Was ist eine Funktionshand?

Bei fehlender Fingerfunktion (z.B. bei Tetraplegie) soll durch Auftrainieren der noch innervierten Muskulatur und durch Erlernen von Trickbewegungen eine Greifersatzform ausgebildet werden.


Wie wird dies erreicht?

Durch eine gezielte Lagerung soll eine bewußte Verkürzung der Fingerbeugesehnen hervorgerufen werden. Bei nicht fachgerechter Lagerung bleiben die Finger entweder gestreckt oder es kommt zu einer Verformung in die Krallhand.Die Verletzungsgefahr steigt und die Möglichkeit des Wiedererreichens von Selbständigkeit wird dadurch erheblich eingeschränkt bzw. ganz genommen.



Das Prinzip der Funktionshand

1. Aktive Funktionshand

Bei Tetraplegie oberhalb C 5/6 fallen sämtliche Finger- und Daumenmuskeln aus, mit teilweise bzw. vollständig erhaltener Streckfunktion im Handgelenk durch den M. extensor carpi radialis. Unter passiver Flexion im Handgelenk in Pronationsstellung und unter Ausnutzung der Schwerkraft kommt es zu einer Öffnung der Hand mit leichter passiver Streckung der Finger in den Grundgelenken. Durch willkürlichen aktiven Einsatz der Handgelenksstreckung durch den M. extensor carpi radialis schließt sich die Hand in Form eines Faustschlusses (Beugesehnen der Finger geraten unter Zug).
Der Daumen legt sich dem gebeugten Zeigefinger in Form des Lateralgriffes fest an.
Dies ermöglicht eine gezielte Halte- und Greiffunktion.
(Die Festigkeit dieses Faustschlusses wird durch das Ausmaß der Verkürzung der Fingerbeugesehnen bestimmt. Voraussetzung hierfür ist ebenfalls der Erhalt der Gelenkbeweglichkeit.)




2. Passive Funktionshand

Bei kompletter Tetraplegie unterhalb C4/5 sind alle Muskeln, die auf Finger und Handgelenk wirken gelähmt. Mittels speziell gefertigten Schienen wird das Handgelenk in 30° Dorsalextension stabilisiert. Mit innervierten M. biceps sind diese Tetraplegiker in der Lage in Teilbereichen selbständig zu werden.

Die Behandlung der tetraplegischen Hand
Die Funktionshand kann nur dadurch erreicht werden, daß die Lagerung der Hände vom ersten Tag an in jeder Lageposition (Rückenlage, Seitlage, Bauchlage) für mindestens drei Monate konsequent durchgeführt wird. Nur zu pflegerischen Maßnahmen und zum Durchbewegen (Kontrakturprophylaxe) darf die Lagerung aufgelöst werden.

Ausbildung der Funktionshand durch:
1. Funktionshandschiene (diese wird individuell im weiteren Verlauf von Ergotherapeuten angepaßt)




2. Kleben und Lagern
Stellung der Hand beim Kleben und Lagern (Funktionsstellung):
- 30° Dorsalextension (Streckung ) im Handgelenk
- 90° Flexion (Beugung) im MCP (Fingergrundgelenk)
- 90° Flexion (Beugung) im PIP ( Fingermittelgelenk)
- volle Streckung im DIP (Endgelenk)
a. Die Hand wird manuell in Funktionsstellung gehalten. In die Innenfläche wird ein Röllchen von der Kleinfingerseite her eingeschoben. Das Röllchen besteht aus einer Mullbinde (mit kleinem Durchmesser) die mit Schlauchverband überzogen wird.
Die Länge des Röllchens orientiert sich an der Breite des Handtellers in Höhe der Fingergrundgelenke. Die Stärke des Röllchens richtet sich danach, daß die Finger beim Umschließen des Röllchens in Funktionsstellung gebracht werden können.




b. Zum Kleben eignet sich besonders das Leukofix.
Der Leukofixstreifen wird unterhalb des jeweiligen PIP (Mittelgelenk) der vier Langfinger angesetzt.
Es wird über das gestreckte DIP (Endgelenk) und Handgelenk hinausgeklebt.
Dabei wird strahlenförmig auf eine Stelle geklebt.
Diese sollte zum Schutz der Haut variieren.
Die Finger dürfen sich nicht übereinander legen.




c. Der Daumen wird in gestreckter Stellung im Bereich des PIP (Fingermittelgelenkes) mit Klebestreifen fixiert. Möglichst keine Gelenke überkleben.




d. 30° Dorsalextension im Handgelenk unterlagern.




Befundbezogene Varianten:
- Sollten sich die Finger übereinander legen kann der Klebestreifen anstatt strahlenförmig auch parallel in Verlängerung der Finger geklebt werden.
- Bei geröteten Endgelenken Klebestreifen vom Fingernagel ab kleben. Cave: Krallenhand
- Bei mangelnder Stabilität kann der Klebestreifen am Daumen auch zirkulär geklebt werden.
- Etc.


Beachte:
- Die Finger dürfen niemals bei gleichzeitiger Dorsalextension (Streckung im Handgelenk) aufgedehnt werden! Bei Palmarflexion (Beugung im Handgelenk) sollen die Fingergelenke PIP und DIP (Grund- und Endgelenke) voll gestreckt werden können.
- insbesondere das Daumengrundgelenk darf nicht unkontrolliert bewegt werden, da eine gute Stabilität des Daumens eine bessere Funktion bedeutet




- Die Handgelenke sind frei beweglich


Dies bedeutet für die Pflege:
Pflegerische Maßnahmen an den Händen grundsätzlich nur bei Palmarflexion durchführen!
Die Finger dürfen nicht abduziert (gespreizt) werden. Fingerzwischenräume vorsichtig waschen!

Lagerungsbeispiele:
Lagerungen unter dem Aspekt der Kontrakturprophylaxe, sind deshalb so wichtig, da der Patient nur bei erhaltener Gelenkbeweglichkeit bestmöglich selbständig werden kann. Im folgenden sind zu den jeweiligen Lagerungen nur die wichtigsten Punkte erwähnt.

 

Beispiel für die Rückenlage:




- Spitzfußprophylaxe über festes Lagerungsmaterial (z.B. Lagerungswürfel).
- Auf freie Rotation im Schultergelenk soll geachtet werden. Insbesondere die Außenrotation soll erhalten bleiben, um spätere Trickbewegungen zu ermöglichen.

Beispiel für die Seitenlage:




Beispiel für die Bauchlage:




Je nach Allgemeinzustand (Rücksprache mit dem Arzt), sollte zusätzlich zur Rückenlage und Seitlage regelmäßig in Bauchlage gelagert werden.
Mit ein großer Vorteil der Bauchlage ist der positive Einfluß auf die Atemfunktion.
Dies kommt Querschnittpatienten mit insuffizienter Atemmuskulatur und Atemhilfsmuskulatur besonders zugute. (Drainagelagerung)


© KG - Abteilung der Universität Ulm in Zusammenarbeit mit dem RKU

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