Das 25-jährige Bestehen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) am Universitätsklinikum Ulm (UKU) bot am 5. November im Stadthaus Ulm Anlass, auf die Entwicklung der Klinik zurückzublicken und zugleich die Zukunft der Versorgung und Forschung in den Blick zu nehmen. Auch die Verabschiedung des langjährigen Ärztlichen Direktors Prof. Dr. Jörg M. Fegert war Teil der Jubiläumsveranstaltung. Ganz verabschiedet hat er sich damit allerdings noch nicht. Stimmen zur Jubiläumsveranstaltung finden sich am Ende dieser Mitteilung.
Als Prof. Fegert 2001 den Auftrag erhielt, in Ulm eine Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie aufzubauen, war die Versorgung auf der östlichen Seite der Alb lückenhaft. Für eine stationäre Behandlung mussten Kinder und Jugendliche nach seiner Schilderung vor allem auf die weiter entfernte Klinik in Weissenau ausweichen.
Rückblickend beschreibt er seinen damaligen Auftrag so: „Ziel war es einerseits, die lückenhafte Versorgung auf der östlichen Seite der Alb zu verbessern und gleichzeitig durch starke innovative Forschung möglichst viel zur Prävention entsprechender Störungsbilder beizutragen.“
Versorgung gemeinsam weiterentwickeln
Ein wichtiger Schritt war die Einrichtung der psychiatrischen Institutsambulanz (PIA). Mit der Aufnahme des ambulanten Betriebs im November 2001 entstand ein spezialisiertes Angebot für Kinder und Jugendliche mit besonders hohem Behandlungsbedarf. Da solche Ambulanzen in Baden-Württemberg damals noch nicht etabliert waren, musste die Zulassung zunächst gegen Widerstände durchgesetzt werden. Das UKU finanzierte die Leistungen mehrere Jahre vor und unterstützte den Widerspruch sowie den Rechtsstreit mit dem Zulassungsausschuss. Erst kurz vor der entscheidenden Sozialgerichtsverhandlung wurde die Blockade beendet. In der Folge etablierten sich psychiatrische Institutsambulanzen auch an anderen psychiatrischen Versorgungskliniken im Land. „Dies war eine Pionierleistung, auf die ich gerne zurückschaue“, sagt Prof. Fegert.
Darüber hinaus setzte er sich dafür ein, die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung enger mit der Kinder- und Jugendhilfe zu verzahnen. Gemeinsam mit der Klinik in Weissenau wurden unter anderem die Heimkinderinterventionsstudie und neue Behandlungsformen im häuslichen Umfeld vorangebracht. Dazu zählt die stationsäquivalente Behandlung (StäB), bei der eine stationäre Behandlung im häuslichen Umfeld ermöglicht wird.
Kinderschutz über Ulm hinaus
„Kinderschutz und der Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder war eines meiner zentralen Lebensthemen“, sagt Prof. Fegert. Dieses Engagement brachte er unter anderem 2010 beim „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ ein, an dem er gemeinsam mit der damaligen Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Dr. Christine Bergmann (Bundesministerin a.D.), mitwirkte.
Am UKU wurde dieser Schwerpunkt unter anderem mit dem Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin Baden-Württemberg und der Medizinischen Kinderschutzhotline weitergeführt. Die Hotline ist am UKU angesiedelt und unterstützt ärztliche und pflegerische Fachkräfte bei Fragen zum Kinderschutz.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermittlung von Wissen zu Kinderschutz und Trauma. Digitale Fortbildungsangebote wurden insbesondere während der Corona-Pandemie ausgebaut. Inzwischen haben mehr als 70.000 Fachkräfte entsprechende Schulungen mit Zertifikat der Landesärztekammer Baden-Württemberg absolviert.
Auch auf europäischer Ebene setzte sich Prof. Fegert für den Schutz junger Menschen ein. Gemeinsam mit Dr. Maria Melchior vom französischen Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (INSERM) leitete er als Ko-Vorsitzender die von der Europäischen Kommission eingesetzte Expertengruppe „Child Safety Online“. Im Sommer 2026 legten beide Empfehlungen vor, wie Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt besser geschützt und gestärkt werden können.
Forschung stärken, Wissen weitergeben
Neben seinem internationalen Einsatz für den Kinderschutz trieb Prof. Fegert in Ulm auch die Forschung zur psychischen Gesundheit junger Menschen voran. Die Beteiligung am Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit und am Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit stärkt den Forschungsstandort Ulm und eröffnet neue Möglichkeiten, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Versorgung zu übertragen.
Auch in der internationalen Forschung setzte Prof. Fegert Akzente. 2007 gründete er gemeinsam mit Dr. Benedetto Vitiello, damals am National Institute of Mental Health in Bethesda (USA) tätig, und Prof. Dr. Lutz Goldbeck (UKU) die Online-Fachzeitschrift „Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health“ (CAPMH), die er lange als Herausgeber leitete. Die internationale Reichweite der Zeitschrift zeigt sich auch an den Zugriffszahlen: Bereits 2021 wurden ihre Fachartikel knapp 800.000-mal pro Jahr heruntergeladen.
Ein weiterer Schwerpunkt in Ulm ist die Traumaforschung. Das Ulmer Zentrum für Traumaforschung verbindet die Versorgung körperlicher Verletzungen mit der Behandlung psychischer Traumafolgen. Die erste Professur für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie mit dem Schwerpunkt Trauma- und Akut-Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde mit Prof. Dr. Paul Plener besetzt. Er leitet inzwischen die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien und ist Präsident der österreichischen Fachgesellschaft.
Anerkennung für langjähriges Engagement
Für sein langjähriges Engagement wurde Prof. Fegert 2018 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Im April 2026 erhielt er den Deutschen Kinderschutzpreis sowie die Ehrenmedaille der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).
Die Auszeichnungen würdigen seinen Einsatz für den Schutz von Kindern und Jugendlichen und die Weiterentwicklung der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung.
Was bleibt – und wie es weitergeht
Wie eng Prof. Fegert mit der von ihm aufgebauten Klinik verbunden ist, bringt er mit einem persönlichen Bild zum Ausdruck: „Diese Klinik war ‚mein Baby‘ und ich habe sie nicht nur ins Erwachsenenalter, sondern auch durch die Transitionsphase führen können.“
Was in 25 Jahren entstanden ist, bildet die Grundlage für die weitere Entwicklung der KJPPP. Mit Prof. Dr. Vera Clemens steht seine Nachfolgerin bereits fest. Den Übergang haben beide gemeinsam mit dem Leitungsteam vorbereitet. Da Prof. Clemens aber zunächst in Elternzeit gehen wird, bleibt Prof. Fegert der Klinik auch über seine Verabschiedung hinaus erhalten und übernimmt in dieser Zeit eine Elternzeitvertretung. Damit kann er die weitere Entwicklung der Klinik auch in der Übergangsphase begleiten und mitgestalten.
Wie wichtig dieser Blick nach vorn ist, zeigte auch die Jubiläumsveranstaltung. Die Zukunft der psychischen Gesundheit junger Menschen stand neben dem Rückblick auf 25 Jahre KJPPP im Mittelpunkt. In seinem Grußwort verwies Prof. Fegert auf die weltweit beschriebene „Youth Mental Health Crisis“ und den Bedarf an neuen Perspektiven. Fachvorträge und eine Podiumsdiskussion griffen die Herausforderungen für Versorgung und Forschung auf.
Zu den Gästen zählten Clemens Benz (Abteilungsleiter im baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und Aufsichtsratsvorsitzender des UKU), Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher, der Präsident der Universität Ulm, Prof. Dr. Michael Kühl, Bundesministerin a.D. Dr. Christine Bergmann, und Elke Büdenbender, die sich bereits 2019 am UKU über die Arbeit mit traumatisierten jungen Geflüchteten informiert hatte.
Am Abend wurde Prof. Fegert im Rahmen eines feierlichen Gesprächskonzerts verabschiedet. Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Udo X. Kaisers, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKU, sowie Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, und Elke Büdenbender, verband das Konzert „Vom Schubert-Lied zum Schutzprozess“ Musik und Rückblick.
Stimmen zum Jubiläum
Prof. Dr. Udo X. Kaisers, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKU:
„Eine Klinik mit national und international sichtbaren wissenschaftlichen Schwerpunkten aufzubauen und über 25 Jahre hinweg zu leiten und sehr erfolgreich weiterzuentwickeln, ist eine außerordentliches Verdienst. Dafür braucht es Weitsicht, Ausdauer, Überzeugung und den Mut, neue Wege zu gehen. Herr Prof. Dr. Fegert hat mit seinem Wirken das klinisch-wissenschaftliche Profil der Ulmer Univ.-Medizin mit geprägt, dafür sind wir ihm sehr dankbar. Umso mehr freut es mich, dass Prof. Fegert dem Universitätsklinikum Ulm auch über seine Verabschiedung hinaus noch intensiv verbunden bleibt. Mit Frau Prof. Dr. Vera Clemens haben wir eine sehr ausgewiesene Ärztin und Wissenschaftlerin für die Nachfolge als Klinikdirektorin gewinnen können. Wir sind davon überzeugt, dass sie die Klinik mit ihrer Expertise und ihren innovativen Ansätzen erfolgreich weiterentwickeln wird.“
Wissenschaftsministerin Petra Olschowski:
„Seit 25 Jahren leistet die Ulmer kinder- und jugendpsychiatrische Klinik Tag für Tag Hilfe in besonderen Notlagen und Krisen. Mit großem Engagement, Expertise und vor allem mit viel Empathie arbeiten alle Mitarbeitenden daran, dass es den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern wieder besser geht. Mein Dank gilt allen, die sich in und außerhalb der Klinik dafür engagieren. Die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik ist unter Leitung von Herrn Prof. Fegert stetig gewachsen und hat mit zahlreichen wegweisenden Forschungsprojekten die Versorgungslandschaft für besonders vulnerable Kinder und Jugendliche nachhaltig verbessert. Immer wieder hat Herr Prof. Fegert wichtige Zukunftsthemen angestoßen, die das Land gerne aufgegriffen und unterstützt hat. Aktuelles Beispiel hierfür ist die Förderung des Kompetenzzentrums „Public Child Mental Health“. Ziel ist es, gesellschaftliche Belastungen, Krisen und digitale Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu erkennen und dabei Forschung, Prävention und Transfer bestmöglich miteinander zu verbinden.“
Martin Ansbacher, Oberbürgermeister der Stadt Ulm:
„Professor Jörg Fegert hat die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie von Grund auf aufgebaut. Dass aus der damaligen Gründung eine wissenschaftlich profilierte und überregional anerkannte Einrichtung geworden ist, ist in hohem Maße mit seinem Namen verbunden. Er hat damit die medizinische Versorgung in unserer Region nachhaltig gestärkt und den Wissenschaftsstandort Ulm bereichert. Professor Fegert hat seine wissenschaftliche Expertise darüber hinaus in gesellschaftliche und politische Prozesse eingebracht und an der Entwicklung von Schutzkonzepten und strukturellen Verbesserungen mitgewirkt. Das ist ein Beitrag, dessen Bedeutung weit über einzelne Institutionen und Zuständigkeiten hinausreicht.“


