Arbeitsgruppe Geschichte und Ethik in der Medizin

Leitung: Prof. Dr. med. Thomas Müller, M.A.


Die Forschung zur Geschichte und Ethik in der Medizin hat am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, und insbesondere am Klinikstandort Ravensburg-Weissenau, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm, eine jahrzehntelange Tradition.

Der Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin wurde im September 2006 gegründet und befindet sich weiterhin im Ausbau. Im Frühjahr 2007 wurde dem Leiter dieses Forschungsbereichs die Koordination der „Historischen Forschung“ aller Zentren für Psychiatrie in Baden-Württemberg übertragen. Mit dem Bereich assoziiert ist die Leitung des Württembergischen Psychiatriemuseums – mit seinen Standorten Zwiefalten und Bad Schussenried – und des Verlags Psychiatrie und Geschichte in Zwiefalten, sowie weitere Leitungs-, Beirats- und Koordinationsaufgaben.
 

Auf den nächsten Seiten finden sich Informationen zu den Forschungsprojekten des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin, zu Publikationen, kooperierenden Personen und Institutionen sowie zu weiteren Aspekten der historischen Forschungsarbeit.
 

Arbeitsschwerpunkte

Geschichte der Medizin:

  • Vergleichende Geschichte der Medizin des 19./20. Jahrhunderts
  • Wissenschaftswandel und internationaler Wissenstransfer in der Medizin
  • Sozial- und Kulturgeschichte der Medizin („Psychiatrie und Gesellschaft“)
  • Medizin und Judentum
  • Methoden und Theorien der Medizingeschichte


Ethik in der Medizin:

  • Ärztliches Fehlverhalten in Geschichte und Erinnerung(-skultur)
  • Gewalt in der Therapie


Medizinische Ausbildung:

  • Ausbildungsreform in Geschichte und Gegenwart
  • Human- und Gesundheitswissenschaften in der medizinischen Ausbildung
     

Laufende Projekte (Auswahl)

Bernd Reichelt, Thomas Müller

Hintergrund: Auch wenn der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung Württembergs weniger als ein Prozent betrug, waren Juden auf regionaler und lokaler Ebene am Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor , in Südwürttemberg insbesondere in Form der jüdischen Landgemeinden, beispielsweise in Buchau und Laupheim. Als Psychiatriepatient*innen waren sie bei wachsendem Antisemitismus doppelt stigmatisiert. Sie waren jüdisch und „geisteskrank“. Ab 1933 litten sie unter der NS-Erbgesundheitspolitik ebenso wie unter der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Die Heilanstalt Zwiefalten wurde 1939 zur Sammeleinrichtung für jüdische Psychiatriepatient*innen in Württemberg. Die meisten von ihnen wurden 1940 Opfer der „Aktion T4“, der zentralen NS-„Euthanasie“. Später nach Zwiefalten verlegte jüdische Patienten wurden Opfer des Holocaust oder starben vor Ort in der Heilanstalt. Das Projekt beinhaltet die Aufarbeitung der Schicksale jüdischer Opfer sowie der Verquickung der NS-Psychiatrie mit dem Holocaust. Zum einen werden Kranken- und Verwaltungsakten sowie Gerichtsakten zum sogenannten Grafeneck-Prozess von 1949 analysiert. Zum anderen sind Kooperationsprojekte mit Partner*innen aus den jüdischen Museen in Laupheim und Gailingen begonnen bzw. in Planung.

Aktueller Stand: Vorträge, Publikationen. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2020-2022.

Bernd Reichelt, Thomas Müller

Hintergrund: Ausgehend von der Aufarbeitung der Schicksale der im genannten Gräberfeld des Tübinger Stadtfriedhofs bestatteten Menschen, deren Leichname Verwendung im Anatomischen Institut der Universität Tübingen fanden, bemühen sich die Stadt Tübingen sowie die Eberhard-Karls-Universität Tübingen um gemeinsame Aufklärung im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts. Der Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin trägt mittels eigener Forschung zu dieser Aufarbeitung bei. Bereits untersucht wurden bisher im Rahmen der südwürttembergischen Anstalten diejenigen Leichname, die aus Zwiefalten nach Tübingen gelangten. Der Ansatz erfolgt multiperspektivisch. Zum Einen sollen durch Auswertung von Krankenakten der Verstorbenen, deren Körper nach Tübingen gelangten, etwaige Auswahlkriterien erfasst werden. Zur Analyse der Auswahl werden alle aus Zwiefalten verlegten Leichname in einer Datenbank erfasst und mit den Unterlagen des Anatomischen Instituts der Universität Tübingen bzw. der der zuständigen Arbeitsgruppe unter Leitung von Frau Prof. Benigna Schönhagen abgeglichen.

Eine Analyse der Auswahlgründe erfolgt unter anderem durch die stichprobenhafte Auswertung der erwähnten Krankenakten.

Aktueller Stand: Vorträge, Publikationen. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2020-2022.

Bernd Reichelt

Hintergrund: Nach der Beendigung der zentralen NS-„Euthanasie“, der sogenannten Aktion T4, in Württemberg im Dezember 1940, verloren in der Heilanstalt Zwiefalten selbst viele Patientinnen und Patienten ihr Leben. Ab 1941 stieg die Mortalitätsrate signifikant nach oben und war gegen Kriegsende eine der höchsten in Süddeutschland. 1942 zu einer Pflegeanstalt bestimmt, nahm die Einrichtung wiederholt eine große Anzahl an Patienten aus anderen Einrichtungen auf, während der Personalstand von Jahr zu Jahr verringert wurde.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen des Projekts wird die Rolle der Zwiefalter Anstalt vor dem Hintergrund der sogenannten Regionalisierung in der dezentralen NS-„Euthanasie“ untersucht. Welche Auffälligkeiten gab es in Hinblick auf die Mortalität bestimmter Patientengruppen? Wie gestaltete sich der Anstaltsalltag im Zweiten Weltkrieg und nach der zentralen „Euthanasie“? Wie wirkte sich der „Krieg nach innen“ konkret auf die Behandlung der Patient*innen aus?

Methode: Der Ansatz erfolgt multiperspektivisch. Zum Einen soll durch Auswertung von Personalakten das Anstaltspersonal gruppenbiografisch erfasst werden. Zur Analyse der Mortalität werden alle in Zwiefalten verstorbenen Patient*innen in einer Datenbank erfasst. Eine Analyse des Anstaltsalltags erfolgt unter anderem durch die stichprobenhafte Auswertung von Krankenakten.

Aktueller Stand: Siehe unter: Vorträge, Publikationen. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2018-2022.

Benjamin Siemens, Thomas Müller (Erstbetreuung), Uta Kanis-Seyfried

Hintergrund: Eine wissenschaftliche Reise vor Stellenantritt eines Ärztliche Direktorats und zum Zweck des Erwerbs wissenschaftlicher Expertise und Kenntnisnahme der je aktuellsten Formen von Diagnostik, Therapie und Versorgung war im 19. Jahrhundert über weite Strecken gängige, und von zuständigen Ministerien finanzierte Praxis. In diesem Projekt werden solche Dienstreisen württembergischer Anstaltsärzte ausgewertet. Neben der Vermittlung wissenschaftlich-medizinischen, administrativen oder pflegerischen Know-how, wird der Darstellung der späteren Dienst-Orte der untersuchten Personen und ihrer Reisen besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen dieser Arbeit wird insbesondere der „Wissens-Import“ nach Württemberg beziehungsweise

der Wissens-Export aus Württemberg vermittels wissenschaftlicher Reisen psychiatrischer Experten untersucht.

Methode: Auswertung von Primärquellen der regionalen Archive des ZfP Südwürttemberg sowie des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen).

Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit zurzeit ausgesetzt.

Jana Petit (geb. Kirchschlager), Thomas Müller (Erstbetreuung), Uta Kanis-Seyfried

Hintergrund: In diesem Projekt stehen die psychiatrischen Strukturen der Familienpflege sowie der agrikolen Kolonien in Bezug auf ihre Traditionen der Patientenarbeit im Fokus der Untersuchung.

Forschungsfragestellung: Es wird ein Forschungsansatz verfolgt, der klassische Institutionsgeschichte (als unabdingbare Basis jeder methodologisch anspruchsvollen Forschung zur Geschichte der Psychiatrie) mit für das 19. Jahrhundert charakteristischen Aspekten wie der Debatte um die sog. Asylierung psychisch Kranker und ihrer Mängel in einen Zusammenhang gestellt. Konkret wurden neben der Familienpflege in Zwiefalten auch zwei nach Geschlecht der Patientinnen und Patienten getrennte landwirtschaftliche Kolonien etabliert, deren therapeutische, organisatorische wie auch ökonomische Bedeutung in diesem Projekt untersucht werden.

Methode: Auswertung von Primärquellen der regionalen Archive des ZfP Südwürttemberg sowie des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen).

Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit. Projektiertes Ende des Bearbeitungszeitraums: 2021.

Veronika Holdau, Thomas Müller (Erstbetreuung), Uta Kanis-Seyfried, Gerhard Längle

Hintergrund: In weit geringerem Maße als universitär-psychiatrische Einrichtungen und sogenannte Heilanstalten, sind auch im südwestdeutschen Raum Einrichtungen untersucht, deren Struktur über lange Zeiträume am Anforderungsprofil sogenannter Pflegeanstalten ausgerichtet waren. Die hier beschriebene Studie untersucht die Einrichtung Zwiefalten, die älteste psychiatrische Einrichtung des ehemaligen Königreichs Württemberg in der Zeit des Direktorats von Carl von Schaeffer.

Forschungsfragestellung: In diesem Projekt steht einer der wesentlichen Akteure der Psychiatrie im Süden Württembergs im Mittelpunkt der Forschung. Seine Auffassung der Psychiatrie, die Charakteristika seiner psychiatrisch-therapeutischen Innovationen und seine Position in den zeitgenössischen Debatten sind weitere Aspekte dieses Projekts.

Methode: Das Genre der Biographie als historiographische Methode ist u.a. geeignet, die Rolle von Schlüsselpersonen dieses psychiatrischen Kontextes zu untersuchen. Von Schaeffer war Direktor der Heilanstalt Zwiefalten, der ersten Königlich-Württembergischen Staatsirrenanstalt und als solcher mit den Folgen der Debatte um die Frage der Trennung/Verbindung von Heilanstalten einerseits und Pflegeanstalten andererseits befasst.

Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit. Promotionsprojekt abgeschlossen. Publikation in zurzeit in Vorbereitung.

Uta Kanis-Seyfried

Hintergrund: Das Forschungsprojekt rekonstruiert die Lebensgeschichte von Dr. Malvine Rhoden, geborene Weiss (1885-1977), die in den Jahren 1911/1912 als erste Frau in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Schussenried medizinisch tätig gewesen war. Die Biografie basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der Medizingeschichtsschreibung und der Zeitgeschichte Österreichs und Deutschlands. Die aus dem damaligen Habsburgerreich stammende Ärztin zählte zu einer Generation weiblicher Akademikerinnen, die erstmals die ihrem Geschlecht zugänglich gewordenen Bildungsmöglichkeiten Ende des 19. Jahrhunderts genutzt hatten und damit die zeitgenössische, patriarchalisch-strukturierte gesellschaftliche Ordnung infrage stellten.
Der private und berufliche Werdegang von Malvine Rhoden wird sowohl im Kontext tiefgreifender gesellschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Veränderungen vom 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre beleuchtet, als auch an innerfamilialen Entwicklungen gespiegelt. Auf diese Weise weitet sich die ursprüngliche Einzelbiografie zur Geschichte einer ganzen Familie.
Aktueller Stand: Vorträge, Publikationen, Ausstellungen. Projektierter Bearbeitungszeitraum 2017-2021.

Uta Kanis-Seyfried, Bernd Reichelt, Thomas Müller

Hintergrund: Das Projekt beinhaltet die Übernahme von Verwaltungsakten der ehemaligen Heilanstalt Schussenried aus einem Zeitraum von etwa 1900 bis hauptsächlich in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts durch den Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin. Die historischen Akten wurden bis dahin von der Allgemeinen Verwaltung verwaltet. Die Übernahme, die auch einen räumlichen Umzug in Räumlichkeiten der Bibliothek Bad Schussenried vorsieht, beinhaltet eine Durchsicht sowie eine Katalogisierung der überlieferten Bestände nach wissenschaftlichen Maßstäben. Die Sicherung der historischen Überlieferung dient Forschungszwecken, insbesondere auch in Hinsicht auf die aktuelle historische Forschung zur ehemaligen Heilanstalt am Standort des heutigen Zentrums für Psychiatrie in Bad Schussenried.

Aktueller Stand: Langzeitprojekt: Vorträge, Publikationen. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2020-2025.

Bernd Reichelt, Thomas Müller

Hintergrund: Die Präsentation der Wanderausstellung des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm (DZOK) an den unterschiedlichen Standorten des ZfP Südwürttemberg ist Ergebnis der Kooperation der Historischen Forschung mit dem DZOK Ulm, die nach der Weissenauer Tagung der NS- Forschungs-, Gedenk- und Bildungsorte in Oberschwaben im Oktober 2018, neben anderen Maßnahmen und Aktivitäten, initiiert wurde.
Menschen verbal zu attackieren und die Demokratie anzugreifen, gehörte zum Wesen des Nationalsozialismus. „Lügenpresse“ war beispielsweise im nationalsozialistischen Sprachgebrauch ein Kampfbegriff, der heute wieder Verwendung findet: in sozialen Medien, im Alltag und in der Politik rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien. Die Ausstellung „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…“ stellt demokratiefeindliche und menschenverachtende Begriffe von damals und heute vor; außerdem eigentlich neutrale Begriffe, die als Waffe benützt werden können. Die Ausstellung fragt: Was bedeuten diese Wörter? Wie wurden sie früher und wie werden sie heute verwendet?

Aktueller Stand: Vorbereitung 2020, Ausstellungsdauer Zwiefalten: 11.01.-28.02.2021.

Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried, Bernd Reichelt

Hintergrund: Die Wechselausstellung des Württembergischen Psychiatriemuseums stellt die Erweiterung einer Ausstellung aus Weissenau (MUSE 25) dar. Es werden Menschen porträtiert, die auf ihre individuelle Art und Weise die Kunst auf verschiedenen Gebieten bereichert haben. Da die konservatorischen Anforderungen an diese Werke es heute nicht mehr zulassen, die Originale erneut an diesen Orten auszustellen, soll die Wanderausstellung die empfundene Kluft überbrücken.
Allen Künstler*innen gemeinsam ist, dass sie psychische Erkrankungen erfahren haben. Neben den künstlerisch tätigen Patienten Friedrich Pöhler, Gustav Mesmer und August Natterer stellt die erweiterte Ausstellung Patient*innen aus weiteren psychiatrischen Einrichtungen aus Württemberg und Baden vor: Else Blankenhorn (Reichenau), Albert Speck (Zwiefalten) und Helene Maisch (Illenau). Die Ausstellung präsentiert die Biografien der Künstler*innen und zeigt die persönlichkeits- und künstlerisch bedingten Unterschiede zwischen diesen Menschen, sowie auch deren Gemeinsamkeiten, die vor allem auf Erfahrungen mit der zeitgenössischen Psychiatrie zurück zu führen sind. Die Ausstellungsinhalte zu den Patient*innen Else Blankenhorn und Helene Maisch wurden in Kooperation mit Winfried Klimm (Reichenau) sowie mit Hanna Sauer (Freiburg) und Winfried Hoggenmüller (Achern) erstellt, sowie mit Uta Kanis-Seyfried (zu Friedrich Pöhler, August Natterer), Bernd Reichelt (Albert Speck) und Thomas Müller (Gustav Mesmer, August Natterer).

Aktueller Stand: Ausstellungsdauer Zwiefalten: 21.09.2020-06.01.2021.

Martina Schmidt (geb. Huber), Gerhard Längle, Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried

Hintergrund: Die Arbeit von Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Einrichtungen scheint so alt zu sein, wie diese Einrichtungen selbst. Jegliche therapeutische Innovation, die auf ökonomische oder ökonomisierbare Arbeit zurückgriff, stand in einem Spannungsverhältnis zwischen Hilfe zur Reintegration in soziale Zusammenhänge einerseits und wirtschaftlichem Nutzen beziehungsweise der Ausbeutung kostengünstiger Arbeit für die Einrichtung andererseits.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen dieser akademischen Qualifikationsarbeit wird die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten sowie ihre verschiedenen Systeme der „Arbeit“ im Sinne einer Regional- und Mikrostudie untersucht.

Methode: Auswertung von Primärquellen der regionalen Archive des ZfP Südwürttemberg sowie des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen).

Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit. Projektiertes Ende des Bearbeitungszeitraums: 2021

Kurzbezeichnung: Muse 16/SCHU 5

Mit der Erforschung und Darstellung der vergleichenden Lokalisationslehre der Großhirnrinde zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Neurologe und Psychiater Prof. Dr. Korbinian Brodmann der medizinischen Nachwelt bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse hinterlassen. Ihm und seinem Werk ist das Korbinian-Brodmann-Museum gewidmet, das 1986 an seinem Geburtsort Liggersdorf in der Nähe von Stockach eingerichtet worden ist. Eine Wanderausstellung, die wesentliche Inhalte dieser Ausstellung in der Region wie jenseits dessen bekannt macht, wurde von Dr. Uta Kanis-Seyfried (Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin des ZfP Südwürttemberg) in 2012, zusammen mit dem Museum in Hohenfels-Liggersdorf erstellt. Damit wurde es möglich, erstmals außerhalb des Museums Einblick in Leben und Werk Brodmanns zu nehmen. Diese Ausstellung wurde nach zwei Jahren der Ausleihung nun zurückgeholt und thematisch maßgeblich erweitert. Von März bis Juli 2014 war die Ausstellung in den Räumlichkeiten der akademie südwest des ZfP Südwürttemberg am Standort Bad Schussenried in erweiterter Form erstmals zu sehen.
Ursprüngliche Bearbeitung: Museum Hohenfels-Liggersdorf / Dr. Uta Kanis-Seyfried
Erweiterte Bearbeitung und Kuratierung der Wanderausstellung: Dr. Uta Kanis-Seyfried.
Ausstellungsort Universität Würzburg, Medizinische Fakultät, 2015.

Thomas Müller, Akira Hashimoto, Nagoya (Japan)

Hintergrund: Die Forschungskooperation besteht seit der Zusammenarbeit im inzwischen abgeschlossenen Projekt DFG-MU 1804/1-2 (Müller) und bezieht sich thematisch auf das Feld der Geschichte der Medizin, insbesondere auf den internationalen Wissenstransfer zur medizinischen Disziplin der Psychiatrie. Japan und Deutschland stellen in Bezug auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert nicht allein ein interessantes Beispiel für einen systematischen internationalen Vergleich dar, sondern eignen sich aufgrund der engen wissenschaftlichen Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern — weit über die Medizin hinaus — auch als Raum zur Analyse transnationaler Wissens- bzw. Wissenschaftstransfers. Darüber hinaus bilden die japanische Rezeption der deutschen Debatten um sinnvolle Versorgungskonzepte in der Psychiatrie und die vielfältigen Adaptionen europäischer Modelle an japanische Bedürfnisse vor dem Hintergrund der „Modernisierung“ in der Meiji-Ära weitere Schwerpunkte der Untersuchung.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen des Projekts soll der Wissens- bzw. Wissenschaftstransfer in der Medizin zwischen Deutschland und Japan im Zeitraum von 1880 bis 1950 untersucht werden.

Methode: Darstellung des transnationalen Wissens- bzw. Wissenschaftstransfers in der Medizin im Bereich der theoretischen Krankheitskonzepte, apparativen Diagnostik, architektonischen und infrastrukturellen Konzepte, curricularen Entwicklungen u. a. Auswertung von Primärquellen der regionalen Krankenhausarchive sowie des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen), sowie japanischer Einrichtungen.

Aktueller Stand: Forschungsprojekt zur freien Publikation. Projektierter Bearbeitungszeitraum: Langzeitprojekt. Zwischenergebnisse siehe: Publikationen.

Kurzbezeichnung: EUROPA 5

Der Bodenseeraum mit seinen drei Anrainerstaaten weist ebenso interessante Gemeinsamkeiten in der psychiatrischen Entwicklung auf wie wesentliche Unterschiede. Im Projekt EUROPA 5 sind zeitgenössische Diskurse, Praktiken und Phänomene Gegenstand der Forschung. Hierzu gehören Themen, wie der Umgang mit Wilhelm Griesingers Forderungen nach einer offenen Versorgung, die Beziehungen zwischen sich entwickelnden psychotherapeutischen Schulen und zugehörigen Einrichtungen, die Entwicklungen der Reformpsychiatrie der 1920er Jahre, die Stellung zu politischen Entwicklungen wie der nationalsozialistischen Psychiatrie in Deutschland und Österreich oder der Umgang mit neuen therapeutischen Verfahren (Rorschach-Test, die „Entdeckung“ des Imipramin in Münsterlingen usw.). Synergieeffekte mit und Querverbindungen zu den Projekten REIC 1 und REIC 2 sind projektiert.
Organisation: Prof. Dr. Thomas Müller (Weissenau), Dr. Gerhard Dammann (Münsterlingen), Prof. Dr. Klaus Hoffmann (Reichenau).
Kooperationspartner und Mitarbeiter: Dr. Bernhard Grimmer (Dr. Simone Bley (Münsterlingen),  Ralf Rosbach (Reichenau), Dr. Cornelia Thaten (Münsterlingen), Prof. Dr. Henning Wormstall (Schaffhausen), Prof. Dr. Albrecht Hirschmüller (Tübingen), Dr. Jörg Püschel (Schaffhausen), Dr. Heinz Faulstich (Reichenau).
Projektierter Bearbeitungszeitraum: Langzeitprojekt. Zwischenergebnisse siehe unter „Publikationen“.

Thomas Müller, Bernd Reichelt

Hintergrund: Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 wurde im Juli 1945 in Süddeutschland die Französische Besatzungszone eingerichtet. Sie umfasste neben dem Saarland und Rheinland-Pfalz die Länder Baden und Württemberg-Hohenzollern. Die französische Besatzungszeit in Württemberg endete im September 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. In diesen vier Jahren war die Militärregierung auch für die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten in Württemberg zuständig. Ziel dieses Projekts ist es, anhand ausgewählter psychiatrischer Kliniken – angedacht sind Schussenried und Zwiefalten – die württembergische Psychiatrie erstmals während der französischen Besatzungszeit näher zu beleuchten.

Forschungsfragestellung: Analyse der Situation der württembergischen Psychiatrie – angedacht sind Schussenried und Zwiefalten – während der französischen Besatzungszeit. Untersuchung der Ergebnisse und des Vorgehens der französischen Militärgerichtsbarkeit in Bezug auf Akteure des Gesundheitswesens.

Methode: Auswertung von Primärquellen der regionalen Krankenhausarchive und des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen), sowie französischer Einrichtungen. Dabei werden folgende Aspekte berücksichtigt: inwieweit der Umgang mit den staatlichen Heil- und Pflegeanstalten vor dem Hintergrund der deutschen „Euthanasie“-Morde beeinflusst wurde; inwiefern ein Austausch zwischen der württembergischen und der französischen Psychiatrie stattfand; ob und in wie weit französische Konzepte der Psychiatrie Eingang in die württembergische Psychiatrie fanden. 

Aktueller Stand: Langzeitprojekt zur freien Publikation. Zwischenergebnisse siehe: Publikationen.

Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried, Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Hintergrund: „Verborgene Pracht — Vom Leben hinter Klostermauern“ ist der Titel einer Dauerausstellung, die im neu eingerichteten Museum Kloster Schussenried seit Mai 2010 präsentiert wird. Das im Besitz der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg befindliche Klostergebäude zeigt in fünf Räumen die von einem Team des Landesmuseums in Stuttgart zusammengestellte Schau. Ein Schwerpunkt ist die wechselhafte kirchliche Geschichte des Prämonstratenserordens in der Region Oberschwaben, der bis 1803 dort ansässig war – und es heute anderenorts in Oberschwaben erneut ist.

Ein anderer Schwerpunkt befasst sich mit der weltlichen Nutzung des Klosters, dem Eisenschmelzwerk „Wilhelmshütte“ und der Königlichen Heil- und Pflegeanstalt Schussenried, die ab dem Jahr 1875 psychisch erkrankte Menschen hier behandelte.

120 Jahre lang prägte der Krankenhausalltag die Räumlichkeiten auch im ehemaligen Klostergebäude, zuletzt 1996 im Bereich Rehabilitation und Sozialtherapie. Mit Hilfe sachkundiger Unterstützung bei der Planung und Konzeption durch den Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin der ZfP Südwürttemberg/Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm widmet sich nunmehr knapp ein Fünftel der gesamten Ausstellungsfläche der Geschichte der Psychiatrie in Schussenried.

Forschungsfragestellung: Darstellung der unterschiedlichsten Aspekte aus der Psychiatriegeschichte von der Unterbringung der Patienten und Patientinnen über ihre körperliche Versorgung bis hin zu den vielgestaltigen Therapieformen, Freizeitangeboten und Arbeitsmöglichkeiten im 19. und 20. Jh. unter Berücksichtigung der Jahre des Nationalsozialismus.

Methode: Präsentation vielfältiger Aspekte des Psychiatriealltags in der Königlichen Heil- und Pflegeanstalt Schussenried im Rahmen moderner museumspädagogischer Konzepte und anhand zahlreicher Exponate und vielfältigen historischen Bildmaterials, die aus dem hauseigenen Fundus der Landespsychiatrien stammen.

Aktueller Stand: Dauerausstellung der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg.

Uta Kanis-Seyfried

Hintergrund: Das Projekt bezieht sich im Kern auf eine Auswertung der württembergischen Anstaltszeitung „Schallwellen“, die von 1897 bis 1936 in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried hergestellt und herausgegeben wurde. Aus den darin veröffentlichten Texten wird ersichtlich, dass den Lesern der Zeitung weitaus mehr als nur „Belehrung und Kurzweil“ geboten wurde, da die Inhalte deutlichen Bezug zum aktuellen Weltgeschehen herstellten.

Forschungsfragestellung: Der Mikrokosmos des Lebens hinter den Anstaltsmauern stand in permanenter Verbindung zum Makrokosmos außerhalb. Inwieweit war auch die Innenwelt der Anstalt von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen durchdrungen, und lassen sich diese anhand des auszuwertenden Quellenmaterials sichtbar machen?

Methode: Im Rahmen des Projekts wird die württembergische Anstaltszeitung „Schallwellen“ (1897-1936) sowie weitere Primärquellen der regionalen Krankenhausarchive und des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen) unter besonderer Berücksichtigung

politisch-gesellschaftlicher Umbruchzeiten untersucht. Skriptanalyse der Anstaltszeitungen „Schallwellen“ unter verschiedenen thematischen Schwerpunkten.

Aktueller Stand: Forschungsprojekt zur freien Publikation. Siehe „Publikationen“.

Uta Kanis-Seyfried, Thomas Müller

Hintergrund: Kritik an der Psychiatrie, ihren ärztlichen Vertretern und den Anstalten ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert regte sich Widerstand in der Patientenschaft, wie auch in der aufgeklärten Gesellschaft und führte zu intensiver Auseinandersetzung mit vor allem den institutionalisierten Formen der psychiatrischen Versorgung. In sogenannten Irrenbroschüren“ beispielsweise, die in kleinen Verlagen gedruckt und vertrieben wurden, machten vor allem Patienten, die sich zu Unrecht in eine Anstalt eingewiesen wähnten, ihrem Ärger Luft. In diesen Selbstzeugnissen werden nicht nur individuelle Lebenswege autobiografisch dargestellt, vielmehr werfen sie auch ein von persönlichem Erleben geprägtes Bild auf zeitgenössische Rechtslagen, Behördenwillkür und staatsmächtige Regulierung aufsässiger, „querulatorischer“ Persönlichkeiten.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen des Projekts soll der Anstaltsalltag im 19. Jh. aus der Perspektive der Patienten, den sie in ihren psychiatriekritischen Schriften beschrieben hatten, untersucht werden.

Methode: Untersuchung der in der Öffentlichkeit Aufsehen erregenden psychiatriekritischen Publikationen, wie beispielsweise des in der Schussenrieder Heil- und Pflegeanstalt angeblich „vier Jahre unschuldig“ eingesperrten Wilhelm Kuhnle (1894), und solchen Publikationen, die die Psychiatrie und ihre Versorgungsstrukturen befürworteten, wie beispielsweise das Tagebuch „Aus kranken Tagen“ (1895) des Pfarrers Heinrich Hansjakob, der auf eine gänzlich andere Art und Weise das Leben vor und hinter den Anstaltsmauern der Heilanstalt Illenau beschrieb, wo er Linderung von seinen „Nerventeufeleien“ suchte.

Aktueller Stand: Forschungsprojekt zur freien Publikation. Zwischenergebnisse siehe unter: Publikationen.

Psychiatrische Tätigkeit zwischen Umsetzung der „Euthanasie“ und Verweigerung. Der württembergische Psychiater Maximilian Sorg und die ärztlichen Handlungsspielräume im Nationalsozialismus (WEIS 3)

Martina Fonrobert (geb. Henzi), Thomas Müller (Erstbetreuung), Uta Kanis-Seyfried, Gerhard Längle

Hintergrund: Dieses Projekt ist Teil eines Samples an Studien, die die Rolle von Ärztinnen und Ärzten in der württembergischen Psychiatrie in den Jahren des Nationalsozialismus untersucht.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen dieser Arbeit werden mögliche Handlungsspielräume ärztlich Tätiger in von der „Euthanasie“ betroffenen Einrichtungen untersucht – hier am Beispiel der Biographie des in den ehemaligen Anstalten Weissenau, Weinsberg und Zwiefalten tätigen Arztes Maximilian Sorg, seine Haltung und Aktivitäten in den Jahren des Nationalsozialismus sowie im Zuge der Wiedergutmachungsverfahren in der jungen Bundesrepublik Deutschland.

Methode: Untersuchung und Beurteilung der Biographie von Maximilian Sorg im Sinne der Fragestellung erfolgen vor dem Hintergrund der Betrachtung der ärztlichen peer group. Auf der Grundlage der biographischen und institutionshistorischen Methodologien wird das Forschungsprojekt in seinen Ergebnissen mit den Befunden anderer Studien zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus in Beziehung gesetzt.

Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit.  Dissertation abgeschlossen und verteidigt „cum laude“, Univ. Ulm 2020, Teilpublikation zurzeit in Vorbereitung.

Kurzbezeichnung: WEIS 2

Gegenstand dieses Forschungsprojekts ist die Biographie der in den ehemaligen Anstalten Weissenau und Psychiatrie tätigen Ärztin Dr. Martha Fauser und ihrer Rolle in den Jahren des Nationalsozialismus. Die Arbeit integriert biographische und institutionshistorische Methodologien mit dem Forschungsinteresse der Gender Studies und der Studien zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus. Fauser war eine prominente Figur im Rahmen der sog. T4-Aktion bzw. der „Euthanasie“, die sich in der BRD auch im Rahmen eines juristischen Prozesses für ihr Fehlverhalten zu verantworten hatte. Zugleich war sie eine der ranghöchsten Frauen in der württembergischen Medizin bzw. Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus.
Projekt: Akademische Qualifikationsarbeit. Bearbeitung: Laura Richter (Univ. Mannheim).
Kooperative Betreuung: Priv.-Doz. Dr. Angela Borgstedt (Philosophische Fakultät, Universität Mannheim), Prof. Dr. Thomas Müller.
Aktueller Stand: In 2015 abgeschlossene und begutachtete Arbeit (Staatsexamen, höherer Schuldienst, Note "sehr gut").

Sylvia Luigart, Thomas Müller (Erstbetreuung), Gerhard Längle, Uta Kanis-Seyfried

Hintergrund: Die sogenannte Anstaltspsychiatrie des späten 19. Jahrhunderts wies bereits strukturelle Bestandteile auf, die diesen Begriff relativieren. Neben außerklinischen Versorgungsformen, wie der psychiatrischen Familienpflege oder der nach französischem Vorbild an vielen Orten etablierten agrikolen Kolonie, weist die Existenz sogenannter Hilfsvereine in vielen Teilen des Deutschen Reiches darauf hin, dass auch erste Ansätze nachstationärer Behandlung und Fürsorge entwickelt worden waren. Agenten der Vermittlung dieser Art Unterstützung waren sogenannte Hilfsvereine.

Forschungsfragestellung: Die Geschichte des genannten historischen Vereins, der mit veränderter Satzung und Aufgabenstellung bis heute existiert, und seine Zuständigkeit auf den Bereich des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg ausgedehnt hat, wird in diesem Forschungsprojekt historisch-kritisch aufgearbeitet. Diese Annäherung würde über die institutionsinternen Quellenbestände hinaus vor allem auf historische Quellen jenseits der „walls of the asylum“ (Bartlett and Wright) zurückgreifen und damit Familiennetze und Verbindungen zwischen Angehörigen psychisch Kranker einbeziehen, die geeignet sind, die Arbeit der Hilfsvereine am Beispiel Südwürttembergs zu untersuchen.

Methode: Die Untersuchung erfolgt anhand der gedruckten und ungedruckten Quellen zur Geschichte des genannten Vereines sowie einer vergleichenden Auswertung der Sekundärliteratur zur Geschichte psychiatrischer Hilfsvereine. Zeitgenössische journalistische Beiträge und literarische Quellen ergänzen dabei das vorhandene und reichhaltige Sample an Primärquellen. Im Erkenntnisinteresse steht die Sicht auf die Anstalt von „außen“ seitens medizinischer Laien. Der Rechtsnachfolger des „Hilfsvereins“, der „Baden-Württembergische Hilfsverein für seelische Gesundheit“, ist mit der das beschriebene Projekt betreuenden Einrichtung in Kooperation verbunden.

Aktueller Stand: Akademische Qualifikationsarbeit. Dissertation abgeschlossen und verteidigt (Univ. Ulm 2020), Buchpublikation 2020 (siehe Publikationen), Teilpublikation als Zeitschriftenartikel in Vorbereitung.

Thomas Müller, Uta Kanis-Seyfried, Katharina Witner, Kirsten Düsberg (Udine, Italien)

Hintergrund: Im Interesse stehen die staatlichen Vorverhandlungen, die sog. Optionsverträge zwischen dem Deutschen Reich und Italien sowie die Behandlung der Südtiroler Patientinnen und Patienten in den Anstalten Württembergs nachderen Verlegung dorthin. Einerseits steht die Frage der Behandlung dieser Patienten im Vergleich zu den einheimischen Patienten zur Debatte. Andererseits ist vor dem Hintergrund des aktuellen Kenntnisstands von einer Ungleichbehandlung (organisatorische, außenpolitische etc.) der Südtiroler Patienten im Vergleich zu den „volksdeutschen Umsiedlern“ aus anderen Regionen bzw. „Streusiedelungen“ im Ausland, oder sog. „germanisierter Bevölkerung“ auszugehen. Die sog. Rückführungen bzw. Verhandlungen zwischen den Rechtsnachfolgestaaten um die Verlegung der Patientinnen und Patienten ab 1945 stellen eine weitere Vergleichsebene dar.

Forschungsfragestellung: Gegenstand der Untersuchung sind die Abläufe der Verbringung von Südtiroler Patientinnen und Patienten, zum Teil ohne jede rechtliche Grundlage, in die südwürttembergischen Heil- und Pflegeanstalten Zwiefalten und Schussenried, sowie zum Teil auch nach Weissenau, ab dem Jahr 1940. Ebenso die Schicksale dieser circa 500 Patientinnen und Patienten selbst.

Methode: Auswertung von Primärquellen der regionalen Archive des ZfP Südwürttemberg sowie des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen), sowie zuweisender italienischer Krankenhausarchive.

Aktueller Stand: Forschungsarbeit zur freien Publikation. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2015-2022 (Langzeitprojekt).

Für bereits publizierte Zwischenergebnisse des vorhergehenden Projekts zu diesem Untersuchungsgegenstand siehe wiederum unter „Publikationen“ früherer Jahresberichte.

Bernd Reichelt, Thomas Müller

Hintergrund: Die Psychiatrie-Enquête im Jahr 1975 wurde in der zeithistorischen Forschung über Jahre hinweg als Zäsur wahrgenommen, während die Jahre zuvor oftmals auf die vermeintliche Erfolgsgeschichte der damaligen Psychopharmaka reduziert wurden. Reformansätze und über Jahre bereits angewandte alternative Behandlungs- und Therapiekonzepte, die teilweise auch durch den vorherigen oder parallelen Einsatz von Psychopharmaka unterstützt wurden, sind in der Forschung bislang nur wenig beachtet. Forschungsfragestellung: Im Rahmen des Projekts wird die Rolle der nicht-ärztlichen Therapieformen in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern Württembergs untersucht. Im Fokus des Interesses stehen die Professionalisierungs- und Berufsbildungsprozesse in den einzelnen Therapien sowie deren Bedeutung im Behandlungsprozess vor dem Hintergrund einer sich verändernden psychiatrischen Versorgung.

Methode: Untersuchung der Sport- und Bewegungstherapie nach 1945 sowie anderer nichtärztlichen Therapieformen wie Musik-, Kunst- und Ergotherapie an Primärquellen der regionalen Krankenhausarchive sowie des zuständigen Staatsarchivs (Sigmaringen). Die Annäherung an den komplexen Gegenstand soll unter Anwendung der Methode der sogenannten histoire croisée erfolgen, indem lokale, regionale, nationale, transnationale und biografische Ebenen vor dem Hintergrund eines (Werte-)Wandels in Gesellschaft und Politik, aber auch in der Medizin und der Psychiatrie der Nachkriegszeit, miteinander verflochten werden.

Aktueller Stand: Siehe unter: Vorträge, Publikationen. Projektierter Bearbeitungszeitraum: 2013-2021.

Christina Hennig, Thomas Müller (Erstbetreuung), Gerhard Danzer (Berlin)

Hintergrund: Die Arbeit widmet sich der Bioergographie des Arztes und Psychotherapeuten Eric D. Wittkower. Wittkower gilt sowohl als Vertreter der „Integrierten Medizin“ im Berlin der 1920er Jahre, als interdisziplinärer Pionier im Bereich der psychophysiologischen, psychosomatischen und psychiatrischen Medizin, wie auch als Begründer zahlreicher Institutionen und Gesellschaften sowie einer neuen medizinischen Disziplin: der „Transkulturellen Psychiatrie“ – an der McGill-Universität in Montreal, Kanada. Er ist trotz dieses Beitrags für die verschiedenen Bereiche der Medizin hierzulande in Vergessenheit geraten.

Forschungsfragestellung: Ziel der Arbeit ist die Aufarbeitung der wissenschaftlichen Laufbahn Wittkowers, seiner wesentlichen Beiträge zur Medizin der Zeit sowie der Institutionalisierungen, die mit seinem Werk verbunden sind. Besonderes Interesse gilt den wesentlichen Lebens- und Arbeitsstationen des Autors: Berlin – London – Montreal.

Methode: Bioergographie.

Aktueller Stand: Projektiertes Ende des Bearbeitungszeitraums: 2021.

Désirée Ricken, Thomas Müller (Betreuung)

Hintergrund: Als die Psychoanalyse um 1900 von dem Wiener Arzt Sigmund Freud zuerst beschrieben wurde, stieß sie zunächst auf erheblichen Widerstand in der Fachwelt und der Öffentlichkeit, was in ihren sexuellen Inhalten, den positivistischen Grundlagen der Medizin und auch der Tatsache, dass Freud Jude war, begründet war. Freud beschrieb diese Tatsache 1905 in seiner „Selbstdarstellung“. Diese überwiegend ablehnende oder ignorierende Haltung änderte sich zwar bald und die Psychoanalyse fand schnell eine große und begeisterte Anhängerschaft, doch auch trotz ihrer späteren weltweiten Etablierung blieb sie umstritten und heftigen Angriffen ausgesetzt. Vor allem innerhalb der psychoanalytischen Fachgesellschaften hielt sich jedoch die Ansicht, die Psychoanalyse würde bis zum heutigen Tage überwiegend negativ bewertet.

Das Projekt stellt in der BRD eine neue Form der Psychoanalyseforschung dar. Eine in gewisser Weise komplementäre Arbeit wurde 1999 in Österreich von Tichy und Zwettler-Otte vorgelegt, in der die Rezeption der Psychoanalyse in der österreichischen Presse (1895-1938) zu Freuds Lebzeiten untersucht wurde.

Forschungsfragestellung: Im Rahmen dieses Promotionsprojektes sollen die Urteile, bzw. Vorurteile über die Psychoanalyse in der öffentlichen Meinung in der bundesdeutschen Tagespresse (1945-1995) dargestellt und untersucht werden. Des Weiteren wird, als Hauptthese der Arbeit, eine im Untersuchungszeitraum sehr positive Rezeption der Psychoanalyse quantitativ und qualitativ belegt.

Methode: Untersuchung von vier großen bundesdeutschen Tageszeitungen als Quellen unterschiedlicher politischer Hintergründe: die Frankfurter Allgemeine Zeitung als rechtskonservatives Blatt, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau als liberale, bürgerliche Blätter und die Tageszeitung als Repräsentant des linkpolitischen Spektrums. Insgesamt umfasste das Material 1.087 Artikel aus den vier ausgewählten Tageszeitungen, beigetragen von 363 verschiedenen Autor(inn)en.

Aktueller Stand: Promotionsprojekt, zurzeit für die Einreichung vorbereitet. Projektiertes Ende des Bearbeitungszeitraums: 2021.

Edith Schütz, Thomas Müller (Betreuung)

Hintergrund: In diesem Projekt wird anhand einer vergleichenden Darstellung der therapeutischen Vorgehensweisen bedeutender Psychoanalytiker-Persönlichkeiten und vor deren jeweiligem theoretischen Hintergrund die Entwicklung des Begriffs der „Abstinenz“ in der psychoanalytisch-psychotherapeutischen Behandlung untersucht.

Untersucht werden auch der wissenschaftshistorische Ursprung des Abstinenzbegriffs, die wichtigsten kontroversen Haltungen im diachronen Vergleich sowie die Veränderungen, die dieser Teilaspekt der psychoanalytischen Therapie im Verlauf seit seiner Entstehung erfahren hat. Der aktuelle Stand dieser Aspekte wird dargestellt und diskutiert, wobei weitere Schwerpunkte des Interesses zur Rolle des Abstinenzbegriffs in Bezug auf mögliche Abhängigkeit des Patienten liegen, wie auch auf der Frage, inwieweit Patienten über die psychoanalytische Behandlungsmethode einschließlich möglicher Gefahren oder schädlicher Wirkungen im Vorhinein aufgeklärt werden – im Sinne einer rechtsgültigen Aufklärung herkömmlicher Art. Ein weiteres Interesse gilt der Frage, inwieweit neue Erkenntnisse im Hinblick auf den Abstinenzbegriff die Methode möglicherweise verändert haben und wie sie dies getan haben.

Forschungsfragestellung: Die Art und Weise, wie die Abstinenz, die als Bestandteil der psychoanalytischen Methode selbst angesehen wird, im Umgang mit neurotischen, „persönlichkeitsgestörten“, psychosomatisch kranken oder psychotischen Patienten gehandhabt wurde und wird, soll hierbei einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Dabei wird auf unterschiedliche analytische Therapieverfahren, bspw. die Einzelbehandlung, die Gruppenbehandlung, die körperorientierten Verfahren und auf die Psychotherapie von psychotischen Patienten eingegangen

Methode: Vergleichende Textanalyse.

Aktueller Stand: Arbeit abgeschlossen, Dissertation verteidigt „magna cum laude“ Univ. Ulm 2020, Teilpublikation zurzeit in Vorbereitung.