Zu den Panelteilnehmenden zählten Klaus Eder, Geschäftsführer der SWU Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm GmbH, Prof. Dr. Udo X. Kaisers, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Ulm, Generalleutnant Kai Rohrschneider, Kommandeur des Joint Support and Enabling Command (JSEC) der NATO, sowie Eva Treu, Landrätin des Landkreises Neu-Ulm. Die Veranstaltung setzte dabei bewusst auf sachliche Einordnung und Transparenz statt auf übersteigerte Besorgnis und zeigte auf, welche Strukturen in der Region bereits gut funktionieren und wo weiterer Handlungsbedarf besteht.
Moderatorin Magdalena Schregle führte die Diskussion gleich zu Beginn aus der abstrakten Ebene heraus. Mit der Frage „Wo sind Sie persönlich, wenn der Krisenfall eintritt?“ lenkte sie den Blick auf Verantwortung, Entscheidungsfähigkeit und Führungsstrukturen im Ernstfall. Schnell wurde deutlich: Krisenvorsorge ist nicht nur eine technische oder organisatorische Aufgabe, sondern auch eine Frage klar definierter Rollen und persönlicher Präsenz.
Aus kommunaler Sicht betonte Eva Treu, Landrätin des Landkreises Neu-Ulm, die Bedeutung klarer Zuständigkeiten und regelmäßiger Übungen: „Krisenvorsorge ist eine Daueraufgabe. Übung und Anpassungen sind dabei wichtig. Das Landratsamt Neu-Ulm übernimmt im Katastrophenfall die koordinierende Rolle – von der Lagebilderstellung über Bürgerinformation bis hin zur Abstimmung mit Kommunen, Einsatzkräften und weiteren Akteuren. Deshalb trainieren wir regelmäßig und anhand verschiedener Szenarien. Ich bin sehr dankbar für die vielen Freiwilligen, die in der Verwaltung, den Einsatzdiensten und vor Ort planen, üben, auswerten und anpassen, um im Ernstfall optimal vorbereitet zu sein.“ Entscheidend aus ihrer Sicht sei, Zuständigkeiten frühzeitig zu klären, Abläufe regelmäßig zu üben und bestehende Netzwerke kontinuierlich zu pflegen.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Energie- und Wasserversorgung als Grundlage nahezu aller weiteren Systeme. Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz zeigt aktuell erneut, wie verwundbar kritische Infrastruktur ist. Klaus Eder, Geschäftsführer der SWU Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm GmbH, erläuterte, wie Energie- und Wasserversorgung in der Innovationsregion Ulm gegen Ausfälle und Sabotage abgesichert sind. Redundante Systeme, Notfallkonzepte und analoge Lösungen griffen häufig im Hintergrund, oft unbemerkt von der Bevölkerung. Von großer Bedeutung sei nicht nur die technische Vorsorge, vor allem im IT-Bereich, sondern auch das regelmäßige Trainieren von Abläufen sowie verlässliche Kommunikationsketten. Die SWU beschäftige sich bereits seit vielen Jahren mit der Frage, wie eine Stadt auch dann versorgt werden könne, wenn nur begrenzt Primärenergie zur Verfügung steht. Durch die rund 800 Energieversorger in Deutschland bestehe grundsätzlich ein sehr resilientes Gesamtsystem.
In der Behebung von Schäden sei man routiniert, gezielt geübt werden müssten jedoch die Kommunikationsketten. Darüber hinaus sei es erforderlich, Redundanzen regelmäßig zu testen und Mitarbeitende aktiv einzubinden, um im Ernstfall klare Orientierung zu gewährleisten.
Die Perspektive des Gesundheitswesens brachte Prof. Dr. Udo X. Kaisers, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender am Universitätsklinikum Ulm, in die Diskussion ein. Er schilderte, mit welchen Krisenszenarien ein Haus der Maximalversorgung rechnet. Entscheidend sei dabei vor allem die Dauer einer Massenschadenslage. Für einen kurzfristigen Massenanfall von Verletzten sei man gut vorbereitet und regelmäßig trainiert. Halte eine Bedrohungslage jedoch über einen längeren Zeitraum an, müssten Lösungen für die medizinische Grundversorgung sowie für ein zusätzliches Aufkommen an Verletzten gefunden werden. In solchen Lagen sei das Gesundheitswesen auf die Unterstützung der Wirtschaft und der kommunalen Ebene angewiesen. Übungen spielten eine zentrale Rolle, um Handlungssicherheit zu schaffen. Prof. Dr. Udo X. Kaisers betonte zudem die Bedeutung von Selbstwirksamkeit: Menschen müssten befähigt werden, ins Handeln zu kommen – durch Training, klare Abläufe und praktische Vorbereitung statt durch abstrakte Konzepte.
Aus militärischer Sicht ordnete Generalleutnant Kai Rohrschneider, Kommandeur des Joint Support and Enabling Command (JSEC) der NATO, das Thema Resilienz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ein. Eine Krise, die völlig abrupt und ohne Vorwarnung über eine Gesellschaft hereinbricht, sei aus militärischer Perspektive eher unwahrscheinlich. In der Regel gebe es Anzeichen und Warnsignale – militärische Krisen entstünden nicht plötzlich, sondern seien häufig das Ergebnis unzureichender Vorsorge, fehlender Abstimmung oder eines schrittweisen Versagens von Verfahren und Zuständigkeiten. Die zivile Verteidigung sei in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden, gleichzeitig stünden mit den Leistungs- und Sicherstellungsgesetzen, die Bestand einer Notstandsgesetzgebung sind, jedoch rechtliche Instrumente zur Verfügung, die klar regelten, wie Vorsorge zu leisten sei und wie der Staat im Krisenfall auf wirtschaftliche Leistungen zurückgreifen könne. Entscheidend für deren Wirksamkeit sei jedoch nicht allein der rechtliche Rahmen, sondern vor allem die Umsetzung auf Länder- und kommunaler Ebene.
Dort lägen die zentralen Stellschrauben für Vorbereitung, Koordination und Handlungsfähigkeit im Ernstfall. Vorbereitung bedeute dabei nicht Panik, sondern einen bewussten, realistischen Umgang mit Unsicherheit. Regelmäßiges Üben schaffe Vertrauen, Stabilität und Durchhaltefähigkeit – für Institutionen, Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt. Gerade für die Wirtschaft sei es wichtig, Vernetzung zu stärken, Abhängigkeiten und Lieferketten zu kennen und für längere Belastungsphasen vorzusorgen.
Im anschließenden Austausch wurde deutlich: Die Innovationsregion Ulm ist nicht nur eine lebenswerte, sondern auch wirtschaftlich sehr starke Region. Sie verfügt über tragfähige Strukturen, engagierte Akteure und belastbare Netzwerke. Resilienz entsteht dabei nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch kontinuierliche Zusammenarbeit, regelmäßiges Üben – insbesondere im Bereich der Kommunikation – und gegenseitiges Vertrauen.


