüssen bei der Radio- und Chemoresistenz.

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