Schwerpunkt Lipodystrophien und Fettgewebserkrankungen

Lipodystrophie-Erkrankungen sind sehr seltene Erkrankungen, die durch einen Mangel an subkutanem Fettgewebe oder eine Fehlverteilung des subkutanen Fettgewebes sowie durch daraus resultierende Stoffwechselveränderungen charakterisiert sind. Lipodystrophie-Erkrankungen können eingeteilt werden nach der Ätiologie (genetisch bedingt oder erworben) sowie nach Ausbreitung und Ausmaß des Fettgewebsverlustes (generalisiert oder partiell). Bei den generalisierten Lipodystrophien betrifft der Verlust des subkutanen Fettgewebes den gesamten Körper, wohingegen bei partiellen Formen nur Teile des Körpers betroffen sind. Im Wesentlichen unterscheidet man vier Kategorien: die kongenitale generalisierte Lipodystrophie (CGL), die familiäre partielle Lipodystrophie (FPL), die erworbene generalisierte Lipodystrophie (AGL) und die erworbene partielle Lipodystrophie (APL). Für die angeborenen Formen konnten bereits einige ursächliche genetische Veränderungen (Mutationen) identifiziert werden. Bei einem großen Teil der genetisch bedingten Lipodystrophien ist die Ursache aber bis heute unbekannt. Eine erworbene Lipodystrophie kann verschiedene Ursachen haben, wie beispielweise immunologische Störungen, Infektionen oder die Gabe bestimmter Arzneimittel, insbesondere antiretrovirale Arzneimittel im Rahmen einer HIV-Therapie oder Insulin.

Aufgrund ihrer Seltenheit und ihrer großen klinischen Heterogenität und dementsprechend variablen Symptomatik sind Lipodystrophie-Erkrankungen schwer diagnostizierbar und werden oft erst sehr spät erkannt. Lipodystrophie-Erkrankungen können über eine genaue Analyse des klinischen Phänotyps und ggf. ergänzt durch eine genetische Untersuchung diagnostiziert werden. Bei einem großen Teil der Patienten wird eine regelmäßig jährliche Untersuchung auf Folgeerkrankungen empfohlen. Lipodystrophie-Erkrankungen sind häufig mit hormonellen und metabolischen Veränderungen assoziiert, die zu schweren metabolischen Folgeerkrankungen führen können. Diese hängen ab vom Subtyp der Lipodystrophie, vom Ausmaß des Fettgewebsverlustes sowie vom Alter und vom Geschlecht. Aufgrund des fehlenden Fettgewebes leiden Patienten häufig unter einem Mangel an dem Hormon Leptin. Leptin wird im Fettgewebe produziert wird und spielt eine zentrale Rolle bei der Energie-Homöostase sowie beim Fett- und Glukosestoffwechsel. Leptinmangel führt zu Störungen des Stoffwechsels und des Hormonhaushalts, es kommt zu einem Verlust von Fett unter der Haut und einer Fettanreicherung in der Leber (bis hin zur Fettleber), in den Muskeln sowie im Blut (Hypertriglyceridämie). Weiterhin kann eine Insulinresistenz mit erhöhten Blutglukosewerten auftreten, deren Folge ein schwer behandelbarer Diabetes mellitus sein kann. Die Sättigungsregulation kann gestört sein, was zu einer Hyperphagie (gesteigerte Nahrungsaufnahme aufgrund fehlendem Sättigungsgefühl) und dadurch erhöhter Kalorienauf­nahme führen kann. Überschüssige Fettsäuren werden aufgrund des Fehlens von Fettgewebe in anderen Organen wie Leber, Nieren und Muskeln abgelagert, was zu einer Schädigung des Gewebes führt. Leptin spielt ebenfalls eine wichtige Rolle für das Immunsystem und die Geschlechtsreife. Daher kann es zu vermehrten Infektionen sowie Störungen der Pubertätsentwicklung und Fertilität kommen. Vor allem bei Patienten mit generalisierter Lipodystrophie liegen die Leptinspiegel in einem sehr niedrigen Bereich, was zu einer besonders starken Ausprägung der Folgeerkrankungen und zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führt.

Derzeit gibt es keine Möglichkeit auf Heilung einer Lipodystrophie-Erkrankung. Eine spezielle Ernährungstherapie ist essentiell für die Behandlung der metabolischen Folgen. Patienten mit bestimmten Formen der Lipodystrophie und erniedrigtem Leptinspiegel können von einer spezialisierten Therapie profitieren. Metreleptin, ein rekombinantes humanes Leptin-Analogon, wird als Leptin-Ersatztherapie in Kombination mit einer Diät zur Behandlung der Folgen eines Leptinmangels eingesetzt. Das zugeführte Leptin erhöht den Fettabbau im Blut, in den Muskeln und in der Leber und führt so zu einer dramatischen Verbesserung der Hypertriglyceridämie, der Fettleber, der Insulinresistenz und des Diabetes mellitus. Das verlorene Unterhautfettgewebe kann durch Leptin-Ersatztherapie allerdings nicht wiederhergestellt werden.

Andere nicht-spezifische Therapieansätze können zusätzlich helfen, die Folgeerkrankungen der Lipodystrophie zu behandeln (z.B. Metformin bei Diabetes, Statine oder Fibrate bei Hyperlipidämie).

Spezialisierte Versorgung im Rahmen des ZSEE

Patienten mit Lipodystrophie-Erkrankungen werden am Universitätsklinikum Ulm unter dem Dach des Zentrums für Seltene Erkrankungen (ZSE) im Fachzentrum für Seltene Endokrine Erkrankungen (ZSEE) von ausgewählten Experten betreut. Wir führen die Leptin-Ersatztherapie mit dem Wirkstoff Metreleptin (Handelsname: Myalepta) an unserem Zentrum durch. Die Behandlung sollte von Experten, die Erfahrungen in der Diagnose und Behandlung von Stoffwechselstörungen haben, eingeleitet und überwacht werden. Patienten erhalten von Ihrem Arzt oder medizinischem Fachpersonal eine umfassende Schulung zur Anwendung des Arzneimittels. Weitere Informationen zu Myalepta finden Sie unter www.myaleptainfo.eu.

Sprechstunden

Hochschulambulanz für Lipodystrophien und Fettgewebserkrankungen (zu unseren Sprechstunden)