Intraoperative Strahlentherapie (IORT bei Mammakarzinom)

 

In enger Zusammenarbeit mit der Klinik für Gynäkologie (Herr Prof. Janni) und der Praxis Dr. Wolf wird seit dem 10.09.2010 die intraoperative Strahlentherapie bei Patientinnen mit Brustkrebs (Mammakarzinom) eingesetzt.

Mit der intraoperativen Strahlentherapie ist es möglich, direkt während der Operation, während die Patientin in Narkose liegt und der Tumor entfernt worden ist, gezielt auf das sogenannte Tumorbett (die Region, wo der Tumor vorher war) eine hohe Einmaldosis einzustrahlen. Hierzu muss man wissen, dass eine hohe Einmaldosis von z.B. 14 Gy (die Einheit der Strahlentherapie) biologisch vollkommen anders zu bewerten ist, als z.B. sieben tägliche Bestrahlung von jeweils 2 Gy. Die Summe ergibt jeweils 14 Gy, die Einzeitdosis hat jedoch eine wesentlich stärkere biologische Wirkung, die etwa in der Größenordnung von 30 Gy anzusetzen ist, wenn man in Einzeldosen von 2 Gy bestrahlen würde.

Vorbereitung des Bestrahlungsgerätes


Während der Operation nach Entfernung des Tumors legen Strahlentherapeut und Gynäkologe gemeinschaftlich das zu bestrahlende Volumen fest.

 


Entfernung des Tumors, Vorbereitung der IORT

 

Dann wird über das Bestrahlungsgerät, dass direkt im Operationssaal vorhanden ist ein sogenannter "Tubus" an das Bestrahlungsgerät angedockt, der präzise in der Wundhöhle das Tumorbett vor der chirurgischen Rekonstruktion und dem Wiederaufbau der Brust erfasst.

OP-Situs, Bild des TumorbettesTypischer Bestrahlungstubus
Unterschiedliche Bestrahlungstuben
Raffung des Gewebes um den Tubus

 Nachdem der Tubus (siehe Abbildung) in die Wundhöhle eingeführt worden ist, wird das Brustdrüsengewebe um den Tubus herum gerafft und mit Nähten adaptiert. Gleichzeitig wird sorgfältig darauf geachtet, dass die Haut der Brust genügend weit von dem Bestrahlungstubus entfernt ist, da es sonst unerwünschte Reaktionen geben könnte.

Einbringung des Tubus
Tubus liegt im TumorbettBeginn der Bestrahlung

Danach wird die Brust mit einer Bleimatte abgedeckt und die Bestrahlung beginnt, während der Anästhesist die Patientin aus einer Entfernung von mehreren Metern kontinuierlich überwacht. Während der Bestrahlung die zwischen 20 und 40 Minuten andauert, können so die Vitalparameter der Patientin kontrolliert werden, der Strahlentherapeut garantiert die korrekte Bestrahlung. Nach Beendigung der Bestrahlung wird der Tubus wieder entfernt und die Operation wie geplant zu Ende geführt.Nach abgeschlossener Wundheilung wird gegebenenfalls wenn nötig zunächst die systemische Therapie (Chemotherapie) durchgeführt. Die Aufklärung und Terminvergabe für die Bestrahlung von außen über die Haut (perkutane Strahlentherapie) wird bereits während der Anwesenheit in der Klinik für Gynäkologie gemeinschaftlich abgesprochen. In der Regel erfolgt die perkutane Bestrahlung dann in einem Abstand von mindestens fünf Wochen bzw. zum Ende der Chemotherapie. Einer der Vorteile der intraoperativen Strahlentherapie ist, dass auf diese Weise die Bestrahlungszeit der anschließenden perkutanen Strahlentherapie um knapp zwei Wochen gesenkt werden kann. Die Dauer der dann durchzuführenden, in der Regel exzellent verträglichen Bestrahlung von außen beträgt 5 Wochen. Sie erfolgt 1 x pro Tag, 5 x die Woche. Besonders wichtig ist, dass sowohl die intraoperative Strahlentherapie als auch die perkutane Strahlentherapie in einer Hand liegen müssen, da nur so möglicherweise auftretende Nebenwirkungen klar zugeordnet und behandelt werden können. Diese Nebenwirkungen sind in der Regel selten. Die Patientinnen werden hierüber in einem ausführlichen Gespräch mit einem Strahlentherapeuten vor der Bestrahlung aufgeklärt.Ein weiterer Vorteil der intraoperativen Strahlentherapie ist, dass eine Spätfolge der Bestrahlung von außen, Hautveränderungen, die wie Besenreiser wirken ("Teleangiektasien" siehe Abbildung) wesentlich seltener auftreten als bei der Bestrahlung von außen. Das hängt damit zusammen, dass am Ende der Therapie keine Bestrahlung mit "schnellen Elektronen" mehr notwendig ist.Darüber hinaus ergeben sich in der aktuellen Literatur deutliche Hinweise, dass durch die IORT das Lokalrezidivrisiko (das ist das Risiko, dass der Tumor in der Brust wieder kommen kann) gegenüber der alleinigen perkutanen Strahlentherapie ("Bestrahlung von außen") gesenkt werden kann.In der Zukunft ist es nicht unwahrscheinlich, dass die gesamte 6 ½ wöchige Bestrahlung von außen ersetzt werden kann durch eine einmalige Bestrahlung der Brust während der Operation (IORT). Entsprechende Studien sind abgeschlossen und werden in etwa 4-5 Jahren vorliegen.

 

Bei welcher Patientin kann die IORT eingesetzt werden?


Wir gehen davon aus, dass im Laufe der nächsten 1-2 Jahre etwa 50% der Patientinnen von dieser neuen Therapie profitieren können.

Folgende Voraussetzungen werden zunächst erfüllt sein müssen:

1.    Für jede Patientin wird das gemeinsame Vorgehen im interdisziplinären Tumorboard des Brustzentrums Ulm zwischen Pathologen, Gynäkologen und Strahlentherapeuten gemeinschaftlich festgelegt.
2.    Alter der Patientin: in der Regel über 40 Jahren
3.    Es sollte sich um keinen schnellwachsenden Tumor handeln (G3-Karzinom)
4.    Es sollte kein duktales Carcinoma in situ (DCIS) vorhanden sein
5.    Der Tumor sollte < 3 cm in Durchmesser sein
6.    Die intraoperativen Schnittränder dürfen kein Tumorgewebe mehr aufweisen (Schnellschnitt)
7.    Sollten Sie Fragen haben, können Sie sich gerne jederzeit direkt an mich wenden

Prof. Dr. med. Thomas Wiegel

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