Jugendämter haben es immer schwerer, Pflegefamilien zu finden – Unterstützungsangebote für Pflegefamilien sind ausbaufähig

Bundesweite Befragung des Universitätsklinikums Ulm: 90 Prozent der teilnehmenden Jugendämter melden Engpässe bei Pflegefamilien

Nicht alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland können bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, aus ganz unterschiedlichen Gründen: So kann beispielsweise eine schwere Erkrankung oder der Tod eines Elternteils dazu führen, dass ein Kind in einer Pflegefamilie untergebracht wird. Ebenso aber auch mangelnde Erziehungsfähigkeit der Eltern oder sogenannte Unversorgtheit, etwa bei minderjährigen Flüchtlingen, die unbegleitet nach Deutschland einreisen.

Derzeit leben etwa 90.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland in Pflegefamilien. Pflegeeltern zu sein ist eine herausfordernde Aufgabe, daher sind Pflegefamilien auf Unterstützung durch das jeweils zuständige Jugendamt angewiesen. Vor diesem Hintergrund hat eine Arbeitsgruppe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm (UKU) unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Christian Bachmann sämtliche 577 Jugendämter in Deutschland dazu befragt, welche Unterstützungsangebote sie für Pflegefamilien vorhalten. Die Ergebnisse der Studie (Teilnahmequote: 37,5 Prozent) sind am 18. Februar 2026 in der Fachzeitschrift Children and Youth Services Review veröffentlicht worden.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Fast alle an der Umfrage teilnehmenden Jugendämter bieten vor Aufnahme eines Pflegekindes den zukünftigen Pflegeeltern eine Beratung an. Während das Kind in der Pflegefamilie lebt, sinkt der Anteil der Jugendämter, die aktive Beratung anbieten, auf ca. 75 %. Viele Jugendämter sehen die Notwendigkeit ergänzender Unterstützungsangebote, unter anderem Selbsthilfegruppen für Pflegeeltern, speziell auf Pflegeeltern ausgerichtete Elterntrainings, Angebote für spezielle Zielgruppen (wie Herkunftsfamilien) sowie Entlastungspflege.

Diese Lücken in der Unterstützung zeigen sich auch darin, dass viele Jugendämter Schwierigkeiten haben, ausreichend Pflegefamilien zu finden. Etwa 90 Prozent der teilnehmenden Jugendämter können aktuell oder künftig nicht auf genügend Pflegefamilien zurückgreifen.

„Dieser Mangel ist alarmierend, denn gerade jüngeren Kindern kann in Pflegefamilien eine bessere Entwicklung als in Heimerziehung ermöglicht werden“, kommentiert Studienleiter Prof. Bachmann. „Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit seiner neuen Kampagne ‚Zeit, die prägt‘ den großen Stellenwert von Pflegeelternschaft würdigt und dafür wirbt.“

Was den Wunsch der befragten Jugendämter nach Elterntrainings speziell für Pflegekinder angeht, kann möglicherweise ein weiteres Ulmer Forschungsprojekt helfen: In einer von der Friede Springer-Stiftung geförderten Studie wurde die Wirksamkeit der deutschen Version von „Fostering Changes“, einem in Großbritannien weit verbreiteten Elterntraining für Pflegeeltern, überprüft.

So können Pflegeeltern profitieren

Die Studienergebnisse wurden im vergangenen Monat veröffentlicht. Im Rahmen des 12-wöchigen Kurses nahmen emotionale und Verhaltensauffälligkeiten sowie psychiatrische Symptome der Pflegekinder deutlich ab. Gleichzeitig verbesserte sich die Beziehungsqualität zwischen Pflegeeltern und Pflegekind sowie die Erziehungskompetenz der Pflegeeltern. Diese Effekte waren auch drei Monate nach Kursende noch nachweisbar. Der Kurs erwies sich zudem als wirksam für eine breite Zielgruppe: Pflegeeltern mit sehr unterschiedlichem Erfahrungsschatz und Bildungsstand profitierten gleichermaßen.

„Besonders begeistert hat mich die lebendige Art des Trainings. Es gibt wenig trockene Theorie und Vorträge. Viel mehr werden die Erfahrungen der Pflegeeltern aufgegriffen und abwechslungsreich mit Rollenspielen und Übungen werden neue Inhalte vermittelt“, berichtet Prof. Bachmann. „In Großbritannien gibt es bei jedem Jugendamt ausgebildete ‚Fostering Changes‘-Trainer. Eine ähnlich breite Verfügbarkeit auch in Deutschland zu erreichen ist unser großes Ziel. Langfristig möchten wir so Pflegeeltern wirksame Unterstützung anbieten und Abbrüche von Pflegeverhältnissen vermeiden helfen.“

Links zu den beiden Studien:

Pflegekinder profitieren von stabilen Familienverhältnissen – zusätzliche Unterstützungsangebote für Pflegeeltern sind der Studie zufolge allerdings ausbaufähig. (Foto: Pixabay)

Prof. Dr. Dr. Christian Bachmann, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, leitet die bundesweite Studie zu Pflegefamilien und Unterstützungsangeboten. (Foto: Muenchbach)