Arbeitsgruppe Klinische Forschung

Leitung: Prof. Dr. T. Steinert

Unter klinischer Forschung fassen wir alle Projekte, Studien und Dissertationen zusammen, die eine störungsbezogene Fragestellung haben. Dies umfasst in unserer Arbeitsgruppe schwerpunktmäßig psychopathologische Fragestellungen mit dem Schwerpunkt Trauma und Dissoziation und Interventionsstudien.

Laufende Projekte

Carmen Uhlmann, Tilman Steinert, Stefan Tschöke, Steve Truöl, Monika Heisch, Susanne Meier, Petra Schmid

Hintergrund: Für die psychiatrischen Kliniken ist der Umgang mit Suizidalität bei Borderline Patient*innen im klinischen Alltag ein großes Problem. Leitlinienkonform erfolgt bei Suizidalität eine stationäre (fürsorgliche) Behandlung. Bei depressiven Patient*innen ist dieses Vorgehen indiziert. Bei Patient*innen mit einer Borderline-Störung zeigt sich im klinischen Verlauf häufig Re-Hospitalisierung. Die amerikamische APA gibt in ihren Behandlungsleitlinien vor, dass stationäre Behandlungen für Patient*innen mit einer Borderline-Störung minimiert werden sollten. Es stellt sich jedoch die Frage, was ein geeignetes Vorgehen in der Behandlung von suizidal kommunizierenden Borderline-Patient*innen darstellt.

Forschungsfragestellung: Wie lässt sich suizidale Kommunikation erfassen? Zeigen Sich Unterschiede zwischen den beiden Gruppen depressive Patient*innen und Patient*innen mit einer Borderline-Störung? Zeigen sich Unterschiede über Behandlungssettings (stationär vs. tagesklinisch)?

Methode: Befragung von jeweils n=45 diagnostizierter Borderline-Patient*innen und depressiver Patient*innen mit Suizidalität.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm Nr. 319/19

Geplante Schritte: Befragung der Patient*innen.

Vorläufige Ergebnisse: Die Befragung dauert an. Bisher konnten insgesamt 78 Patient*innen rekrutiert werden.

Tilman Steinert, Franziska Jans

Hintergrund: In der forensischen Klinik Weissenau/Abt. Psychiatrie I fielen in den vergangenen Jahren unter mit Clozapin behandelten Patienten 6 Fälle von kompliziert verlaufenden Appendizitiden auf. Basierend auf diesen klinischen Beobachtungen ergab sich die Fragestellung, ob möglicherweise ein Zusammenhang zwischen der Einnahme des atypischen Neuroleptikums Clozapin und dem Auftreten von akuten Appendizitiden und Besonderheiten des Verlaufs bei dieser interkurrenten Erkrankung bestehen könnte.
Trotz des breiten Spektrums bekannter Nebenwirkungen bei Clozapin sind Berichte über gastrointestinale Komplikationen und speziell Appendizitiden in der Literatur bisher spärlich. Ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Clozapin und dem Auftreten von Appendizitiden wäre jedoch durchaus vorstellbar.

Forschungsfragestellung: Der mögliche Kausalitätszusammenhang zwischen der Einnahme von Clozapin und dem Auftreten von akuten Appendizitiden soll näherungsweise beurteilt werden.

Methode: Fünf der sechs Patientenfälle wurden im Hinblick auf die Fragestellung retrospektiv aufgearbeitet. Die Daten wurden aus gut dokumentierten Patientenakten bzw. aus dem elektronischen Krankenhausinformationssystem (KIS nexus) erhoben und analysiert.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm Nr. 376/19

Geplante Schritte: Retrospektiven Aufarbeitung der Patientenfälle, epidemiologische Einordnung mit Bestimmung der Inzidenz für das Auftreten von Appendizitiden unter der Einnahme von Clozapin, Diskussion einer möglichen pathophysiologischen Hypothese

Ergebnisse: Das Ergebnis der epidemiologischen Annäherung spricht für die Annahme eines kausalen Zusammenhangs. Die berechnete Inzidenz der Appendizitis unter Exposition mit Clozapin war, verglichen mit der Inzidenz, die für die gleiche Altersgruppe in der Normalbevölkerung zu erwarten gewesen wäre, über 20-mal höher. Weiterhin könnte der Zusammenhang durch eine plausible pathophysiologische Erklärung, die auf der anticholinergen Wirkung von Clozapin mit konsekutiver Hemmung der Darmmotilität basiert, erklärt werden. Zur Klärung der genauen Ätiologie der Appendizitis wären weitere Studien notwendig. Um sichere statistische Aussagen treffen zu können müssten Studien mit einer größeren Fallzahl durchgeführt werden.

Stefan Götzl, Tilman Steinert

Hintergrund: Alkoholkonsum ist in Deutschland nach wie vor weit verbreitet und erfolgt in großen Bevölkerungsgruppen regelmäßig. Dies geht oft mit langfristigen körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen einher, welche die Erkrankten in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können. Hiernach werden nach der UN-Behindertenrechtskonvention, welche 2008 in Kraft trat, an Alkoholabhängigkeit leidende Patienten zu den Menschen mit Behinderung gezählt. Dieser völkerrechtliche Vertrag soll benachteiligten Menschen den vollen Zugang zu Umwelt, Gesundheit, Bildung, Information und Kommunikation ermöglichen und somit die Chancengleichheit verbessern.
Forschungsfragestellung: Identifikation patientenbezogener Merkmale für eine Teilnahme an Verkehr und Mobilität. Es wird die real vorliegende Situation für Alkoholabhängige im Einzugsbereich des Dornahofs Altshausen und des ZfP Südwürttembergs untersucht. Ist das Recht auf Inklusion, also der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft gegeben? In welchem Maß ist die öffentliche Mobilität bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit beeinträchtigt? Welchen Stellenwert hat Mobilität für die Probanden und in welchem Ausmaß wird diese genutzt?
Methode: Es wurden Daten von insgesamt 155 Teilnehmern an den Standorten des Dornahofs (n=63) Altshausen, als auch am ZfP Südwürttemberg (n=90) mittels strukturierter Einzelinterviews erhoben. Einschlusskriterien waren die Hauptdiagnose eines Abhängigkeitssyndroms (F 10.2 nach ICD-10) bzw. einer Alkoholabhängigkeit (303.90 nach DSM IV Klassifikation) und die informierte schriftliche Einwilligung. Neben der Erhebung von soziodemographischen Daten und Fragen zu Verkehr und Mobilität wurde die kognitive Leistungsfähigkeit durch den Trail Making Test Typ A ermittelt.
Vorläufige Ergebnisse: Die Datenerhebung ist abgeschlossen. Derzeit erfolgt die deskriptive Analyse.

Carmen Uhlmann, Laura Brämisch

Hintergrund: Bei Patientinnen und Patienten mit dissoziativen Anfällen mit und ohne zusätzlich bestehende Epilepsie ist der Verlauf der Erkrankung über einen Zeitraum von mehreren Jahren nach Klinikaufenthalt mit Diagnosestellung und Therapieanbahnung unklar. Langzeitstudien hierzu fehlen.

Forschungsfragestellung: Es stellt sich die Frage, ob und wie Patienten mit dissoziativen Anfällen adäquat behandelt werden können und ob eine zusätzlich bestehende Epilepsie die Behandlung erschwert. Häufig wird diesen Patienten nach Diagnosestellung eine Psychotherapie empfohlen. Es ist jedoch unklar, ob diese Behandlung längerfristig tatsächlich im Zusammenhang zu einem auf Dauer entscheidenden Therapieerfolg steht.

Methode: Retrospektive Erhebung über postalische Befragung aller im Zeitraum 2000 bis 2014 behandelten Patienten in der Abteilung Epileptologie in Weissenau mit der Diagnose dissoziative Krampfanfälle. Der Fragebogen enthält Variablen zu Erfassung des Verlaufes der dissoziativen Anfallshäufigkeit, Zeitpunkt der Diagnosestellung, epileptische Komorbidität, Behandlungen, Therapieempfehlung, psychotherapeutischen Maßnahmen, Medikation, soziale Integration und Lebensqualität. Alle 415 in der Studienzeit behandelten Patientinnen und Patienten wurden angeschrieben und um Mitarbeit gebeten.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm Nr. 37/14

Projektstand: Promotion ist abgeschlossen, Ergebnisse wurden auf Kongressen präsentiert, eine Publikation ist in Vorbereitung

Vorläufige Ergebnisse: Insgesamt wurde von 63 Patientinnen und Patienten der Fragebogen ausgefüllt und zurückgesendet (Rücklauf 15%). Die Häufigkeit dissoziativer Anfälle nahm im zeitlichen Verlauf der Erkrankung deutlich ab, die Betroffenen berichteten überwiegend von weniger als einem Ereignis pro Monat. Ein Drittel der Patient*innen wurde anfallsfrei, über zwei Drittel berichteten von einer deutlichen Anfallsreduktion. Psychotherapie wurde als hilfreich erlebt, wobei 50 % der Befragten eine Psychotherapie nach dem stationären Aufenthalt absolvierten.

 

Carmen Uhlmann, Hanna Dzierzega

Hintergrund: Die Lebensqualität ist bei chronischen neurologischen Erkrankungen deutlich verringert. Allerdings scheint die Wahl des Messinstrumentes entscheidend dazu beizutragen, wie die Lebensqualität subjektiv einschätzt wird. Unspezifische, also nicht auf eine spezielle Erkrankung angepasste Instrumente scheinen die Lebensqualität in einer Breite, also mehr als subjektives Wohlbefinden zu erfassen. Ein wissenschaftlicher Vergleich zwischen zwei chronisch-neurologischen Erkrankungen (Epilepsie und MS) auf dieser Ebene fehlt hierzu.

Forschungsfragestellung: Es stellt sich die Frage nach möglichen Unterschieden in der empfundenen Lebensqualität im Sinne des subjektiven Wohlbefindens bei chronischen neurologischen Erkrankungen wie der MS und Epilepsie. Berücksichtigung finden auch Variablen der Krankheitsverarbeitung, objektive Krankheitsfaktoren und psychische Faktoren.

Methode: Prospektive Querschnittstudie mit Erfassung der Lebensqualität und erkrankungsbedingter sowie personenbezogener Merkmale von Patientinnen und Patienten der beiden Erkrankungsgruppen in Selbsthilfeorganisationen.

Ethikvotum: Ethikkommission der Landesärztekammer Baden-Württemberg Nr. 152/15

Projektstand: Promotion ist abgeschlossen, Publikation ist in Vorbereitung

Vorläufige Ergebnisse: Insgesamt wurden jeweils 45 Patientinnen und Patienten pro Gruppe mit dem erstellten Fragebogen befragt. Nach den Analysen sind erwartungsgemäß die Patienten der MS-Gruppe älter und berichten damit auch von einer körperlich schlechteren Lebensqualität. Im psychischen Bereich der krankheitsbezogenen Lebensqualität sind die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen geringer als erwartet, tendenziell aber in der Gruppe mit an Epilepsie erkrankten schlechter.

Michael Müller-Mohnssen, Waltraud Heiserer-Trautmann, Renate Guthardt, Bernhard Widmann, Thomas Fritschi


Hintergrund: Ein Drittel der in Deutschland aufwachsenden Kinder sind von früher emotionaler Vernachlässigung oder emotionalem Missbrauch, von körperlicher Vernachlässigung oder körperlicher Gewalterfahrung oder von sexuellem Missbrauch betroffen (Iffland B. et al., 2013). Erwachsene mit Traumatisierungserfahrungen weisen ein stark erhöhtes Risiko für substanzbezogene Störungen auf, Erwachsene mit substanzbezogenen Störungen berichten signifikant häufiger über Traumatisierungserfahrungen (Wieland N, Klein M, 2018). Der Anteil früh traumatisierter Patienten unter behandelten Suchtpatienten liegt je nach Stichprobe und untersuchter Traumatisierungsform zwischen 30% und 90% (Schäfer I et al., 2015). Nach der S3 – Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ (Mann K, Hoch E, Batra A, 2016) sollte für Patienten mit alkoholbezogenen Störungen und komorbider PTBS „eine integrierte psychotherapeutische Behandlung angeboten werden, die sowohl PTBS- als auch alkoholbezogene Interventionen beinhaltet“.
Forschungsfragestellung:

  1. Wie hoch ist die Belastung unserer Patienten mit belastenden, potentiell traumatisierenden Lebenserfahrungen?
  2. Welche aktuell behandlungsbedürftigen komorbiden psychischen Störungen liegen bei den Patienten vor?
  3. Ist ein integriertes Behandlungsprogramm für Patienten mit einer komorbiden Belastungsstörung oder einer Traumafolgestörung in das Programm einer akutpsychiatrischen Tagesklinik Sucht integrierbar?
  4. Führt die Konfrontation der Patienten mit belastenden/potentiell traumatisierenden Lebenserfahrungen zu einer erhöhten Anzahl von Komplikationen in der Behandlung?
  5. Wird ein solches Behandlungsprogramm von den Patienten der Tagesklinik als hilfreich erlebt?
  6. Wird ein solches Behandlungsprogramm von den therapeutischen Mitarbeitern der Tagesklinik als hilfreich erlebt?
  7. Führt das Behandlungsprogramm zu einer verbesserten Entlassperspektive hinsichtlich einer auf das individuelle Störungsbild abgestimmten Weiterbehandlung?

Methode: Es wurden die allgemeinen Patientenmerkmale erfasst und durch verschiedene Fragebogen die allgemeine aktuelle psychische Belastung, im weiteren Verlauf dann die Belastung durch depressive Symptome und die Belastung durch ungünstige, potentiell traumatisierende Lebenserfahrungen in Kindheit und Jugend und in der bisherigen Lebensspanne, sowie die Belastung durch aktuelle posttraumatische Symptomatik erfragt. Zu den Erfahrungen mit dem Modul erhielten Patienten und Therapeuten ebenfalls Fragebogen, außerdem wurde sechs Monaten nach Behandlungsende eine Fragebogen-Katamnese durchgeführt.
Vorläufige Ergebnisse: Die Zahlen liegen vollständig vor, im März 2018 endete der Katamnesezeitraum. Danach kann der Einsatz eines solchen Moduls empfohlen werden. Die detaillierten Ergebnisse folgen in einer in Vorbereitung befindlichen Publikation.

Behandlungsmodul
Das Behandlungsmodul befindet sich im Anhang. Es darf zur klinischen Verwendung kostenlos heruntergeladen und ausgedruckt werden. Die übrigen Urheberrechte bleiben unberührt.

Behandlungsmodul

Dana Bichescu-Burian, Jürgen Steyer, Stefan Tschöke, Tilman Steinert

Forschungsfragestellung: Das komorbide Auftreten von u.a. dissoziativer und posttraumatischer Symptomatik stellt eine zusätzliche Herausforderung bei der Behandlung von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen dar. Die Weiterentwicklung sinnvoller psychotherapeutischer Strategien erfordert eine Erweiterung des ätiologischen Wissens. Ziel des Projekts ist das empirische Testen eines theoretischen Modells, in dem Dissoziation unter den Abwehrmechanismen bei lebensbedrohlichen Situationen systematisch integriert wurde. Haupthypothesen: (a) Die Patienten mit einem hohen Dissoziationsniveau werden bei der Präsentation von traumabezogenen Skripten eine ausgeprägtere parasympathische Aktivierung mit reduzierter physiologischer Reaktivität zeigen; (b) Die Ausprägung der peritraumatischen Dissoziativen korreliert positiv mit der posttraumatischen und komorbiden Symptomatik, sowie mit der Frequenz und Schwere der selbstverletzenden Verhaltensweisen und negativ mit dem Funktionsniveau. Die Anzahl und Schwere der traumatischen Ereignissen spielt bei dieser Assoziation eine wesentliche Rolle.

Methoden: Anhand einer Querschnitts-Erhebung in einem Zweigruppen-Vergleichsdesign wurden bei 28 Borderline-Patientinnen und 15 gematchten gesunden Kontrollpersonen klinisch-psychodiagnostische Daten anhand von semistrukturiertem Interviews, Selbst- und Fremdauskunftsbögen erhoben sowie ein Skript-basiertes Experiment zur Messung von physiologischen Reaktionen (Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit) durchgeführt.

Vorläufige Ergebnisse: Die Datenerhebung ist abgeschlossen. Die Daten wurden teilweise ausgewertet und auf verschiedene nationale und internationale Fachkongresse präsentiert und in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Bei Borderline-Patientinnen mit ausgeprägter peritraumatischen Dissoziation zeigte sich einen Abfall der Herzfrequenz während der Präsentation von traumabezogenen Stimuli, anders wie bei den Kontrollprobanden und anderen Borderline-Patienten. Das während der traumatischen Erinnerung gezeigte Reaktionsmuster ähnelt den Merkmalen der peritraumatischen Dissoziation.

Geplante Schritte: Weitere Datenauswertungen und Veröffentlichung der Ergebnisse sind geplant.