Einleitung 
Die virologische Diagnostik macht zur Zeit eine stürmische Entwicklung durch. Während noch vor einigen Jahren die Antikörperbestimmungen, nicht immer zu recht, ganz im Vordergrund der virologischen Diagnostik standen, wächst derzeit ständig die Anzahl der Methoden, welche einen Virusnachweis ermöglichen. Zum Teil ist es bereits möglich, eine quantitative “Viruslast“ als “Therapiemonitoring“ zu bestimmen. Diese an sich erfreuliche Entwicklung verschärft aber auch einige Probleme. Methodisch sind viele diagnostische Verfahren der Virologie zwar in einzelnen Laboratorien etabliert und standardisiert, aber eine allgemeine Standardisierung fehlt und eine externe Qualitätskontrolle ist, trotz entsprechender Bemühungen, nur schwer durchführbar. Demzufolge ist eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Laboratorien manchmal nur bedingt möglich. Neben diesen methodischen Aspekten sind aber auch einige neue virologische Methoden hinsichtlich ihrer diagnostischen Interpretation und klinischen Bedeutung bei einzelnen Erregern noch nicht vollständig evaluiert. Um weitere diagnostische Sicherheit zu gewinnen, bedarf es klinisch-diagnostischer Studien.

Die Virusinfektionen
Die Unterscheidung zwischen den Viren, die nicht persistierende Infektionen hervorrufen, und solchen, die im Infizierten persistieren, ist für die Wahl geeigneter diagnostischen Maßnahmen und die Interpretation der Ergebnisse von erheblicher Bedeutung. Während eine überstandene, nicht persistierende Virusinfektion häufig eine solide Immunität hinterläßt, die zwar nicht unbedingt vor Zweitinfektion, aber doch vor Zweiterkrankung schützt (z.B. Rötelnvirus), ist die Immunität bei persistierenden Infektionen meist nur relativ. Kennzeichen aller persistierenden Infektionen ist, daß es dem Organismus nicht gelingt, das Virus nach einer exogenen Primärinfektion mit Hilfe des Immunsystems oder unspezifischer Abwehrmechanismen zu eliminieren. Die Persistenz erreichen diese Viren durch ganz unterschiedliche Strategien. Bei Herpesviren kommt es z.B. nach der Primärinfektion mit Virusvermehrung (produktive Infektion) zur latenten Infektion, die durch fehlende Virusproduktion und sogar jegliches Fehlen von Viruspartikeln gekennzeichnet sein kann. Unter bestimmten Umständen kann es zur endogenen Reaktivierung mit erneuter aktiver Infektion und mit Virusausscheidung kommen. Eine jahrzehntelang klinisch und virologisch inapparente, latente Infektion kann so z.B. bei Immunsuppression über eine endogene Reaktivierung zu Rekurrenz und zu schwerer Erkrankung führen. Bei manchen persistierenden Virusinfektionen hält die Virusproduktion lebenslang an (z.B. chronische Hepatitis B). Die Retroviren (HIV, HTLV), die ebenfalls persistieren, integrieren nach reverser Transkription (ihres RNA-Genoms in provirale DNA) in die zelluläre DNA. Bei persistierenden Virusinfektionen kann natürlich lebenslang oder intermittierend Infektiosität bestehen. Diese Beispiele mögen zeigen, daß für eine optimale Virusdiagnostik ebenso wie für die Interpretation der Ergebnisse die Biologie der verschiedenen Viren beachtet werden muß.

Die Fragestellungen
Virologische Diagnostik dient der Beantwortung ganz verschiedener Fragen, und es gilt die jeweils optimalen Methoden einzusetzen: 

  • Besteht Immunität? 
  • Hat (bei persistierenden Infektionen) eine Primärinfektion irgendwann stattgefunden?
  • Besteht zur Zeit eine aktive (Primär) Infektion?
  • Besteht zur Zeit eine aktive Infektion nach Reaktivierung? 
  • Besteht Infektiosität? 
  • Besteht eine Therapieindikation?
  • Zeigt sich virologisch ein Therapieerfolg (Abnahme der Viruslast)?
  • Liegt eine Resistenz gegenüber antiviralen Substanzen vor?

In manchen Fällen muß darüber hinaus versucht werden, den Infektionszeitpunkt einzugrenzen (z.B. Röteln- oder Zytomegalievirus in der Schwangerschaft). Die Frage der Infektiosität kann sinnvoll naturgemäß nur unter Berücksichtigung möglicher Übertragungswege und/oder der Ausscheidungsdauer beantwortet werden.

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