Anlässlich des internationalen World Delirium Awareness Day veranstaltet das Universitätsklinikum Ulm (UKU) gemeinsam mit der AGAPLESION Bethesda Klinik Ulm das 3. Delirsymposium Ulm mit interessanten Vorträgen und einer Podiumsdiskussion.
Den Verantwortlichen des Projektes Delir am UKU ist es ein besonderes Anliegen, Bürgerinnen und Bürger für das Delir – den „unerwarteten Feind“ – zu sensibilisieren und umfassend aufzuklären. Daher sind alle Interessierten herzlich eingeladen, sich beim 3. Delirsymposium mit dem Schwerpunkt „Delir im höheren Lebensalter“ über Vorbeugung, Erkennung und Therapie zu informieren.
Die kostenlose Veranstaltung findet am Mittwoch, 11. März 2026, von 9.00 bis 16.30 Uhr im Hörsaal des Zentrums für Innere Medizin (Universitätsklinikum Ulm, Albert-Einstein-Allee 23), statt. Für Getränke und Verpflegung in den Pausen ist gesorgt. Wir bitten zur besseren Planung um Ihre Anmeldung unter Jessica.Drechsel@uniklinik-ulm.de oder telefonisch unter (0731) 500 67003.
Das vollständige Programm findet sich im Flyer zur Veranstaltung (PDF).
Delir im Klinikalltag – ein unterschätztes Risiko
Ein typisches Beispiel aus dem Klinikalltag veranschaulicht die Problematik: Ein 78-jähriger Patient muss nach einem Sturz aufgrund einer Schenkelhalsfraktur operiert werden. Während des stationären Aufenthalts zeigt er plötzlich eine deutliche Verhaltensänderung. Trotz frischer Operation versucht er nachts wiederholt aufzustehen, droht zu stürzen, entfernt Infusionskanülen und verhält sich laut und aggressiv gegenüber dem Pflegepersonal und den Angehörigen. Er schläft kaum, ist verwirrt, motorisch unruhig und vermischt die Vergangenheit mit der Gegenwart. Der Patient leidet an einem sogenannten hyperaktiven Delir.
„Auslöser für ein Delir sind häufig Infektionen, operative Eingriffe, Flüssigkeitsmangel, intensivmedizinische Behandlungen, verschiedene Medikamente, vorbestehende kognitive Einschränkungen sowie akute Belastungssituationen“, erklärt Dr. Lena Schulte-Kemna, Oberärztin an der Klinik für Innere Medizin I am UKU. Grundsätzlich kann ein Delir in jedem Lebensalter auftreten, am häufigsten tritt es jedoch bei älteren Menschen ab dem 65. Lebensjahr auf. Während sich eine Demenz meist langsam entwickelt, entsteht ein Delir plötzlich und akut.
Delir früh erkennen und behandeln
Typische Symptome eines Delirs sind Aufmerksamkeits- und Denkstörungen, Bewusstseinsveränderungen, Aggressivität, Halluzinationen, Beschäftigungsdrang sowie Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus. Manche Patient*innen ziehen sich zurück, sind apathisch und wenig ansprechbar. Diese hypoaktive Form des Delirs ist besonders gefährlich, da sie häufig übersehen wird und mit einer schlechteren Prognose einhergeht“, so Dr. Schulte-Kemna weiter.
Ein Delir ist eine schwerwiegende Komplikation einer ernsthaften Grunderkrankung und muss rasch erkannt und behandelt werden. Zur Diagnostik stehen verschiedene Testverfahren zur Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit zur Verfügung. „An erster Stelle der Therapie steht nach Möglichkeit die Behandlung der zugrunde liegenden Ursachen. Medikamentöse Maßnahmen können zusätzlich helfen, Erregungs- und Unruhezustände zu reduzieren und den Tag-Nacht-Rhythmus wiederherzustellen“, betont Prof. Dr. Eberhard Barth, Leiter der Intensivstation an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am UKU.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen im Mittelpunkt
Zahlreiche Studien zeigen, dass nicht-medikamentöse Maßnahmen die wirksamste Form der Vorbeugung und Therapie darstellen. „Dazu gehören Orientierungshilfen wie Uhren und Kalender, Fotos vertrauter Personen, persönliche Gegenstände sowie Gespräche mit Angehörigen, die einen Bezug zur Realität herstellen. Ebenso wichtig sind eine frühe Mobilisation, leichtes Bewegungstraining und eine klare Tagesstruktur mit regelmäßigen Mahlzeiten, erläutert Dr. Margarete Reiter, Pflegedienstleitung am UKU. Auch das Rooming-in von Angehörigen wird am UKU unterstützt. Vertraute Bezugspersonen können Ängste lindern und den Genesungsprozess positiv beeinflussen.
„Speziell geschulte Delirexpert*innen begleiten die betroffenen Patient*innen während ihres Klinikaufenthalts. In Einzelbetreuungen erhalten sie ein gezieltes Kognitionstraining und eine angepasste Beschäftigungstherapie zur Förderung von Gedächtnis und Orientierung“, so Dr. Reiter.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit entscheidend
Trotz aller Maßnahmen kann ein Delir wenige Tage bis mehrere Wochen andauern. Es ist mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate verbunden und kann zu dauerhaften Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, der Denkfähigkeit und somit der Selbstständigkeit führen. „Je schneller die Symptome erkannt und therapiert werden, desto besser ist die Prognose. Die Behandlung eines Delirs erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Berufsgruppen und die Einbindung der Angehörigen“ sagt Prof. Barth.
Um das Bewusstsein für das Delir am UKU weiter zu stärken, wurde bereits 2023 eine interdisziplinäre Projektgruppe gegründet. Sie vereint ärztliche und pflegerische Mitarbeitende des gesamten UKU und der AGAPLESION Bethesda Klinik Ulm. Ziel dieses Leuchtturmprojekts ist es, die Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Delirien in beiden Kliniken nachhaltig zu verbessern. Zudem werden auch niedergelassene Ärzt*innen, ambulante Pflegedienste und Pflegeheime stärker eingebunden, um die Patientenversorgung an der Schnittstelle zwischen stationärem und ambulantem Bereich weiter zu optimieren.
