Chronische lymphatische Leukämie
Experte
Diesen klinisch-onkologischen Experten können Sie am Universitätsklinikum Ulm kennenlernen.
| Prof. Dr. med. Stephan Stilgenbauer | ||
Mitarbeiter folgender Abteilung | |||
Beschreibung der Erkrankung
Die chronische lymphatische Leukämie (CLL) ist durch eine unkontrollierte Vermehrung von reif erscheinenden, aber nicht funktionellen Lymphozyten (bestimmte Art der weißen Blutkörperchen), in Knochenmark und Blut gekennzeichnet. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu einer Vermehrung dieser entarteten Zellen in Blut, Knochenmark, Lymphknoten, Milz und anderen Organen und in der Folge zu gesundheitlicher Beeinträchtigung durch die Verdrängung gesunder Organe und deren Funktionen.
Häufigkeit und Erkrankungsalter
Die chronische lymphatische Leukämie ist die häufigste Leukämieerkrankung des Erwachsenenalters. In Deutschland erkranken ca. 3-5 Erwachsene pro 100.000 Einwohner und Jahr. Das Risiko an einer CLL zu erkranken nimmt mit steigendem Lebensalter zu. Der Erkrankungsgipfel liegt bei ca. 65 Jahren. Allerdings sind etwa 20 % der Patienten jünger als 50 Jahre.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursache der CLL ist bisher ungeklärt. Ein klarer Zusammenhang mit Strahlen, Giften oder anderen Umweltfaktoren konnte nicht gezeigt werden. Ursächlich liegt der Erkrankung wahrscheinlich eine genetische Veränderung ("Gendefekt") zugrunde. Dieser Gendefekt entsteht in einer ursprünglich normalen Blutzelle, die daraufhin entartet und sich vermehrt. Es handelt sich nicht um eine erbliche Veränderung. Allerdings ist das Risiko eine CLL zu entwickeln bei Familienangehörigen von CLL Patienten etwas erhöht.
Krankheitszeichen
Bei der Mehrzahl der Patienten wird die CLL heute in einem frühen Stadium der Krankheit, meistens bei einem Routine-Gesundheitscheck oder einer Blutuntersuchung diagnostiziert. Bei anderen Patienten führen Beschwerden wie Lymphknotenschwellung, Leistungsminderung, Blässe, Kurzatmigkeit (durch Verminderung der roten Blutkörperchen), Blutungsereignisse (durch Verminderung der Blutplättchen), Infektionen (durch Verminderung der normalen weißen Blutkörperchen) zur Diagnosestellung. Durch die Beteiligung von anderen Organen wie Lymphknoten, Leber oder Milz kann es zu Druck im Oberbauch oder Verdauungsbeschwerden kommen.
Untersuchungen
Anamnese und körperliche Untersuchung
In einem ärztlichen Gespräch werden sämtliche Beschwerden (auch das Fehlen von Beschwerden) sowie relevante Vorerkrankungen erfragt. In einer körperlichen Untersuchung wird eine erste Erhebung der Ausbreitung der Erkrankung vorgenommen.
Laboruntersuchungen
In erster Linie sind Blutuntersuchungen erforderlich um die Diagnose der CLL zu stellen. Daneben geben Blutuntersuchungen Aufschluss über den allgemeinen Gesundheitszustand, insbesondere die Funktion anderer Organe, wie Leber oder Niere sowie über Begleiterkrankungen oder möglicherweise schon aufgetretene Komplikationen. Darüber hinaus werden aus Blutuntersuchungen wichtige Informationen zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs (molekulare Zytogenetik, Molekulargenetik, Proteinexpression wie z.B. ZAP-70) ermittelt. Eine Knochenmarkuntersuchung ist in der Regel nicht erforderlich.
Weitere Untersuchungen
Zur Beurteilung der Funktion wichtiger Organe sowie zur genauen Erfassung der Ausbreitung der Erkrankung sind Röntgenuntersuchungen, ggf. Computertomographie sowie Ultraschalluntersuchungen der Bauchorgane erforderlich. Zur Abschätzung von Organfunktionen kann eine Lungenfunktionsprüfung, EKG oder Ultraschalluntersuchung des Herzens erforderlich sein.
Genaue Klassifikation der CLL
Zur Abschätzung des Krankheitsverlaufes für einen individuellen Patienten und zur Beratung über die bestmögliche Behandlungsstrategie muss die CLL genau subklassifiziert werden. In den vergangenen Jahren ist es gelungen, verschiedene Untergruppen der CLL zu identifizieren, die mit sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufen verbunden sind. Hierzu werden Untersuchungen von genetischen Veränderungen (VH-Mutations-Status, genomische Aberrationen mittels FISH, Mutationsanalysen) sowie von Eiweißmolekülen (CD38, ZAP-70) durchgeführt. Diese Faktoren erlauben zuzüglich zum klinischen Erscheinungsbild der Erkrankung eine bessere Abschätzung des zukünftigen Krankheitsverlaufs und der vielversprechendsten Behandlungsmöglichkeiten. In vielen Fällen ist im frühen Stadium der Erkrankung keine Behandlung erforderlich. Es kann aber abgeschätzt werden, ob die Krankheit rasch voranschreiten wird und eine Therapie möglicherweise erforderlich werden wird bzw. welche Behandlung dann die besten Erfolgsaussichten bietet.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Auswahl der Behandlung richtet sich nach dem Alter und Allgemeinzustand des Patienten, nach der klinischen Ausbreitung (Stadium) der Erkrankung, eventuellen Begleiterkrankungen sowie dem individuellen Patientenwunsch und Risikoprofil (insbesondere molekulare Marker, s.o). Es stehen eine Vielzahl von Möglichkeiten von abwartender Beobachtung ("watch and wait") über milde Tabletten-Chemotherapien, Infusionschemotherapien, gezielte Antikörper sowie Stammzelltransplantation zur Verfügung.
Abwartende Beobachtung ("watch and wait")
Diese Behandlungsform wird meist gewählt, wenn ein frühes Stadium der Erkrankung ohne Beschwerden vorliegt. Eine Behandlung von Patienten im frühen Stadium zeigte in Studien keine Verbesserung gegenüber einer zunächst abwartenden Haltung und Beginn einer Behandlung wenn Probleme auftreten. In aktuellen Therapiestudien wird geprüft, ob eine nach dem individuellen Risiko eines Patienten gesteuerte frühe Therapie zur Verbesserung führt.
Chemotherapie mit Tabletten oder Infusionen
Mit einer "konventionellen" Chemotherapie mit Tabletten oder Infusionen kann die CLL zwar meist wirkungsvoll zurückgedrängt ("Remission"), aber nicht geheilt werden. Ziel ist somit, die Erkrankung mit möglichst wenig eingreifenden Maßnahmen möglichst wirksam zurückzudrängen. Hierzu stehen je nach Patientenwunsch und -Zustand verschiedene Medikamente zur Auswahl. Im Rahmen aktueller Therapiestudien werden die modernsten Behandlungsmöglichkeiten angeboten.
Antikörper sind Eiweißmoleküle die gezielt gegen die CLL-Zellen vorgehen und eine sehr wirksame Behandlung darstellen können. Mit Antikörpern können auch bei CLL-Patienten, bei denen eine konventionelle Chemotherapie nicht mehr wirkt, gute Ergebnisse erzielt werden. Daneben wird in aktuellen Studien die Hinzunahme von Antikörpern zu einer konventionellen Chemotherapie mit extrem viel versprechenden Ergebnissen angewendet.
Bei ausgewählten Patienten kann die Stammzelltransplantation entweder mit den eigenen ("autologe") oder fremden ("allogenen", entweder von Geschwistern oder Fremdspendern) durchgeführt werden. Diese Verfahren bieten die Chance einer dauerhafteren Krankheitskontrolle, möglicherweise auch Heilung, sind aber mit mehr Nebenwirkungen im Vergleich zu einer konventionellen Chemotherapie verbunden. Hier muss eine sehr individuelle Beratung erfolgen.
Durch die Armut an gesunden Blutzellen kann es zu Infektionen, Blutungen oder Schwäche und Müdigkeit kommen. Es können somit die Transfusion von Blutprodukten und die Gabe von Antibiotika erforderlich werden. Weitere supportive Maßnahmen (Behandlung von Schmerzen oder Gabe von Immunglobulinen) richten sich nach dem individuellen Behandlungsverlauf.
Prognose
Es wird weltweit intensiv an der Entwicklung neuer Marker zur Prognoseabschätzung und Medikamente zur Behandlung geforscht. Ziel ist die individuell gesteuerte "risikoadaptierte" Behandlung von CLL-Patienten. Hierzu finden Forschungsprojekte und Therapiestudien statt, in denen die innovativsten Maßnahmen zur Risikoabschätzung und Behandlung angewendet werden. Mit diesen Maßnahmen soll für jeden individuellen Patienten eine möglichst gute Aussicht auf Lebensqualität, Krankheitskontrolle und möglicherweise Heilung erreicht werden.
Autoren:
Erstellung (07/2005) Dr. P. Liebisch / Innere Medizin III
1. Überarbeitung (10/2007): PD Dr. Stephan Stilgenbauer / Innere Medizin III
2. Überarbeitung (08/2008): Prof Dr. Stephan Stilgenbauer / Innere Medizin III







