Neuroonkologische Sprechstunde

 

Schwerpunkt der Neuroonkologischen Sprechstunde ist die Behandlung hirneigener niedrig- und hochmaligner Tumoren des ZNS, aber auch Patienten mit ZNS-Metastasen systemischer Malignome und Meningeosis neoplastica werden in Zusammenarbeit mit den behandelnden Fachdisziplinen betreut. Die Neuroonkologische Sprechstunde findet einmal wöchentlich fest und nach Vereinbarung oder bei Auftreten von Komplikationen kurzfristig statt. Es werden alle in der Behandlung der hirneigenen Tumoren gängigen Chemotherapien, hauptsächlich Temozolomid, PC(V) (Procarbazin, CCNU, Vincristin), Bevacizumab sowie liposomales Doxorubin durchgeführt. Als neueres Therapiekonzept wird die Optune-Therapie mit elektrischen Wechselfeldern, sogenannten tumor treating fields, angeboten.

Entsprechend der deutlich verbesserten interdisziplinären Betreuung von Patienten mit neuroonkologischen Krankheitsbildern konnte die Zahl der Ambulanzkontakte im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt werden.

Der klinische Verlauf und das Therapieansprechen werden in entsprechend der Grunderkrankung und Therapie gewählten Intervallen im Rahmen der Ambulanztermine überwacht und die weiterführende bildgebende Diagnostik koordiniert. Da viele Patienten mit Hirntumoren an einer symptomatischen Epilepsie leiden, steht auch die Optimierung der antikonvulsiven Medikation im Mittelpunkt. Um eine optimale Versorgung der Patienten sowohl hinsichtlich der fachneurologischen als auch fachonkologischen Aspekte zu gewährleisten, besteht seit September 2016 eine interdisziplinäre Kooperation mit der ZNS-Ambulanz der Klinik für Innere Medizin III unter der Leitung von Prof. Dr. Lars Bullinger und seit September 2017 Frau Dr. Regine Mayer-Steinacker.

Als weiterer Fokus wird während jedem Ambulanzkontakt die Notwendigkeit einer psychoonkologischen sowie sozialmedizinischen Mitbehandlung standardmäßig überprüft und bei Bedarf die entsprechende Leistung über die Psychoonkologie der Universitätsklinik Ulm beziehungsweise den Sozialen Beratungsdienst der Universitätsklinik Ulm angefordert. Selbstverständlich stehen wir auch für Fragen der weiteren Lebensplanung und Lebensführung für Patienten mit Tumoren des zentralen Nervensystems zur Verfügung und unterstützen Patienten und Angehörige in dieser Hinsicht. Bei fortgeschrittenen Erkrankungen gewährleisten wir für die Erkrankten und deren Familien eine bestmögliche Versorgung durch Organisation einer suffizienten professionellen Pflegeunterstützung (durch Sozialstation oder Brückenpflege) oder Planung der Versorgung in einer speziellen Pflegeeinrichtung.

Die interdisziplinäre Betreuung von Patienten mit Neuroonkologischen Tumoren in der Neuroonkologischen Sprechstunde ist ein Teilbereich der Versorgung dieser Patienten innerhalb des Comprehensive Cancer Centers Ulm (CCCU), welches als onkologisches Spitzenzentrum durch die Deutsche Krebshilfe gefördert wird. Die anderen Behandlungspartner sind neben der Klinik für Innere Medizin III die Klinik für Neurochirurgie der Universitätsklinik Ulm und des Bezirkskrankenhauses Günzburg, die Klinik für Strahlentherapie sowie die Sektion Neuropathologie. Es finden wöchentlich Tumorkonferenzen mit Vertretern aller in die Behandlung der Tumoren des Zentralen Nervensystems involvierten Abteilungen statt. Sowohl bei Erstdiagnose als auch regelmäßig im Verlauf werden alle Patienten mit Tumoren des zentralen Nervensystems in der Neuroonkologischen Tumorkonferenz vorgestellt, um im interdisziplinären Austausch die bestmögliche Therapie zu gewährleisten.

Im Oktober 2017 erhielt der Standort Ulm von OnkoZert die Empfehlung zur Zertifizierung als Neuroonkologisches Zentrum. Die Zentrumskoordination soll über die Neurologische Klinik, die Zentrumsleitung über die Neurochirurgische Klinik erfolgen.

Um auch die Betreuung unserer stationären Patienten mit Tumorerkrankungen weiter zu optimieren werden seit Oktober 2017  alle Patienten mit aktiven Malignomen einmal wöchentlich von einer onkologischen Fachpflegekraft visitiert. Inhaltlich werden in diesem Rahmen insbesondere Tumor- und Tumortherapie-assoziierte Beschwerden und pflegerische Linderungsoptionen adressiert. In Zusammenarbeit mit den behandelnden Stationsärzten zählen auch Angehörigengespräche sowie Evaluation der Indikation für eine weitere psychoonkologische und sozialmedizinische Betreuung in einem interdisziplinären Setting zum Spektrum der wöchentlichen Visiten.

Profilbild von Dr. med. Rebecca Kassubek

Dr. med. Rebecca Kassubek

Oberärztin

Neben der klinischen Versorgung von neuroonkologischen Patienten wurden 2017 auch auf wissenschaftlicher Ebene Strukturen geschaffen und ausgebaut. In Hinblick auf den Schwerpunkt der hirneigenen Tumoren wurde mittels Diffusionstensor-Bildgebung Patienten mit maligen Gliomen sowohl cross-sektional als auch longitudinal vor und nach Bestrahlung untersucht und so eine chronische über die Dauer von mehreren Jahren progrediente Veränderung der Integrität der weißen Substanz nach Bestrahlung nachgewiesen (Kassubek et al, 2017). Die Vorstellung dieser Daten wurde beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2017 mit einem Posterpreis ausgezeichnet. In Zusammenarbeit mit den anderen in die Behandlung von Tumorpatienten involvierten Abteilungen soll diese Technik auch in einem breiteren Spektrum von Fragestellungen, insbesondere zur Messung therapieassoziierter mikrostruktureller Veränderungen, zur Anwendung kommen.

In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Innere Medizin III wurde ein Projekt entwickelt, in welchem Tumormaterial von Patienten, die sehr gut auf die Behandlung mit Bevacizumab (BEV) und Patienten, die sehr schlecht auf BEV angesprochen haben, näher untersucht werden soll. Durch die Analyse molekularpathologischer Charakteristika der Tumoren von BEV-Langzeitüberlebenden (z.B. tumorspezifische Mutationen), sogenannter Super-Responder, im Vergleich zu schlecht auf BEV ansprechenden und schnell eine Resistenz entwickelnden Patienten soll versucht werden, sowohl Prädiktoren in der molekularpathologischen Signatur für das gute und lange Ansprechen auf BEV als auch eine Hypothese für den Mechanismus des Ansprechens und der sehr verzögert einsetzenden BEV-Resistenz zu generieren. Dieses Projekt wurde im Jahr 2017 im Rahmen eines Hertha Nathorff-Stipendiums von der Universität Ulm gefördert. Ein weiteres Projekt unter Leitung der Neuroonkologischen Arbeitsgruppe untersucht den Zusammenhang von Tumorerkrankungen und Schlaganfall, insbesondere vor dem Hintergrund der Generierung eines diagnostischen Algorithmus zur Identifizierung eines Tumor-assoziierten ischämischen Schlaganfalles und bislang unerkannter Tumorerkrankung (Kassubek, Lewerenz, 2017).

Assoziiert mit der Neuroonkologischen Sprechstunde werden Patienten mit paraneoplastischen neurologischen Syndromen und, hier z.T. in Kooperation mit der Sprechstunde für entzündliche ZNS-Erkrankungen, Leiter Prof. Hayrettin Tumani, Patienten mit fakultativ paraneoplastischen Autoimmunencephalitiden in der Sprechstunde für paraneoplastischer Syndrome und Autoimmunencephalitiden (PD Dr. Jan Lewerenz) betreut oder Patienten beraten, bei denen der Verdacht auf ein solches Syndrom vorliegt. Bei diesen Erkrankungen handelt es sich um autoimmunologisch bedingte Erkrankungen des Nervensystems, die als Fernwirkung eines bekannten oder noch nicht bekannten Tumorleiden auftreten können. Wichtige diagnostische Marker sind hier sogenannte onkoneuronale und antineuronale Antikörper im Blut und/der Liquor, die im Liquorlabor des RKU unter Leitung von PD Dr. J. Lewerenz und Prof. Dr. Hayrettin Tumani bestimmt werden (siehe Bericht Liquorlabor). Schwerpunkte der Patientenbetreuung sind hier die Steuerung der Immunsuppression und die Koordination der längerfristigen wiederholten Tumorsuche bei Patienten hochgradigem Verdacht auf das Vorliegen eines paraneoplastischen neurologischen Syndroms ohne bisher entdeckten Tumor. 

Als eines der 44 aktiven Zentren des German Network for REsearch on Autoimmune Encephalitis (GENERATE) werden im Rahmen dieser Sprechstunde Patienten mit paraneoplastischen Syndromen und Autoimmunencephalitiden in die deutschlandweite GENERATE-Registerstudie eingeschlossen und nachverfolgt. Ziel dieses Registers ist die Verbesserung der Diagnose und Therapie der Erkrankungen. Die Analyse der multizentrischen Daten erfolgt z.T. in Ulm. Themen, die vor Ort analysiert werden, sind 1) die typischen Liquorbefunde bei Patienten mit Autoimmunencephalitis assoziiert mit LGI1- und NMDAR-Antikörpern (Cand. med. Marc Dürr), die regionale Atrophie bei Patienten mit IgLON5-Antikörper-assoziierter Encephalopathie (Cand. med. Carina Wingart) sowie Risikofaktoren für die Entstehung einer persistierenden cerebellären Ataxie nach Encephalitis mit Anti-NMDA-Rezeptor-Antikörpern (Cand. med. Marie Riemann).