Vor dem Hintergrund der anhaltenden kriegsbedingten Belastungen für Kinder und Jugendliche in der Ukraine war eine Fachdelegation zu Besuch in Ulm. Ziel war der Austausch zu evidenzbasierten traumafokussierten Therapieverfahren und Versorgungsstrukturen.
Eine hochrangige Fachdelegation aus der Ukraine hat vergangene Woche die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm besucht. Vor dem Hintergrund der anhaltenden psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen durch den Krieg in der Ukraine stand der vertiefte fachliche Austausch zu evidenzbasierten traumafokussierten Behandlungskonzepten sowie zur strukturellen Weiterentwicklung kinder- und jugendpsychiatrischer Versorgungsmodelle im Mittelpunkt. Der Besuch wurde durch den Stiftungspreis des Internationalen Karlspreises zu Aachen ermöglicht und von der Deutschen Traumastiftung e. V. umgesetzt.
„Die Karlspreis-Förderung ermöglicht es, fachliche Expertise über Ländergrenzen hinweg zu teilen und tragfähige Netzwerke aufzubauen“, betonte Michael Drechsler, Geschäftsführer der Deutschen Traumastiftung e. V. „Der Delegationsbesuch in Ulm zeigt exemplarisch, wie europäische Solidarität ganz konkret dazu beitragen kann, die psychosoziale Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Krisen- und Kriegskontexten langfristig zu stärken.“
Internationale Kooperation in Zeiten kriegsbedingter Belastungen
Die ukrainische Delegation setzte sich aus führenden Fachkräften der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychologie zusammen. Dazu gehörten Natalia Zheleztsova und Liana Shymoniak vom Mental Health Centre des Saint Nicholas Hospital in Lwiw, Lyudmyla Baletska, PhD, Associate Professor an der Nationalen Universität Uschhorod, Tetiana Hoydash von der Charitable Foundation „Medical Aid Committee in Transcarpathia“ sowie Dmytro Martsenkovskyi von der Nationalen Medizinischen Universität Bogomolets in Kyjiw.
Der Delegationsbesuch ermöglichte vertiefte Einblicke in Diagnostik, Indikationsstellung und therapeutische Interventionen bei traumabezogenen Störungsbildern sowie in interdisziplinäre Behandlungsstrukturen. Darüber hinaus wurden Fragen der Qualitätssicherung, Supervision, Weiterbildung und Implementierung evidenzbasierter Verfahren diskutiert. Auch die Einbindung klinischer Forschung in die Versorgungspraxis stand im Fokus. Der direkte persönliche Austausch ergänzte zudem die bestehenden digitalen Fortbildungsformate, unter anderem im Rahmen der Webinare der European Society for Child and Adolescent Psychiatry (ESCAP), und vertiefte die Zusammenarbeit im Kontext des Projekts „TF-CBT Ukraine“, eines Trainingsprogramms zur Schulung ukrainischer Fachkräfte in traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie.
Direkter Dialog ergänzt digitale Fortbildungsformate
„Der Besuch der ukrainischen Kolleginnen und Kollegen war eine wichtige Ergänzung zu unseren laufenden digitalen Fortbildungsaktivitäten“, erklärte Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. „Der direkte fachliche Dialog ist entscheidend, um traumafokussierte Therapieverfahren nachhaltig in die Versorgung zu integrieren und gemeinsam Strukturen weiterzuentwickeln. Besonders im Rahmen von ‚TF-CBT Ukraine‘ zeigt sich, wie kontinuierlicher Wissenstransfer dazu beiträgt, therapeutische Expertise systematisch aufzubauen.“
Empfang im Ulmer Rathaus als Zeichen europäischer Solidarität
Das Besuchsprogramm umfasste Fachvorträge und Workshops des KJP-Teams Ulm, den Austausch mit verschiedenen Berufsgruppen der Klinik sowie einen Besuch der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Böblingen. Ein besonderer Höhepunkt war der Empfang der Delegation durch Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher im Rathaus. Dabei betonte Ansbacher die besondere Verantwortung Europas gegenüber den vom Krieg betroffenen Kindern und Jugendlichen in der Ukraine. Psychologische Unterstützung sei weit mehr als eine begleitende Maßnahme – sie stärke Resilienz, Zukunftsperspektiven und gesellschaftliche Stabilität und stehe zugleich für gelebte europäische Solidarität.
Initiiert wurde der Besuch vor dem Hintergrund des erfolgreichen Forschungs- und Versorgungsprojekts „TF-CBT Ukraine“, in dessen Rahmen Prof. Dr. Elisa Pfeiffer und Prof. Dr. Cedric Sachser mehr als 100 ukrainische Therapeutinnen und Therapeuten in traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie geschult und über 300 ukrainische Kinder und Jugendliche therapeutisch begleitet haben. Der Delegationsbesuch steht exemplarisch für die Ziele der Karlspreis-Förderung: europäische Verständigung, strukturierter Wissenstransfer und die nachhaltige Stärkung traumaorientierter Versorgungsstrukturen für Kinder und Jugendliche in herausfordernden gesellschaftlichen Kontexten.


