Arbeitsgruppe Geschichte und Ethik in der Medizin

Leitung: Prof. Dr. Thomas Müller


Die Forschung zur Geschichte und Ethik in der Medizin hat am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, und insbesondere am Klinikstandort Ravensburg-Weissenau, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm, eine jahrzehntelange Tradition.

Der Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin wurde im September 2006 gegründet und befindet sich weiterhin im Ausbau. Im Frühjahr 2007 wurde dem Leiter dieses Forschungsbereichs die Koordination der „Historischen Forschung“ aller Zentren für Psychiatrie in Baden-Württemberg übertragen. Mit dem Bereich assoziiert ist die Leitung des Württembergischen Psychiatriemuseums – mit seinen Standorten Zwiefalten und Bad Schussenried – und des Verlags Psychiatrie und Geschichte in Zwiefalten, sowie weitere Leitungs-, Beirats- und Koordinationsaufgaben.
 

Auf den nächsten Seiten finden sich Informationen zu den Forschungsprojekten des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin, zu Publikationen, kooperierenden Personen und Institutionen sowie zu weiteren Aspekten der historischen Forschungsarbeit.
 

Arbeitsschwerpunkte

Geschichte der Medizin:

  • Vergleichende Geschichte der Medizin des 19./20. Jahrhunderts
  • Wissenschaftswandel und internationaler Wissenstransfer in der Medizin
  • Sozial- und Kulturgeschichte der Medizin („Psychiatrie und Gesellschaft“)
  • Medizin und Judentum
  • Methoden und Theorien der Medizingeschichte


Ethik in der Medizin:

  • Ärztliches Fehlverhalten in Geschichte und Erinnerung(-skultur)
  • Gewalt in der Therapie


Medizinische Ausbildung:

  • Ausbildungsreform in Geschichte und Gegenwart
  • Human- und Gesundheitswissenschaften in der medizinischen Ausbildung
     

Laufende Projekte (Auswahl)

Kurzbezeichnung: ZWIE 10

Die Arbeit von Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Einrichtungen scheint so alt zu sein wie diese Einrichtungen selbst. Jegliche therapeutische Innovation, die auf ökonomische oder ökonomisierbare Arbeit zurückgriff, stand in einem Spannungsverhältnis zwischen Hilfe zur Reintegration in soziale Zusammenhänge einerseits und wirtschaftlichem Nutzen für die Einrichtung andererseits. In diesem Projekt sollen die Zwiefalter Systeme der Therapie betrachtet werden.
Projekt: Akademische Qualifikationsarbeit: Bearbeiter: Martina Schmidt (geb. Huber). Betreuung: Prof. Dr. Thomas Müller, Prof. Dr. Gerhard Längle, Uta Kanis-Seyfried.
Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2008—2016.

Kurzbezeichnung: Muse 16/SCHU 5

Mit der Erforschung und Darstellung der vergleichenden Lokalisationslehre der Großhirnrinde zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Neurologe und Psychiater Prof. Dr. Korbinian Brodmann der medizinischen Nachwelt bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse hinterlassen. Ihm und seinem Werk ist das Korbinian-Brodmann-Museum gewidmet, das 1986 an seinem Geburtsort Liggersdorf in der Nähe von Stockach eingerichtet worden ist. Eine Wanderausstellung, die wesentliche Inhalte dieser Ausstellung in der Region wie jenseits dessen bekannt macht, wurde von Dr. Uta Kanis-Seyfried (Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin des ZfP Südwürttemberg) in 2012, zusammen mit dem Museum in Hohenfels-Liggersdorf erstellt. Damit wurde es möglich, erstmals außerhalb des Museums Einblick in Leben und Werk Brodmanns zu nehmen. Diese Ausstellung wurde nach zwei Jahren der Ausleihung nun zurückgeholt und thematisch maßgeblich erweitert. Von März bis Juli 2014 war die Ausstellung in den Räumlichkeiten der akademie südwest des ZfP Südwürttemberg am Standort Bad Schussenried in erweiterter Form erstmals zu sehen.
Ursprüngliche Bearbeitung: Museum Hohenfels-Liggersdorf / Dr. Uta Kanis-Seyfried
Erweiterte Bearbeitung und Kuratierung der Wanderausstellung: Dr. Uta Kanis-Seyfried.
Ausstellungsort Universität Würzburg, Medizinische Fakultät, 2015.

Kurzbezeichnung: ASIEN 1

Die Forschungskooperation ergibt sich aus der Zusammenarbeit im demnächst abgeschlossenen Projekt DFG-MU 1804/1-2 und bezieht sich thematisch auf das Feld der Geschichte der Medizin, insbesondere auf den internationalen Wissenstransfer zur medizinischen Disziplin der Psychiatrie. Japan und Deutschland stellen in Bezug auf das späte 19. und 20. Jahrhundert nicht allein ein interessantes Beispiel für einen systematischen internationalen Vergleich dar, sondern eignen sich aufgrund der engen wissenschaftlichen Beziehungen — weit über die Medizin hinaus — auch als Raum zur Analyse transnationaler Wissens- bzw. Wissenschaftstransfers. Besonderes Interesse fanden in der Medizin u.a. theoretische Krankheitskonzepte, apparative Diagnostik, architektonische und infrastrukturelle Konzepte oder curriculare Entwicklungen. Im Bereich der klinischen Psychiatrie interessierten sich japanische Ärzte u.a. für die deutschen Debatten um die Versorgung psychisch Kranker. In Bezug auf die japanische Rezeption der Debatten um sinnvolle Versorgungskonzepte in der Psychiatrie verdienen die vielfältigen Adaptationen europäischer Modelle an japanische Bedürfnisse besondere Aufmerksamkeit. Im Gewand eines Wissensimports aus dem europäischen Kontext wurden so vor dem Hintergrund der „Modernisierung“ in der Meiji-Ära unter anderem auch innerjapanische Konflikte um divergierende Entwicklungslinien der japanischen Medizin verhandelt.
Projekt: Forschungsprojekt zur freien Publikation. Kooperationspartner: Prof. Dr. Akira Hashimoto, Dept. for Social Welfare, Universität der Präfektur Aichi, Aichi/Japan, Prof. Dr. Thomas Müller.
Projektierter Bearbeitungszeitraum: Langzeitprojekt. Zwischenergebnisse siehe unter „Publikationen“.

Kurzbezeichnung: EUROPA 5

Der Bodenseeraum mit seinen drei Anrainerstaaten weist ebenso interessante Gemeinsamkeiten in der psychiatrischen Entwicklung auf wie wesentliche Unterschiede. Im Projekt EUROPA 5 sind zeitgenössische Diskurse, Praktiken und Phänomene Gegenstand der Forschung. Hierzu gehören Themen, wie der Umgang mit Wilhelm Griesingers Forderungen nach einer offenen Versorgung, die Beziehungen zwischen sich entwickelnden psychotherapeutischen Schulen und zugehörigen Einrichtungen, die Entwicklungen der Reformpsychiatrie der 1920er Jahre, die Stellung zu politischen Entwicklungen wie der nationalsozialistischen Psychiatrie in Deutschland und Österreich oder der Umgang mit neuen therapeutischen Verfahren (Rorschach-Test, die „Entdeckung“ des Imipramin in Münsterlingen usw.). Synergieeffekte mit und Querverbindungen zu den Projekten REIC 1 und REIC 2 sind projektiert.
Organisation: Prof. Dr. Thomas Müller (Weissenau), Dr. Gerhard Dammann (Münsterlingen), Prof. Dr. Klaus Hoffmann (Reichenau).
Kooperationspartner und Mitarbeiter: Dr. Bernhard Grimmer (Dr. Simone Bley (Münsterlingen),  Ralf Rosbach (Reichenau), Dr. Cornelia Thaten (Münsterlingen), Prof. Dr. Henning Wormstall (Schaffhausen), Prof. Dr. Albrecht Hirschmüller (Tübingen), Dr. Jörg Püschel (Schaffhausen), Dr. Heinz Faulstich (Reichenau).
Projektierter Bearbeitungszeitraum: Langzeitprojekt. Zwischenergebnisse siehe unter „Publikationen“.

Kurzbezeichnung: EUROPA 6

Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 wurde im Juli 1945 in Süddeutschland die Französische Besatzungszone eingerichtet. Sie umfasste neben dem Saarland und Rheinland-Pfalz die Länder Baden und Württemberg-Hohenzollern. Die französische Besatzungszeit in Württemberg endete im September 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. In diesen vier Jahren war die Militärregierung auch für die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten in Württemberg zuständig. Ziel dieses Projekts ist es, anhand ausgewählter psychiatrischer Kliniken – angedacht sind Schussenried und Zwiefalten – die württembergische Psychiatrie erstmals während der französischen Besatzungszeit näher zu beleuchten.
Zum Einen interessiert der Anstaltsalltag in der Psychiatrie unmittelbar in der vermeintlichen „Stunde Null“ sowie in den folgenden Jahren. Zum anderen soll der Umgang der französischen Besatzungsmacht mit der württembergischen Psychiatrie näher untersucht werden. Erstens soll untersucht werden, inwieweit die deutschen „Euthanasie“-Morde den Umgang mit den staatlichen Heil- und Pflegeanstalten beeinflussten. Zweitens soll untersucht werden, inwiefern ein Austausch zwischen der württembergischen und der französischen Psychiatrie stattfand und ob und wie weit französische Konzepte der Psychiatrie Eingang in die württembergische Psychiatrie gefunden haben.
Bearbeitung: Dr. Bernd Reichelt, Prof. Dr. med. Thomas Müller, M.A..
Aktueller Stand: Langzeitprojekt zur freien Publikation (2013—2018).

Kurzbezeichnung: SCHU 4/MUSE 8

„Verborgene Pracht — Vom Leben hinter Klostermauern“ ist der Titel einer Dauerausstellung, die im neu eingerichteten Museum Kloster Schussenried seit Mai 2010 präsentiert wird. Das im Besitz der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg befindliche Klostergebäude zeigt in fünf Räumen die von einem Team des Landesmuseums in Stuttgart zusammengestellte Schau. Ein Schwerpunkt ist die wechselhafte kirchliche Geschichte des Prämonstratenserordens, der bis 1803 dort ansässig war. Ein anderer Schwerpunkt befasst sich mit der weltlichen Nutzung des Klosters, dem Eisenschmelzwerk „Wilhelmshütte“ und der Königlichen Heil- und Pflegeanstalt Schussenried, die von 1875 an psychisch erkrankte Menschen hier behandelte. 120 Jahre lang prägte der Krankenhausalltag die Räumlichkeiten auch im ehemaligen Klostergebäude, zuletzt 1996 im Bereich Rehabilitation und Sozialtherapie.
Mit Hilfe sachkundiger Unterstützung bei der Planung und Konzeption durch den Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin der ZfP Südwürttemberg/Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm widmet sich nunmehr knapp ein Fünftel der gesamten Ausstellungsfläche der Geschichte der Psychiatrie in Schussenried. Die zahlreichen Exponate und das vielfältige historische Bildmaterial stammen aus dem hauseigenen Fundus der Landespsychiatrien. Dargestellt und thematisiert werden die unterschiedlichsten Aspekte aus der Psychiatriegeschichte von der Unterbringung der Patienten und Patientinnen über ihre körperliche Versorgung bis hin zu den vielgestaltigen Therapieformen, Freizeitangeboten und Arbeitsmöglichkeiten.
Den Besuchern werden alle Aspekte, die der „Rettung der Seele“ dienlich waren, anschaulich und informativ nach modernen museumspädagogischen Konzepten nahe gebracht. Ebenfalls präsent sind auch unrühmliche, beklemmende Zeiten wie die des sogenannten Dritten Reichs der Nationalsozialisten (ausführlich aufgearbeitet und detailliert dargestellt ist dieser Aspekt im Württembergischen Psychiatriemuseum Zwiefalten). Berührend ist die Fragestellung am Ende der Ausstellung zur Psychiatrie: „Was bleibt?“ — vom Menschen, vom Individuum und seiner Persönlichkeit?
Kooperationspartner von „Schlösser und Gärten Baden-Württemberg“ im ZfP Südwürttemberg: Prof. Dr. Thomas Müller, Dr. Uta Kanis-Seyfried (inhaltlich verantwortlich für den Raum „weltliche Nutzung der Klöster in Oberschwaben“).

Kurzbezeichnung: REIC 2

Nach grundlegenden Arbeiten zur Geschichte dieser Einrichtung (Faulstich, Hoffmann, Moser) wird in diesem Forschungsprojekt die Geschichte der Psychiatrie im heutigen Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZPR) bei Konstanz in der Zeit nach 1945 untersucht. Ein weiterer Forschungsgegenstand ist der Vergleich der Entwicklung psychiatrischer Versorgung in Südbaden mit derjenigen in der Schweiz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Hierzu steht ein breiter Fundus noch unbearbeiteter historischer Quellen zur Verfügung. Gerade im ZPR gab es problematische personelle Kontinuitäten bis weit in die 1980er Jahre, die eine historische Aufarbeitung hemmten. Im Projekt soll die Entwicklung zu einer humaneren Behandlung der psychisch Kranken im gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext der Entwicklung der jungen Bundesrepublik Deutschland analysiert werden. Wie kam es, ausgehend von der Hypothek des NS-Vernichtungsfeldzuges gegen die psychischen Kranken und geistig Behinderten (Zwangssterilisation, „Euthanasie“, „Hungersterben“), zur Etablierung eines offenen psychiatrischen Fachkrankenhauses mit zeitgemäßen therapeutischen und rehabilitativen Möglichkeiten? Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit stellt die Entwicklung von Medizin und Ökonomie und deren Auswirkungen auf die südbadischen Anstalten nach 1945 dar. Wie haben sich die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Psychiatrie seit 1945 verändert? Seit den Gesundheitsreformen der 1990er Jahre haben ökonomische Denkansätze in der Medizin Einzug gehalten. Lassen sich Auswirkungen auf die Psychiatrie in Südbaden feststellen und sind ähnliche Entwicklungen in der Schweiz in diesem Zeitraum nachweisbar?
Bearbeiter: Ralf Rosbach. Betreuer: Prof. Dr. Clemens Wischermann, Universität Konstanz; Prof. Dr. Klaus Hoffmann, ZPR Reichenau/Konstanz. Beratung: Prof. Dr. Thomas Müller.
Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit, projektiert 2009—2016.

Kurzbezeichnung: SCHU 2

Das Projekt beschäftigt sich mit der württembergischen Anstaltszeitung „Schallwellen“, die von 1897 bis 1936 in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried hergestellt und herausgegeben wurde. Aus den darin veröffentlichten Texten wird ersichtlich, dass den Lesern der Zeitung weitaus mehr als nur „Belehrung und Kurzweil“ geboten wurde, da die Inhalte immer auch einen Bezug zum aktuellen Weltgeschehen herstellten. Der Mikrokosmos des Lebens hinter den Anstaltsmauern stand in permanenter Verbindung zum Makrokosmos davor und wurde von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen durchdrungen. Obwohl die Anstaltszeitung eine Vielzahl unterschiedlicher Ausdrucksformen bot – das Spektrum reicht von Kommentaren, über kurze Meldungen, Berichten über Reisen, Flora, Fauna und Architektur, fiktiven Erzählungen bis hin zu Witzen und Silbenrätseln – spiegelte sie immer auch das wider, was die Menschen um die Jahrhundertwende, im Ersten Weltkrieg, während der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre und unter der Herrschaft der Nationalsozialisten bewegte.
Bearbeiterin: Uta Kanis-Seyfried.
Aktueller Stand: Forschungsprojekt zur freien Publikation. Projektierter Gesamtzeitraum 2009—2016.

Kurzbezeichnung: SCHU 3

Kritik an der Psychiatrie, ihren ärztlichen Vertretern und den Anstalten ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert regte sich Widerstand in der Patientenschaft wie aufgeklärter Gesellschaft und führte zu intensiver Auseinandersetzung mit der institutionalisierten Form der psychiatrischen Versorgung. In sogenannten „Irrenbroschüren“ beispielsweise, die in kleinen Verlagen gedruckt und unters Volk gebracht wurden, machten vor allem Patienten, die sich zu Unrecht in eine Anstalt eingewiesen wähnten, ihrem Ärger Luft. In diesen Selbstzeugnissen werden nicht nur individuelle Lebenswege autobiografisch dargestellt, vielmehr werfen sie auch ein von persönlichem Erleben geprägtes Bild auf zeitgenössische Rechtslagen, Behördenwillkür und staatsmächtige Regulierung aufsässiger, „querulatorischer“ Persönlichkeiten. Der in der Schussenrieder Heil- und Pflegeanstalt angeblich „vier Jahre unschuldig“ eingesperrte Wilhelm Kuhnle ist einer dieser Fälle, die in der Öffentlichkeit Aufsehen erregten. Seine psychiatriekritische Schrift (1894 im Stuttgarter Verlag Robert Lutz erschienen) erhellt auf eine gänzlich andere Art und Weise das Leben vor und hinter den Anstaltsmauern als das 1895 veröffentlichte Tagebuch des Pfarrers Heinrich Hansjakob. In dieser Schrift mit dem Titel „Aus kranken Tagen“ beschreibt der Pfarrer seinen freiwilligen mehrmonatigen Aufenthalt in der Heilanstalt Illenau, wo er Linderung von seinen „Nerventeufeleien“ suchte.
Bearbeiter: Uta Kanis-Seyfried/Thomas Müller.
Aktueller Stand: Forschungsprojekt zur freien Publikation. Projektierter Gesamtzeitraum 2009—2016.

Kurzbezeichnung: WEIS 3

Gegenstand dieser Arbeit ist die Biographie des in den ehemaligen Anstalten Weissenau, Weinsberg und Zwiefalten tätigen Arztes Maximilian Sorg, seine Haltung und Aktivitäten in den Jahren des Nationalsozialismus sowie im Zuge der Wiedergutmachungsverfahren in der BRD. Die Arbeit verbindet biographische und institutionshistorische Methodologien mit dem Forschungsinteresse der Studien zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus. Sorgs beruflicher Werdegang scheint besonders geeignet zu sein, die möglichen Handlungsspielräume ärztlich Tätiger in von der „Euthanasie“ betroffenen Einrichtungen zu untersuchen. Vor dem Hintergrund der ärztlichen peer group wird Sorgs Verhalten im Vergleich beurteilbar.
Projekt: Akademische Qualifikationsarbeit. Bearbeitung: Martina Fonrobert (geb. Henzi). Betreuung: Prof. Dr. Thomas Müller, Prof. Dr. Gerhard Längle.
Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2008—2016.

Kurzbezeichnung: WEIS 2

Gegenstand dieses Forschungsprojekts ist die Biographie der in den ehemaligen Anstalten Weissenau und Psychiatrie tätigen Ärztin Dr. Martha Fauser und ihrer Rolle in den Jahren des Nationalsozialismus. Die Arbeit integriert biographische und institutionshistorische Methodologien mit dem Forschungsinteresse der Gender Studies und der Studien zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus. Fauser war eine prominente Figur im Rahmen der sog. T4-Aktion bzw. der „Euthanasie“, die sich in der BRD auch im Rahmen eines juristischen Prozesses für ihr Fehlverhalten zu verantworten hatte. Zugleich war sie eine der ranghöchsten Frauen in der württembergischen Medizin bzw. Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus.
Projekt: Akademische Qualifikationsarbeit. Bearbeitung: Laura Richter (Univ. Mannheim).
Kooperative Betreuung: Priv.-Doz. Dr. Angela Borgstedt (Philosophische Fakultät, Universität Mannheim), Prof. Dr. Thomas Müller.
Aktueller Stand: In 2015 abgeschlossene und begutachtete Arbeit (Staatsexamen, höherer Schuldienst, Note "sehr gut").

Kurzbezeichnung: ZWIE 6

Diese Annäherung würde über die institutionsinternen Quellenbestände hinaus vor allem auf historische Quellen jenseits der „walls of the asylum“ (Bartlett and Wright) zurückgreifen und damit Familiennetze und Verbindungen zwischen Angehörigen psychisch Kranker einbeziehen, die geeignet sind, die Arbeit der Hilfsvereine am Beispiel Südwürttembergs zu untersuchen. Zeitgenössische journalistische Beiträge und literarische Quellen ergänzen das vorhandene und reichhaltige Sample an Primärquellen. Im Erkenntnisinteresse steht die Sicht auf die Anstalt von „außen“ seitens medizinischer Laien. Der Rechtsnachfolger des „Hilfsvereins“, der „Baden-Württembergische Hilfsverein für seelische Gesundheit“, ist mit unserer Einrichtung verbunden.
Projekt: Akademische Qualifikationsarbeit: Bearbeiterin: Sylvia Luigart. Betreuung: Prof. Dr. Thomas Müller, Prof. Dr. Gerhard Längle.
Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2010—2016.

Kurzbeschreibung: ZWIE 18/ EUROPA 7

Gegenstand der Untersuchung sind die Abläufe der Verbringung von Südtiroler Patientinnen und Patienten in die südwürttembergischen Heil- und Pflegeanstalten Zwiefalten und Schussenried, sowie zum Teil nach Weissenau im Jahr 1940. Im Interesse stehen die staatlichen Vorverhandlungen, die sog. Optionsverträge zwischen dem Deutschen Reich und Italien sowie die Behandlung der Südtiroler Patientinnen und Patienten in den Anstalten selbst. Einerseits steht die Frage der Behandlung dieser Patienten im Vergleich zu den einheimischen Patienten zur Debatte. Andererseits ist vor dem Hintergrund des aktuellen Kenntnisstands von einer Ungleichbehandlung (organisatorische, außenpolitische etc.) der Südtiroler Patienten im Vergleich zu den „volksdeutschen Umsiedlern“ aus anderen Regionen bzw. „Streusiedelungen“ im Ausland auszugehen. Die sog. Rückführungen bzw. Verhandlungen zwischen den Rechtsnachfolgestaaten um die Verlegung der Patientinnen und Patienten ab 1945 stellen eine weitere Vergleichsebene dar.
Bearbeitung: Prof. Dr. med. Thomas Müller, M.A., Dr. Uta Kanis-Seyfried, M.A., in Kooperation mit Kirsten Düsberg (Udine, Italien).
Aktueller Stand: Forschungsarbeit zur freien Publikation. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2015—2018 (Langzeitprojekt). Für bereits publizierte Zwischenergebnisse siehe unter „Publikationen“.

Kurzbezeichnung: ZWIE 19

Hintergrund: Die Psychiatrie-Enquête im Jahr 1975 wurde in der zeithistorischen Forschung über Jahre hinweg als Zäsur wahrgenommen, während die Jahre zuvor oftmals auf die vermeintliche Erfolgsgeschichte der Psychopharmaka reduziert wurden. Reformansätze und über Jahre bereits angewandte alternative Behandlungs- und Therapiekonzepte, die teilweise auch durch den vorherigen oder parallelen Einsatz von Psychopharmaka unterstützt wurden, sind in der Forschung bislang nur wenig beachtet. Gegenstand dieses Forschungsprojekts sind die nichtärztlichen Therapieformen. Im Zentrum steht zunächst die Sport- und Bewegungstherapie, wie sie sich nach 1945 in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern Württembergs entwickelte. Auch andere nichtärztliche Therapieformen wie Musik-, Kunst- und Ergotherapie werden im weiteren Verlauf des Projekts berücksichtigt. Im Fokus des Interesses stehen dabei die Professionalisierungs- und Berufsbildungsprozesse in den einzelnen Therapien sowie deren Bedeutung im Behandlungsprozess vor dem Hintergrund einer sich verändernden psychiatrischen Versorgung. Um sich dem komplexen Gegenstand anzunähern, werden Ansätze der sogenannten Histoire croisée verwandt, indem lokale, regionale, nationale, transnationale und biografische Ebenen vor dem Hintergrund eines (Werte-)Wandels in Gesellschaft und Politik, aber auch in der Medizin und der Psychiatrie der Nachkriegszeit, miteinander verflochten werden.
Bearbeitung: Dr. Bernd Reichelt, Prof. Dr. Thomas Müller, M.A..
Aktueller Stand: Vorträge, u.a. beim Interdisziplinären AK Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen, Publikation in Vorbereitung. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2013—2018.

Kurzbezeichnung: BERL 5

Die Arbeit widmet sich dem Arzt und Psychotherapeuten Eric D. Wittkower. Ziel der Arbeit ist die zeitliche und inhaltliche Einteilung seines Werkes sowie deren Einordnung in die Biographie des Autors und in die historischen, kulturellen und sozialen Umstände. Besonderes Interesse gilt den wesentlichen Lebens- und Arbeitsstationen des Autors: Berlin – London – Montreal. Wittkower gilt sowohl als Vertreter der „Integrierten Medizin“ im Berlin der 1920er Jahre, als interdisziplinärer Pionier im Bereich der psychophysiologischen, psychosomatischen und psychiatrischen Medizin als auch als Begründer zahlreicher Institutionen und Gesellschaften und einer neuen Disziplin: der „Transkulturellen Psychiatrie“ an der McGill-Universtität in Montreal, Kanada. Er ist trotz dieses Beitrags für die verschiedenen Bereiche der Medizin hierzulande in Vergessenheit geraten. Diese Arbeit soll seinem Beitrag zur medizinischen Wissenschaft Tribut zollen.
Bearbeiterin: Hennig, Christina; Betreuer: Prof. Dr. Thomas Müller (Universität Ulm, ZfP Südwürttemberg/Charité Berlin) zusammen mit Prof. Dr. Dr. G. Danzer (Charité Berlin).
Voraussichtl. Ende des Projekts: 2016.

Kurzbezeichnung: BERL 3

Als die Psychoanalyse um 1900 von dem Wiener Arzt Sigmund Freud zuerst beschrieben wurde, stieß sie zunächst auf erheblichen Widerstand in der Fachwelt und der Öffentlichkeit, was in ihren sexuellen Inhalten, den positivistischen Grundlagen der Medizin und der Tatsache, dass Freud Jude war, begründet war. Freud beschrieb diese Tatsache 1905 in seiner „Selbstdarstellung“. Diese überwiegend ablehnende oder ignorierende Haltung änderte sich zwar bald und die Psychoanalyse fand schnell eine große und begeisterte Anhängerschaft, doch auch trotz ihrer späteren weltweiten Etablierung blieb sie umstritten und oft heftigen Angriffen ausgesetzt, so dass sich vor allem innerhalb der psychoanalytischen Fachgesellschaften die Ansicht hielt, die Psychoanalyse würde bis zum heutigen Tage entweder totgeschwiegen oder überwiegend negativ rezensiert. Die ursprüngliche Idee der Arbeit war es, diesen von Freud nie revidierten und von seinen Anhängern fortgeführten Eindruck aufgreifend, die Urteile, bzw. Vorurteile über die Psychoanalyse in der öffentlichen Meinung darzustellen und zu untersuchen. Beim Literaturstudium der Fachpresse sowie einiger Tageszeitungen zeigte sich rasch, dass diese Urteile sehr stark einem zeitlichen Wandel unterworfen waren. Die aus der Auswertung des Materials sich ableitende Hauptthese der Arbeit, dass die Psychoanalyse quasi zu allen Zeiten eine sehr große und zustimmende Rezeption erfahren hat und weiterhin erfährt, gilt es statistisch und qualitativ zu belegen. Der breiten Rezeption der Psychoanalyse entsprechend, die sich keinesfalls auf die Fachpresse beschränkt, wurden vier große bundesdeutsche Tageszeitungen als Quellen unterschiedlichen politischen Hintergrundes ausgewählt: mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als rechtskonservativem Blatt über die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau als liberale, bürgerliche Blätter bis hin zur tageszeitung, das linkpolitische Spektrum einbeziehend. Insgesamt umfasst das Material 1.087 Artikel aus den vier ausgewählten Tageszeitungen, beigetragen von 363 verschiedenen Autor(inn)en. Dieses Projekt stellt in der BRD eine neue Form der Psychoanalyseforschung dar. Eine in gewisser Weise komplementäre Arbeit wurde 1999 in Österreich von Tichy und Zwettler-Otte vorgelegt, in der die Rezeption der Psychoanalyse in der österreichischen Presse (1895–1938) zu Freuds Lebzeiten untersucht wurde. In ihren Ergebnissen zeichnet sich schon für die damalige Zeit eine breite Wirkung der Psychoanalyse in Österreich ab, wie dies auch die bisher vorliegenden Auswertungen für das Nachkriegs-Deutschland andeuten.
Bearbeiterin: Ricken, Désirée; Betreuer: Prof. Dr. Thomas Müller (Universität Ulm, ZfP Südwürttemberg/Charité Berlin).
Aktueller Stand: Das fortgeschrittene Promotionsprojekt wird zurzeit für die Einreichung vorbereitet. Projektierter Abschluss des Projekts: 2016.

Kurzbezeichnung: BERL 6

In diesem Projekt wird anhand einer vergleichenden Darstellung der therapeutischen Vorgehensweisen bedeutender Psychoanalytiker-Persönlichkeiten und vor deren jeweiligem theoretischen Hintergrund die Entwicklung des Begriffs der Abstinenz in der psychoanalytischen Behandlung untersucht. Die Art und Weise, wie die Abstinenz, die als Bestandteil der psychoanalytischen Methode selbst angesehen wird, im Umgang mit neurotischen, „persönlichkeitsgestörten“, psychosomatisch kranken oder psychotischen Patienten gehandhabt wurde und wird, soll hierbei einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Dabei wird auf unterschiedliche analytische Therapieverfahren, bspw. die Einzelbehandlung, die Gruppenbehandlung, die körperorientierten Verfahren und auf die Psychotherapie von psychotischen Patienten eingegangen werden. Untersucht werden auch der wissenschaftshistorische Ursprung des Abstinenzbegriffs, die wichtigsten kontroversen Haltungen im diachronen Vergleich sowie die Veränderungen, die dieser Teilaspekt der psychoanalytischen Therapie im Verlauf seit seiner Entstehung erfahren hat. Der aktuelle Stand dieser Aspekte wird dargestellt und diskutiert, wobei weitere Schwerpunkte des Interesses zur Rolle des Abstinenzbegriffs in Bezug auf mögliche Abhängigkeit des Patienten liegen, wie auch auf der Frage, inwieweit Patienten über die psychoanalytische Behandlungsmethode einschließlich möglicher Gefahren oder schädlicher Wirkungen im Vorhinein aufgeklärt werden – im Sinne einer rechtsgültigen Aufklärung herkömmlicher Art. Ein weiteres Interesse gilt der Frage, inwieweit neue Erkenntnisse im Hinblick auf den Abstinenzbegriff die Methode möglicherweise verändert haben und wie sie dies getan haben. Es macht Sinn, sich die Veränderungen, die die psychoanalytische Behandlungsmethode gerade im Hinblick auf den Abstinenzbegriff im Laufe ihrer Geschichte erfahren hat, zu vergegenwärtigen, weil es scheint, als ob die Art, wie die Therapie gerade in Bezug auf die Abstinenzregeln durchgeführt wird, wesentlich über den Therapieerfolg entscheidet. Die Bedeutung einer solchen Untersuchung ergibt sich folglich aus der Antwort auf die Frage, wie sich mit Hilfe der hier gewonnenen Erkenntnisse die psychoanalytische Behandlungsmethode zum Wohle der Patienten (und nicht zuletzt auch der Therapeuten) optimieren ließe.
Bearbeiterin: Schütz, Edith; Betreuer: Prof. Dr. Thomas Müller (Universität Ulm, ZfP Südwürttemberg/Charité Berlin)
Aktueller Stand: Das fortgeschrittene Promotionsprojekt wird zurzeit für die Einreichung vorbereitet. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2008—2016.

Kurzbezeichnung: WEIS 8

Auf Basis des im Januar 1934 in Kraft tretenden „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 wurden im gesamten Deutschen Reich nach aktuellem Stand circa 360.000 Sterilisierungen an Menschen beiderlei Geschlechts vorgenommen, deren Fortpflanzung auf Basis damaliger Vorstellungen unerwünscht war, und die im Falle der Weigerung der Betroffenen auch mit Zwang umgesetzt wurden. In großer Zahl wurden solche Zwangssterilisierungen an psychisch Kranken und geistig behinderten Menschen vorgenommen, wie sie in den 1930er und 1940er Jahren in Einrichtungen wie der damaligen Heilanstalt Weissenau, dem St. Gertrudisheim Rosenharz sowie der damaligen sog. Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf untergebracht waren. Auch ethnisch oder „rassisch“ verfolgte Menschen wurden zwangssterilisiert, so unter anderem in Ravensburg lebende Sinti und Roma. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden in städtischen Einrichtungen der Stadt Schwangerschaftsabbrüche an sogenannten Zwangsarbeiterinnen vorgenommen. Viele dieser Zwangsmaßnahmen wurden in städtischen Einrichtungen der Stadt, so zum Beispiel an nach aktuellem Stand 602 Personen im damaligen städtischen Krankenhaus „Heilig-Geist-Spital“ durchgeführt. Im beschriebenen Projekt soll einerseits ein erster Forschungsstand zu diesen Maßnahmen auf Basis der Auswertung von Kranken- und Versorgungsakten der betreffenden Einrichtungen erarbeitet werden und andererseits eine im öffentlichen Raum sichtbare, eventuell künstlerische Symbolisierung dieser medizinischen Verbrechen zum Zweck der Erinnerung und des Gedenkens der Opfer geschaffen werden.
Projekt: 1. Publikation der Forschungsergebnisse in freien Beiträgen / 2. Schaffung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Opfer der Zwangssterilisation
Bearbeiter: Marc Spohr, M.A. Ansprechpartner im ZfP Südwürttemberg: Prof. Dr. Thomas Müller. Kooperationspartner: Ralph Zodel (Geschäftsführer, Stiftung Heilig-Geist-Spital); Dr. Franz Schwarzbauer (Kulturamtleiter Ravensburg); Dr. Andreas Schmauder(Leiter des Stadtarchivs Ravensburg).
Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2013—2016.