Arbeitsgruppe Medizinische Psychologie

Leitung: Prof. Dr. Carmen Uhlmann

 

Die Medizinische Psychologie ist ein eigenständiges Fachgebiet der Psychologie, das innerhalb der Humanmedizin verankert ist. Sie stellt ein interdisziplinäres Fach dar, das verschiedene Teildisziplinen der Psychologie einschließt und Verbindungen zwischen psychologischen und medizinischen Sachverhalten erforscht. Damit werden psychosozialen Aspekten von Gesundheit und Krankheit sowohl auf Seiten der Patienten, Angehörigen und verschiedener Krankheitsgruppen als auch auf Seiten des medizinischen Personals Rechnung getragen. Die Medizinische Psychologie wirkt somit in alle Bereiche der Medizin hinein und hat auch innerhalb der Psychiatrie ihren Stellenwert.
 

Arbeitsschwerpunkte:

  • Psychotherapeutische Mechanismen: Wirkfaktoren, Therapieerfolg, Interventionsmethoden
  • Persönlichkeitsstörungen, insbesondere Borderline-Persönlichkeitsstörung
  • Dissoziative Symptomatik und ihre Behandlung
  • Suizidales und selbstverletzendes Verhalten
  • Anwendung und Wirksamkeit von Biofeedback und Neurofeedback bei psychischen und neurologischen Störungen
     

Laufende Projekte

Carmen Uhlmann, Laura Brämisch

Hintergrund: Bei Patientinnen und Patienten mit dissoziativen Anfällen mit und ohne zusätzlich bestehende Epilepsie ist der Verlauf der Erkrankung über einen Zeitraum von mehreren Jahren nach Klinikaufenthalt mit Diagnosestellung und Therapieanbahnung unklar. Langzeitstudien hierzu fehlen.
Forschungsfragestellung: Es stellt sich die Frage, ob und wie Patienten mit dissoziativen Anfällen adäquat behandelt werden können und ob eine zusätzlich bestehende Epilepsie die Behandlung erschwert. Häufig wird diesen Patienten nach Diagnosestellung eine Psychotherapie empfohlen. Es ist jedoch unklar, ob diese Behandlung längerfristig tatsächlich im Zusammenhang zu einem auf Dauer entscheidenden Therapieerfolg steht.
Methode: Retrospektive Erhebung über postalische Befragung aller im Zeitraum 2000 bis 2013 behandelten Patienten in der Abteilung Epileptologie in Weissenau mit der Diagnose dissoziative Krampfanfälle. Der Fragebogen enthält Variablen zu Erfassung des Verlaufes der dissoziativen Anfallshäufigkeit, Zeitpunkt der Diagnosestellung, epileptische Komorbidität, Behandlungen, Therapieempfehlung, psychotherapeutischen Maßnahmen, Medikation, soziale Integration und Lebensqualität. Alle 415 in der Studienzeit behandelten Patientinnen und Patienten wurden angeschrieben und um Mitarbeit gebeten.
Projektstand: Datenerhebung ist abgeschlossen. Endgültige Datenauswertung läuft. Dissertation wird erstellt.
Vorläufige Ergebnisse: Insgesamt wurde von 63 Patientinnen und Patienten der Fragebogen ausgefüllt und zurückgesendet (Rücklauf 15%). Erste Analysen zeigen, dass eine anschließende Psychotherapie trotz Empfehlung während des stationären epileptologischen Aufenthaltes nur teilweise umgesetzt wurde. Die Patienten gaben trotzdem eine deutliche Verbesserung der Symptomatik im zeitlichen Verlauf an.

Carmen Uhlmann, Hanna Dzierzega


Hintergrund: Die Lebensqualität ist bei chronischen neurologischen Erkrankungen deutlich verringert. Allerdings scheint die Wahl des Messinstrumentes entscheidend dazu beizutragen, wie die Lebensqualität subjektiv einschätzt wird. Unspezifische, also nicht auf eine spezielle Erkrankung angepasste Instrumente scheinen die Lebensqualität in einer Breite, also mehr als subjektives Wohlbefinden zu erfassen. Ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen zwei chronisch-neurologischen Erkrankungen (Epilepsie und MS) auf dieser Ebene fehlt hierzu.
Forschungsfragestellung: Es stellt sich die Frage nach möglichen Unterschieden in der empfundenen Lebensqualität im Sinne des subjektiven Wohlbefindens bei chronischen neurologischen Erkrankungen wie der MS und Epilepsie. Berücksichtigung finden auch Variablen der Krankheitsverarbeitung, objektive Krankheitsfaktoren und psychische Faktoren.
Methode: Prospektive Querschnittstudie mit Erfassung der Lebensqualität und erkrankungsbedingter sowie personenbezogener Merkmale von Patientinnen und Patienten der beiden Erkrankungsgruppen in Selbsthilfeorganisationen.
Projektstand: Promotion ist abgeschlossen, Publikation ist in Vorbereitung
Vorläufige Ergebnisse: Insgesamt wurden 90 Patientinnen und Patienten mit jeweils 45 Patienten pro Gruppe mit dem erstellten Fragebogen befragt. Nach den Analysen sind erwartungsgemäß die Patienten der MS-Gruppe älter und berichten damit auch von einer körperlich schlechteren Lebensqualität. Im psychischen Bereich der krankheitsbezogenen Lebensqualität sind die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen geringer als erwartet.

 

Carmen Uhlmann, Erich Flammer


Hintergrund: Biofeedback-Methoden gelten als relativ nebenwirkungsfreie zusätzliche Therapieoptionen bei psychischen Störungen wie beispielsweise bei Depression. Als spezifische Wirkmechanismen haben sich bei dieser Symptomatik die Beeinflussung des Vagusnervs über den Parameter Herzratenvariabilität und die Veränderung bestimmter EEG-Frequenzen über spezifische Hirnregionen etabliert.
Forschungsfragestellung: Es sollte untersucht werden, wie sich der empirische Stand zur Effektivität diverser Biofeedbackmethoden bei Patienten mit Depression aktuell darstellt.
Methode: Die relevanten Studien wurden über eine selektive Literatursuche im Dezember 2017 in den Datenbanken PubMed und CINAHL identifiziert. Als Suchbegriffe wurden für Intervention „Biofeedback“ bzw. „Neurofeedback“ definiert, für die Population „Depression“. Es wurden Studien in deutscher oder englischer Sprache eingeschlossen, bei denen die depressive Symptomatik das primary outcome war. Ausgeschlossen wurden Einzelfallstudien, Untersuchungen mit nur einer einzelnen Feedback-Sitzung, Real time fMRI-Feedback-Studien sowie pädiatrische Studien.
Projektstand: Dateninterpretation ist abgeschlossen, Teilergebnisse wurden auf Kongressen präsentiert, Publikation ist in Vorbereitung
Ergebnisse: Insgesamt wurden nach Durchsicht 12 Studien in das Review aufgenommen, davon 8 für Biofeedback der Herzratenvariabilität (HRV) und 4 für Neurofeedback. Die Subgruppen wurden jeweils getrennt betrachtet. Die Effektstärken (Cohen’s d) für den Prä-post-Vergleich lagen bei HRV-Feedback für Selbst-Ratings zwischen d=0,31 und 3,47 (n=8 Studien). Für den Vergleich zwischen prä und Follow-up streuten die Werte von d=0,31 bis 3,84 (n=4 Studien). Bei Neurofeedback lagen die Effektstärken für den Prä-post-Vergleich zwischen d=0,68 und 1,76 (n= 4 Studien).

 

Carmen Uhlmann


Hintergrund: Eines der zentralen Merkmale der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die gestörte Affektregulation. Die Reizschwelle gegenüber emotionalen Stimuli ist erniedrigt und die Patientinnen und Patienten reagieren mit rasch aufschießenden Affektregungen. Das hohe Erregungsniveau bildet sich dann nur verzögert zurück. Solche Zustände extremer Anspannung bei gleichzeitiger Unmöglichkeit einer Differenzierung von Gefühlsqualitäten wie Wut, Angst, Trauer oder Verzweiflung werden als aversiv und quälend empfunden. Zur Lösung oder Verbesserung dieser Zustände haben Patientinnen und Patienten mit einer solchen Affektregulationsstörung unter anderem selbstverletzendes oder suizidales Verhalten in ihrem Bewältigungsrepertoire.
Forschungsfragestellung: Aufgrund der Tatsache, dass die Suizidrate bei Borderline-Persönlichkeitsstörung deutlich erhöht ist, stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche stehen. Nach neueren Erkenntnissen rückt hierzu die Theorie von Joiner in den Fokus. Diverse Studienergebnisse konnten selbstverletzendes Verhalten als Risikofaktor für Suizidversuche bestätigen. Während eines akutpsychiatrischen Aufenthaltes sollte selbstschädigendes oder suizidales Verhalten besonders intensiv zu beobachten und zu erforschen sein, da der Grund für eine akutpsychiatrische Aufnahme in dieser Patientengruppe häufig schwere Selbstverletzungen oder Suizidversuche sind.
Methode: Retrospektive Untersuchung mit Aktenauswertung von im ZfP behandelten Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und prospektive Studie mit Befragung von Patienten nach Selbstverletzung.
Projektstand: Projekt ist in Vorbereitung.

Carmen Uhlmann, Carmen Nauss, Petra Schmid


Hintergrund: Das Feld der tiergestützten Therapie in der Behandlung psychischer Störungen im stationären psychiatrischen Setting ist wissenschaftlich bisher kaum untersucht, obwohl Tiere als Teil der psychiatrischen Behandlung fest etabliert sind, wie z.B. in der Reittherapie oder als Therapiehunde.
Forschungsfragestellung: In der Studie wird untersucht, wie der Einsatz eines Therapiehundes in der stationären psychiatrischen Behandlung von Suchterkrankungen von Seiten der Patienten bewertet wird.
Methode: Prospektive naturalistische, quasi-experimentelle Untersuchung mit anonymer und freiwilliger Patientenbefragung zum Einsatz des Therapiehundes am Ende des Aufenthaltes. Die Daten wurden für eine jeweils mehrmonatige Phase mit und ohne Anwesenheit des Therapiehundes erhoben.
Projektstand: Dateninterpretation ist abgeschlossen, Teilergebnisse wurden auf Kongressen präsentiert, Publikation ist angenommen.
Vorläufige Ergebnisse: Insgesamt beteiligten sich 102 Patienten an der Studie, davon 50 in der Gruppe ohne Therapiehund und 52 mit Therapiehund. Zwischen den beiden Gruppen ergaben sich hochsignifikante Unterschiede zu den untersuchten Themenbereichen soziale Interaktion und Emotionalität zugunsten der Anwesenheit des Therapiehundes.

 

Carmen Uhlmann, Oliver Boscher, Tilman Steinert

Hintergrund: Patienten mit Persönlichkeitsstörungen haben meist eine längere Vorgeschichte von Therapieversuchen und –abbrüchen. Selten werden bei aktuell stattfindenden Therapien bisherige subjektive Therapieerfahrungen systematisch erfragt und darauf in der Behandlung Bezug genommen. Individuelle Patientenmerkmale wie Selbstmanagementfähigkeiten, gesundheitsrelevante Ressourcen oder soziale Faktoren spielen in der Literatur eine entscheidende Rolle für den Therapieerfolg.
Forschungsfragestellung: Es soll untersucht werden, welche Behandlungsversuche von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen unternommen werden und welche aus Sicht der Patienten erfolgreich waren. Außerdem soll geklärt werden, ob es Patientenmerkmale gibt, die mit der Anzahl an Therapieversuchen zusammenhängen.
Methode: In dem Projekt werden Vorbehandlungen aller Art und deren subjektive Bewertungen von Seiten der Patienten im Sinne einer explorativen Studie erfasst und nach Möglichkeit deren Auswirkung auf die aktuelle Behandlung bewertet. 70 Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung und psychiatrischen Aufnahme nach akuter Krise (Suizidversuch, Suizidalität, selbst- oder fremdaggressive Durchbrüche) werden untersucht. Messzeitpunkt war zu Beginn des stationären Aufenthaltes, Messinstrumente beinhalten die Erfassung von Vorbehandlungen (hierzu Entwicklung eines Fragebogens), Selbstmanagementfähigkeiten, therapeutischer Beziehung, Stationsatmosphäre und psychischer Symptomatik. Bei Aufenthalt über mehrere Wochen soll auch der Behandlungsverlauf mit einbezogen werden.
Projektstand: Datenerhebung und Auswertung sind abgeschlossen. Vorstellung von Teilergebnissen ist erfolgt. Publikation ist in Vorbereitung.
Vorläufige Ergebnisse: Aus Sicht der Patienten wird vor allem Joggen/Sport als erfolgreicher Behandlungsansatz eingeschätzt, ebenso in etwas geringerem Ausmaß ambulante Ergotherapie und Psychotherapie. Ansätze, die aus Sicht der Patienten den Zustand eher verschlechtert haben, waren Angebote von Telefonseelsorge und Jugendamt sowie illegale Drogen. Es wurde ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Selbstmanagementfähigkeiten und Anzahl an Therapieversuchen gefunden.