Neue Therapie gibt Hoffnung bei erworbenem hypothalamischem Übergewicht

Universitätsklinikum Ulm an internationaler Zulassungsstudie beteiligt

Der Hypothalamus ist ein lebenswichtiger Teil des Zwischenhirns und spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation von Hunger, Sättigung oder Stoffwechsel. Wird der Hypothalamus in der Kindheit beschädigt, kann das sogenannte erworbene hypothalamische Übergewicht entstehen – eine seltene, schwerste Adipositas, die bisher nicht behandelbar ist. Eine Studie, die u.a. an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Ulm (UKU) durchgeführt wird, untersucht derzeit eine neue medikamentöse Behandlungsoption mit dem Wirkstoff Setmelanotid. Erste Zwischenergebnisse sind vielversprechend und deuten darauf hin, dass die neue Therapie einen Wendepunkt in der Behandlung der Krankheit darstellen könnte.

Das erworbene hypothalamische Übergewicht ist eine seltene Erkrankung, die bei Kindern beispielsweise nach der Therapie von bestimmten Hirntumoren entstehen kann. Auslöser sind oftmals durch Bestrahlung oder Operation entstandene Schäden, die die normale Funktion des Hypothalamus beeinträchtigen. Betroffene Kinder leiden nicht nur an einer starken Adipositas, also chronischem Übergewicht, sondern haben auch ein erhöhtes Risiko für weitere gesundheitliche Probleme wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Kinder mit erworbenem hypothalamischem Übergewicht stehen deshalb vor enormen Herausforderungen, die ihr Leben und das ihrer Familien stark beeinträchtigen. Leider waren die bisherigen Behandlungsoptionen begrenzt und wenig erfolgreich", sagt PD Dr. Christian Denzer, Kinderendokrinologe und Diabetologe an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKU. „Daher freuen wir uns sehr, dass wir zu einer kleinen Gruppe ausgewählter Zentren gehören, die an einer neuen Phase III-Studie beteiligt sind und das Medikament Setmelanotid in diesem Zusammenhang testen können.“
Setmelanotid wirkt auf den Melanocortin-4-Rezeptor, eine Art Schalter im Körper, der das Hungergefühl steuert. Zur Behandlung von genetisch bedingter Adipositas wird das Medikament bereits eingesetzt. Die aktuelle Studie untersucht nun, ob die Behandlung mit Setmelanotid auch bei Patient*innen mit erworbenem hypothalamischem Übergewicht wirksam ist. Vorläufige Ergebnisse bei 14 betroffenen Kindern und Jugendlichen sind vielversprechend: Nach 16 Wochen Behandlung wurden beeindruckende Veränderungen im Body Mass Index (BMI) sowie signifikante Effekte auf die Hyperphagie, also die krankhaft gesteigerte Nahrungsaufnahme mit übermäßigem Appetit, beobachtet. Dadurch hat sich auch die Lebensqualität für Patient*innen und Familie gesteigert. „Wir können die Behandlung mit Setmelanotid bei Kindern und Jugendlichen mit hypothalamischem Übergewicht als ‚Wiederherstellung‘ der hypothalamischen Sättigungssignalgebung betrachten. Dieser neue Therapieansatz markiert einen Meilenstein in der Behandlung des erworbenen hypothalamischen Übergewichts und könnte einen Wendepunkt für Betroffene bedeuten“, erklärt Prof. Dr. Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am UKU.

Publikationshinweis:
Hanneke M. van Santen, Christian Denzer, Hermann Lothar Müller. Could setmelanotide be the game-changer for acquired hypothalamic obesity?
DOI: https://doi.org/10.3389/fendo.2023.1307889

 

Schaubild Leptin-Melanocortin-Signalweg

Bei Patient*innen mit bestimmten Hirntumoren oder nach anderen Schädigungen des Gehirns ist die zentrale Sättigungsregulation gestört, eine schwer zu behandelnde, sog. hypothalamische Adipositas ist die Folge. Der Wirkstoff Setmelanotide hat das Potential, das Sättigungsgefühl bei betroffenen Patienten wiederherzustellen.