Arbeitsgruppe Psychosomatische Versorgungsforschung

Leitung: Prof. Dr. Juan Valdés-Stauber

 

Die  westliche Medizin unterscheidet, ausgehend vom Leib-Seele Substanzdualismus, zwischen  einem körperlichen und einem seelischem Bereich, welche die Psychosomatische Medizin klinisch versucht zu überwinden (Psychosomatische Anthropologie).

In der Praxis hat sich bewährt, zwischen einer psycho-somatischen (Angst-, Zwangs-, phobische, posttraumatische, somatoforme, Persönlichkeits-, depressive  Störungen etc.) und einer somato-psychischen Position (klinisch relevante seelische Auswirkungen körperlicher Erkrankungen,) zu unterscheiden. Erstere wird vorwiegend im stationären und ambulanten Regelsetting realisiert, das zweite in Institutsambulanzen und Liaisondiensten (Das psychosomatische Paradigma).

Die Psychosomatische Forschung befasst sich mit drei Kernbereichen: a) Klinische Psychosomatik; b) Grundlagenpsychosomatik;  c) Psychosomatische Versorgungsforschung  (Psychosomatik und Versorgungsforschung).
 

Hauptthemen sind:

  • Biographik
  • Einflussfaktoren auf stationären und poststationären Verlauf
  • Analyse von Mikrosystemen in der Psychosomatik
  • Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie und –psychosomatik
  • Psychoonkologische Versorgung
  • Palliativmedizin
  • Somato-Psychosomatik (insbesondere Promotionsarbeiten durch somatisch tätigen Ärztinnen und Ärzte)
  • Psychiatrische Anthropologie, insbesondere „Verstehen“ und „Therapeutische Beziehung“
     


Die laufenden Forschungsprojekte (häufig in Form von betreuten Promotionsarbeiten) (Forschungsangebote)  werden inhaltlich kurz dargestellt  (Laufende Forschungsprojekte) und erscheinen in den jährlichen Forschungsberichten des ZfP Südwürttemberg. Abgeschlossene Projekte sind ebenfalls registriert (Abgeschlossene Projekte), wie auch Lehraufträge an verschiedenen Universitäten (z.B. Lehre Philosophie der Medizin an der Uni Ulm).

 

Laufende Projekte (Stand 12/2020)

Michael Müller, Juan Valdés-Stauber

Hintergrund: Therapeutische Beziehung verweist in erster Linie auf die Qualität der Interaktion zwischen behandelnde und behandelte Person. Sie bezieht sich aber auch auf die die Fähigkeit zu einer Kooperation, die Befähiger für ein besseres zielgerichtetes Behandlungsergebnis sein soll. Im ersten Sinne wird eine positive Resonanz auf persönlicher Ebene und im zweiten Sinne ein Arbeitsbündnis gemeint. In beiden Fällen spielen allgemeine Faktoren wie Zuversicht, Sympathie, Engagement oder Selbstwirksamkeit eine Rolle. Es bleibt aber offen, ob die therapeutische Beziehung instrumentell-psychologisch beeinflussbar ist oder ob sie eine Bedingung bzw. ein Effekt einer gelungenen Behandlung ist. Die Forschung operationalisiert dir therapeutische Beziehung im Sinne einer Messbaren Allianz zur Erreichung konsentierter Ziele. Welche Faktoren einen Einfluss auf dieses Ausmaß haben, bleibt im psychiatrischen und psychosomatischen Diskurs unklar, vor allem im dem Sinne, ob sie vorwiegend von Patientenfaktor abhängig ist und sich als Befähiger der Therapie beeinflussen lässt oder als gegebene Größe hinzunehmen ist.

Forschungsfragestellung: Primäres Ziel der Forschung ist die hypothesengeleitete Untersuchung der möglichen Einflussfaktoren auf die abschließende rückwirkende Beurteilung der therapeutische Beziehung am Ende der Behandlung, sowohl durch Patientinnen und Patienten, als auch durch Therapeutinnen und Therapeuten. Entsprechend Ergebnisse aus der Versorgungsforschung werden klinische als auch Patientenfaktoren berücksichtigt. Als klinische Faktoren werden eingeschlossen: Psychische und somatische Symptombelastung und Funktionalität, Suizidversuche zeitlebens, Inanspruchnahme von Ärzten und Krankenhäusern sowie Arbeitsunfähigkeit. Als Patientenbezogene Faktoren: Alter, Geschlecht, Bildungs- und Beschäftigungssituation, Motivation und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Sekundäre Ziele sind die Untersuchung der Konvergenz oder Divergenz zwischen den Patienten und Arztperspektiven sowie zwischen Ausmaß der therapeutischen Beziehung und Lebensqualität, globale Einschätzung der Änderung durch die Behandlung und Änderungsgrad der psychischen Symptombelastung und der Funktionalität.

Methode: Es handelt sich um eine retrospektive Untersuchung anhand einer für Forschungsfragen prospektiv angelegten Basisdokumentation in der Psychosomatik. Die Stichprobe besteht aus allen über 18 Monate aufgenommene Patienten (N=200), welche bei der Erhebung der qualitätssichernde Dokumentation über die mögliche Verwendung für Forschungszwecke in pseudonomysierter Form aufgeklärt und sich damit einverstanden erklärt haben. Damit handelt es sich um eine naturalistische Vollerhebung, weshalb weder Einschluss- bzw. Ausschlusskriterien eingesetzt noch eine  a priori Poweranalyse erforderlich ist. Es werden kurze validierte Fragebögen eingesetzt: HAQ (Therapeutische Beziehung), GAF (Funktionalität), Mini-ICF (Funktionalität), FLZM (Lebensqualität), ISR (psychische Symptombelastung), PHQ-D (somatische Symptombelastung), Health-49 (Selbstwirksamkeit). Die Untersuchung erfolgt anhand von Individual- und nicht aggregierter Daten. Die konvergente und die divergente Korrelationen werden anhand von Korrelationsmatrizen nach Pearson oder bivariater Regressionsmodelle untersucht. Der statistisch kontrollierte Einfluss ausgewählter Faktoren als Kovariaten auf das Ausmaß der therapeutischen Beziehung wird anhand von multivariaten Regressionsmodellen (mit Bootstrapping-Methode und mit propensity scores) untersucht unter Angabe der anteiligen erklärten Varianz (ξ2) durch jede Kovariate und für das Gesamtmodell (R2). Fehlende Werte werden durch die Methode der multiplen Imputation geschätzt. Mögliche Kausalitätspfade werden anhand von Strukturgleichungsmodellen im Sinne von manifesten Pfadanalysen untersucht.

Ethikvotum: Votum der Ethikkommission der Universität Ulm  05/20

Geplante Schritte: 1. Übertragung aller Individualdaten in eine pseudonymisierte Datenmatrix; 2. Überprüfung der Datenqualität; 3. Formulierung von Hypothesen zu den Fragestellungen; 4. Hypothesengeleiteter Einsatz von Variablen und Tests; 5. Statistische Untersuchung; 6. Tabellarische und systematische Darstellung der Ergebnisse; 7. Diskussion der Ergebnisse anhand einschlägiger Literatur und entlang der Fragestellungen.

Vorläufige Ergebnisse: Studiendesign skizziert. Datenerhebung bis April 2020 abgeschlossen.

 

 

Marco Neß, Juan Valdés-Stauber


Hintergrund: Der Dreh-und Angelpunkt der ambulanten medizinischen Versorgung stellt die vertragsärztlich tätige Praxis dar. Sie ist Anlaufstelle aller Patienten mit allgemeinmedizinischen und fachspezifischen Krankheitsbildern und bietet somit einen Querschnitt durch die gesamte Bevölkerungsstruktur. Für den Urologen ist notwendig, bestimmte psychosoziale und psychosomatische Patientenmerkmale zu finden, um die Patienten im oft chronischen Leiden besser zu verstehen und angemessener behandeln zu können.

Forschungsfragestellung: Erstellung eines multidimensionalen Profils der in einer urologischen Praxis in einer urbanen Region behandelten Patientinnen und Patienten über den Zeitraum eines Abrechnungsquartals und Ermittlung von soziodemographischen, klinischen, versorgungs- und persönlichkeitsbezogenen Unterschieden zwischen verschiedenen diagnostischen Hauptgruppen. Gruppenvergleiche für jede Variable in bivariaten Modellen: a) Hauptdiagnosen als zu vergleichenden Gruppen; b) unterschiedliche Tumore als zu vergleichenden Gruppen; c) Stadien von Benigner Prostatahypertrophie (BPH) verglichen untereinander; d) Harnwegsinfekte bei Männern und Frauen im Vergleich; e) Vergleich von privaten und kassenversicherten Patienten.

Methode: Es handelt sich um eine prospektiv angelegte, naturalistische Querschnittsuntersuchung über den Zeitraum eines Abrechnungsquartals, um sowohl ein multidimensionales Profil zu erstellen, als auch Gruppenunterschiede und klinisch-psychosomatische Zusammenhänge zu ermitteln. In die Studie werden Patienten eingeschlossen, die zu vier vordefinierten Diagnosegruppen (urologische Malignome, BPS, Harnwegsinfekte, sexuelle Funktionsstörungen) zuzuordnen sind und körperlich, geistig und sprachlich dazu in der Lage sind, die Fragebögen auszufüllen. Die Praxis behandelt ca. 1400 Patienten pro Quartal. In die Studie werden ca. 500 Patienten eingeschlossen. Die nicht einwilligenden Patienten, die die diagnostischen Kriterien erfüllen, werden quantitativ erfasst. Es werden ebenfalls standardisierte Tests eingesetzt, so IPSS, SOP-2, IE-4, BRCS, GSW-6, BFI-10, Bf-S, ISR, SF-12
 
Ethikvotum: Ethikkommission Universität Ulm 135/16.

Geplante Schritte: Eingrenzung der Fragestellung, der Kriterien, des Forschungsdesigns und der einzusetzenden Instrumente; Antrag an die Ethikkommission; Logistik der Forschungsdurchführung; Systematik der Datenerhebung und der Datenqualität; statistische Auswertung; Interpretation der Ergebnisse.

Vorläufige Ergebnisse: Forschungsdesign abgeschlossen. Positives Votum der Ethikkommission liegt vor. Phase der Datenerhebung bis 2/2021 abgeschlossen.

 

Michael Eggart, Juan Valdés-Stauber


Hintergrund: Funktionelle somatische Beschwerden sind mit dem Schweregrad einer Depression und mit einer verminderten Lebensqualität assoziiert (Woo et al., 2014). Der Depression liegt ein psychosomatischer Krankheitsprozess zu Grunde, der bislang nicht ausreichend verstanden ist. Neuere Befunde belegen einen Zusammenhang zwischen einer gestörten Wahrnehmung des Körperinneren (Interozeption) und dem Schweregrad der Depression. Nach aktuellem Forschungsstand ist davon auszugehen, dass ein gestörtes Körpererleben ein Kernelement der Depression darstellt. Ferner postulieren neue Depressionsmodelle unter anderem Zusammenhänge zwischen Interozeption und körperlichen Beschwerden bei Depressiven (Harshaw, 2015; Northoff, Wiebking, Feinberg & Panksepp, 2011; Paulus & Stein, 2010).

Forschungsfragestellung: Bislang liegen hauptsächlich Untersuchungen vor, welche objektive Aspekte der Interozeption bei Depressiven erfassen. Neue und fein auflösende Instrumente, welche bestimmte Aspekte der Interozeption mittels Fragebögen ermitteln, kamen innerhalb der Depressionsforschung bislang nicht zur Anwendung. Hier versucht die vorliegende Studie eine Lücke zu schließen und exploriert Zusammenhänge zwischen der subjektiven Interozeption und somatischen Symptomen sowie weiterer klinischer, psychologischer und soziodemographischer Variablen. Ferner soll die Veränderung der Interozeption und weiterer Zielvariablen während der stationären Behandlung untersucht werden.

Methode: Es handelt sich um eine prospektive, naturalistische Studie im Ein-Gruppen-Pretest-Posttest-Design. Konsekutiv wird eine Stichprobe von N=150 stationären Patienten innerhalb einer psychiatrischen Depressionsabteilung rekrutiert, bei denen eine unipolare Depression als Hauptdiagnose vorliegt. Die Patienten werden zu zwei Messzeitpunkten untersucht: T1 = Am Tag der Aufnahme (Baseline); T2 = Zum Zeitpunkt der Entlassung. Primäre Zielvariablen sind: a) Fatigue (MFI-20); b) Interozeption (MAIA); c) allgemeines Funktionsniveau (GAF); d) Somatische Symptombelastung (SCL-90, Subskala SOMAT); e) Suizidalität. Als Kovariaten bzw. unabhängige Variablen werden klinische, psychologische, soziodemografische, anthropometrische und anamnestische Variablen herangezogen. Statistische Assoziationen zwischen den Variablen werden exploriert. Ferner werden Veränderungen innerhalb der Zielvariablen während der stationären Behandlung mit multivariaten Regressionsmodellen modelliert.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm 13/17.

Geplante Schritte: Antrag zur Genehmigung an die Ethikkommission der Universität Ulm; Logistik für die Datenerhebung wird aufgebaut; Bildung einer Datenbank mit Zugriff nur durch ermächtigte Personen auf dem Server der Klinik; prospektive Durchführung; statistische Auswertung; Diskussion anhand der Literatur zu Propriozeption bei somatischen und psychischen Krankheiten.

Vorläufige Ergebnisse: Phase der empirischen Datenerhebung abgeschlossen. Statistische  Auswertung fortgeschritten. Der eingesetzte Test zur Untersuchung der Prpriozeption wird in deutscher Version psychometrisch untersucht und validiert in einem gesonderten Forschungsvorhaben.

 

Kevin Hummel, Juan Valdés-Stauber

Hintergrund: Die psychosomatische Besetzung der Mundregion gewinnt in der Zahnmedizin zunehmend an Bedeutung. Wie jede andere Körperregion drücken sich hier stressbedingte seelische Prozesse aus, wie auch Motivationskonflikte auf der interpersonellen Ebene. Psychosomatisch relevante das orofaziale Schmerz-Dysfunktionssyndrom, Distress und Parafunktion, Psychodynamik der Zahnprothetik, Karies und Compliance, Mundästhetik, kieferorthopädische schmerzen und Dentophobie (H.J. Demmel & F. Lamprecht, 2011). Es gibt aber kaum Untersuchungen über Angstsymptomatik über Dentophobie hinaus, sowie über Assoziationen verschiedener Forman der Angst.

Forschungsfragestellung: Erstens, Untersuchung von verschiedenen Angstformen (a) Dentophobie; b) interpersonelle Angst im Sinne von Zurückweisungsbefürchtungen; c) subklinische Angst; d) Ängstlichkeit als robuster Persönlichkeitszug) mit Zusammenhängen unter ihnen sowie Unterschiede hinsichtlich einem multidimensionalem Variablenprofil.  Zweitens, Untersuchung von differenziellen Einflussfaktoren auf jede der Untersuchten Angstform. Drittens, Untersuchung von Unterschieden bei vier übergeordneten zahnärztlichen Diagnosen (0=Mundgesundheitskontrolle; 1=Karies/Füllung (konservierende Behandlung); 2= Faziale Schmerzen; 3= Chirurgische Indikation) hinsichtlich der berücksichtigten Angstformen.

Methoden: Prospektive, naturalistische Studie von 150 konsekutiv in die Untersuchung einwilligend aufgenommenen Patienten einer großstädtischen Zahnarztpraxis. Probanden werden über die Studie aufgeklärt und willigen gegebenenfalls schriftlich ein. Die Fragebögen werden im Wartezimmer der Praxis ausgefüllt, gegebenenfalls zu Hause, aber nicht unmittelbar nach der zahnärztlichen Intervention. Das multidimensionale Variablenprofil umfasst: a) Soziodemographische Variablen (5); b) Biographische Variablen (4); c) Zahnärztliche Variablen (3), d) Klinische Variablen (4). Die Dimensionen der Angst werden anhand validierter Fragebögen erfasst: a) Dentophobie: Index of Dental Anxiety and Fear (IDAF-4c+); b) Interpersonelle Angst im Sinne von Zurückweisungsbefürchtungen: Skala der Angst vor negativer Bewertung (SANB-5); c) Subklinische Angst: Skala Subklinische Angst (SubA); d) Angst als Persönlichkeitszug: Das Stait-Trait Angstinventar (STAI). Die Unterschiede zwischen den Diagnosen bzw. zwischen den Angstformen für die einzelnen Variablen werden anhand von Varianzanalysen (Scheffé-Tests) durchgeführt. Assoziationen für jede Zielvariable mit dem multidimensionalen Variablenprofil werden anhand multivariater Tests durchgeführt. Zuordnungsassoziationen mit Zielvariablen im Vergleich werden durch multinomiale Tests ermittelt.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm 285/17

Geplante Schritte: 1) Patientenbögen; 2) Excel-Tabelle; 3) Ethikkommission; 4) Erhebung; 5) Statistische Auswertung; 6) Diskussion anhand einschlägiger Literatur.

Vorläufige Ergebnisse: Statistische Auswertung abgeschlossen. Phase der Diskussion.

 

 

Ursula Stabenow, Juan Valdés-Stauber


Hintergrund: Die  antizipatorische Daseinsverabschiedung (in der Literatur als „Trauer“ aufgefasst) kann als individueller  Verarbeitungsprozess hinsichtlich dem Erlöschen  des eigenen Daseins als heilsame aufarbeitende Vorwegnahme hinsichtlich einer existentiellen Bewältigungsstrategie einer Grenzsituation aufgefasst werden, die Grenzsituation des Menschseins schlechthin.

Forschungsfragestellung: Setzen sich Menschen in einer terminalen Phase ihres Lebens aufgrund einer Krankheit zum Tode anders als ältere Menschen, die den Horizont des Ablebens zeitlich näher spüren, aber unter keiner Krankheit zum Tode leiden, stärker mit Fundamentaldimensionen des Menschseins in Bezug auf den eigenen Tod?

Methode: Hierfür wird das theoretische Konstrukt in einen Fragebogen übersetzt (fünf Dimensionen und zehn Faktoren, 51 Fragen). Die Stichprobe (N=183) setzt sich aus Hospizbewohnern (n=63) und Patienten auf einer Palliativstation (n=60) zusammen, die mit Heimbewohnern (n=60) verglichen werden. Es werden 18 Kovariaten aus drei Kategorien (soziodemographisch, klinisch, anamnestisch) hinzugenommen, sowie der BFI-10. Unterschiede werden bivariat mit Mann-Whitney-Tests und multivariat mit linear multivariaten (Bootstapping-Methode) und logistischen Tests sowie mit propensity scores berechnet.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm 42/12, erweiterte Beantragung und Genehmigung 235/18.

Geplante Schritte: 1. Eingrenzung der Fragestellung, Prüfung der Machbarkeit; 2. Kontaktaufnahme mit den Verantwortlichen der Institutionen; 3. Entwurf des theoretischen Modells und eines entsprechenden Fragebogens zur „Antizipatorischen Daseinsverabschiedung“; 4. genaue gesprächstherapeutische Logistik erarbeiten; 5., Logistik der konsekutiven Erfassung aller Patienten und  der Nachuntersuchung festlegen; 6. Statistische Untersuchung; 7. Diskussion der Adäquatheit zwischen empirischen Ergebnissen und anthropologischem Konstrukt.

Vorläufige Ergebnisse: Der Vergleich der Probandinnen von Hospiz und Palliativstation zeigte keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Auseinandersetzung mit den in den Dimensionen des Konstruktes abgebildeten existentiellen Themen. Diese zwei Teilstichproben, zusammengenommen als Sterbende, zeigten eine statistisch signifikante intensivere Auseinandersetzung mit den beschriebenen Dimensionen im Vergleich zur Teilstichprobe der Gruppe der Heimbewohnerinnen.

Sterbende zeigen in den multivariaten Regressionsmodellen eine stärkere Auseinandersetzung mit der Dimension der „Selbsttranszendenz“ und mit dem dazugehörigen Faktor „Permanenz“; gleiches trifft auch für die Dimension der „Daseinsversöhnung“ mit den zwei Faktoren „Daseinserfüllung“ und „Friede“ zu.
In allen drei Modellierungen zeigen Sterbende einen höheren Grad der Auseinandersetzung mit der Dimension des „Ablaufs der Daseinszeit“ und in dem dazugehörigen Faktor „Abschied“; das trifft auch für die Auseinandersetzung mit der Dimension der „Altruistischen Sorge“ mit den Faktoren „Hinterlassenschaft und Nächstenliebe“ zu. Sterbende weisen hinsichtlich der  Dimension „Ringen um Akzeptanz“ in den multivariaten linearen Regressionsmodellen einen höheren Grad der Auseinandersetzung auf als Heimpatientinnen. Hinsichtlich der Gütekriterien des untersuchten Fragebogens zeigen sich eine gute Objektivität, eine vertretbare Reliabilität und eine ausreichende divergente Validität.

 

 

Sarah Kramer, Jakob Böttinger, Juan Valdés-Stauber

Hintergrund: Das Konzept der „Antizipatorischen Daseinsverabschiedung“ wurde bereits als anthropologisches Konstrukt in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod beschrieben und empirisch vergleichend zwischen Menschen in der Sterbephase und älteren Patienten in einem Heim wohnend ohne eine tödliche Krankheit untersucht.

Forschungsfragestellung: Nach der Untersuchung von terminalen Patienten in jeweils einem Palliativ und einem Hospizsetting sowie in einem Heim ohne eine zum Tod führenden Erkrankung soll zum Vergleich zwei Gruppen fern vom mit mehr Gebrechlichkeit behafteten Alter untersucht werden, um die Praktikabilität des Fragebogens (AFEQT) und die differenzielle Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit prüfen zu vermögen.

Methode: geplant ist eine Stichprobe von mindestens 120 Probanden jeweils für die Gruppe der Jugendlichen (18-25) und der Menschen im mittleren Alter (40-55). Erhebung der soziodemographischen und klinischen Daten sowie Anwendung der Fragebögen wie bei den terminalen Patienten zum genauen Vergleich. Die Interview-Führenden werden eingehend geschult.  Die Gruppe der Probanden im mittleren Lebensalter werden über einen genehmigten Online-Fragebogen interviewt. Vergleiche mit nichtparametrischen bivariaten Tests wegen der Rechtsverschiebung der Verteilungen. Multivariate Tests, etwa lineare multivariate, auch unter Einsatz von Propensity scores. Vergleich jeweils mit den Sterbenden Probanden aus einer vorausgehenden Untersuchung.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm 02/19.

Geplante Schritte: 1. Abschluss der Untersuchung der Gruppe der terminalen Patienten, die dann als Gesamtvergleichsgruppe in die Vergleiche eingesetzt wird; 2. Abschluss der Untersuchung von Heimbewohnern; 3. Abfassung einer reduzierten Fragebogenversion zum Vergleich; 4. Schulung der Interviewführenden; 5. Prüfung der Datenqualität; 6. Statistische Vergleiche der Faktoren (Facetten) und Dimensionen, sowie multivariate Vergleiche.

Vorläufige Ergebnisse: Datenerhebung abgeschlossen. Statistische Vergleiche abgeschlossen. Insgesamt kann gesagt werden, dass die Dimensionen der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod zwar auch für junge Erwachsene und Erwachsene im mittleren Lebensalter bedeutend sind, aber in einem signifikant geringeren Maße als bei Sterbenden. Es besteht konvergente Validität für LAP-R und AFEQT für diese Stichproben. Da Corona bedingter Lockdown die Gesamtstichprobe in zwei teilte, werden die möglichen Effekte des Lockdowns auf Lebensbedeutungen untersucht.

 

 

Eine multizentrische und multinationale randomisierte Studie.

Diana Welly, Juan Valdés-Stauber

 

Hintergrund: Die vorliegende  Untersuchung versteht sich als Teil einer umfassenden prospektiven, kontrolliert randomisiert angelegten, europäischen multizentrischen Studie (Kallert et al. 2007) mit dem Ziel, die Effektivität tagesklinischer Behandlung psychiatrischer Patienten mit der Effektivität einer vollstationären Behandlung zu vergleichen.

Forschungsfragestellung: In dieser Studie wird der unterschiedliche Grad der Erfüllung von Patientenbedürfnissen (met needs) durch die Behandlung in beiden Settings sowohl aus Patienten- als auch aus Behandlerperspektive im Vergleich untersucht. Es wird ferner verglichen, ob die Patientenbedürfnisse im tagesklinischen Behandlungssetting genauso erfüllt werden wie im vollstationären Setting. Diese allgemeine Fragestellung wird anhand von vier operationalisierbaren Teilfragestellungen empirisch angegangen.

Methode: Die vergleichende Studie wurde im Vorfeld randomisiert durchgeführt. Es nahmen in insgesamt 5 Ländern (England, Deutschland, Polen, Slowakei und Tschechien) N=1055 Patienten teil, die randomiesiert einem der beiden Settings (teil- oder vollstationär) zugewiesen wurden. Es werden 4 Messzeitpunkte berücksichtigt: a) Zum Aufnahmezeitpunkt; b) Zum Entlasszeitpunkt; c) 3 Monate nach Entlassung und d) 12 Monate nach Entlassung. Die Follow-Up-Raten für diese Gruppe betrug zum Entlassungszeitpunkt 87.0%, 3 Monate nach Entlassung 76.5% und 12 Monate nach Entlassung 68.1%. In die Auswertung dieser Arbeit gehen Daten zur soziodemographischen Charakteristika sowie zum Krankheitsverlauf der Patienten (CSCHI), Behandlungsbedarf und –bedürfnis (BeBI für Klienten bzw. Behandler), Lebensqualität (MANSA), psychopathologische Symptomatik (BPRS), Ausmaß der sozialen Behinderungen (GSDS), Patientenbewertungen der Behandlung (KliBb) sowie der therapeutischen Allianz (HAS) ein.

Ethikvotum: Beantragt von Prof. Kallert bei der Ethikkommission der TU Dresden 2006 als Teil einer europäischen multizentrische Studie.

Geplante Schritte: Datensätze werden entlang folgender Fragestellungen untersucht:           1. Unterscheiden sich die Patienten beider Settings (Randomisierung) in den verschiedenen Ländern hinsichtlich soziodemographischer und klinischer Variablen zum Aufnahmezeitpunkt? 2. Gibt es Unterschiede bei einzelnen untersuchten Variablen unterhalb der Zentren zum Aufnahmezeitpunkt?; 3. Inwieweit sind die Patientenbedürfnisse aus Betroffenenperspektive nach der Behandlung erfüllt und gibt es Setting-Unterschiede?; 4. Differieren die Einschätzungen über den Grad der Erfüllung von Patientenbedürfnissen zwischen Therapeuten und Patienten?; 5. Gibt es je nach Setting differentielle Prädiktoren für eine positive Erfüllung von Patientenbedürfnissen durch die jeweilige Behandlung?

Vorläufige Ergebnisse: Datensätze wurden auf Datenqualität geprüft und bereinigt, manche Variablen rekodiert. Statistische Auswertung abgeschlossen. Phase der Diskussion der Ergebnisse.

 

 

Michael Eggart, Juan Valdés-Stauber
 

Hintergrund: Störungen der Körperwahrnehmung sind vorherrschende Merkmale einer schweren depressiven Störung. Die psychometrischen Eigenschaften von Instrumenten, die selbstberichtete Dimensionen der Interozeption erfassen, wurden jedoch nie explizit in depressiven Stichproben untersucht. Daher wurde die Revision des Fragebogens Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness (MAIA-2) bei stationären Patienten mit einer Major Depression validiert.

Forschungsfragestellung: Revision des Fragebogens Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness (MAIA-2) bei stationären Patienten mit einer Major Depression soll psychometrisch validiert werden.

Methode: An der naturalistischen Studie nahmen 110 Teilnehmer (Alter: M = 46,85, SD = 11,23; weiblich: 55,45%) teil, die sich in stationärer Behandlung befanden. Die Stichprobe wurde durch die Durchführung psychometrischer Maßnahmen erfasst: Big Five Inventory-10, Generalized Self-Efficacy Scale, Brief Resilient Coping Scale, Assessment of Locus of Control, und MAIA-2. Die faktorielle Validität von MAIA-2 wurde durch eine robuste konfirmatorische Faktorenanalyse (CFA) mit Satorra-Bentler-Anpassung, die diskriminante Validität durch Korrelationsanalysen und die Reliabilität durch Cronbachs Alpha/McDonalds Omega bestimmt.

Ethikvotum: Ethikkommission der Universität Ulm 13/17.

Geplante Schritte: Datenerhebung bei stationären Patienten auf einer Depressionsstation. Prüfung der Datenqualität. Prüfung der Faktorenstruktur. Statistische Untersuchun der psychometrischen Eigenschaften.

Vorläufige Ergebnisse: Die konfirmatorische Faktorenanalyse unterstützte eine achtfaktorielle Struktur für die 37 Items von MAIA-2, χ²(601) = 803.14, p < .001, χ²/df = 1.34, RMSEA = .055 [90% CI: .046, .064], SRMR = .098, Gamma = .910, CFI = .841. Die diskriminante Validität der MAIA-2 Skalen wurde durch null/schwache Korrelationen mit Persönlichkeitsmerkmalen und depressionsbezogenen Skalen (|r| < .30) nachgewiesen. Cronbachs Alpha lag zwischen .64-.86 bei Aufnahme und .67-.89 bei Entlassung.

 

Juan Valdes-Stauber, Helen Kämmerle, Susanne Bachthaler

Hintergrund: Die Frage nach dem Sinn des Lebens muss in den empirischen Wissenschaften übersetzt werden in Orientierung und Bedeutung verleihende Lebenseinstellungen. Diese Frage wird in der Medizin vor allem bei paliativpatienten untersucht, kaum in anderen klinischen Settings.

Forschungsfragestellung:  Primäres Ziel der Studie ist die Untersuchung, ob sich sinnbasierte Lebenseinstellungen während einer stationär-psychosomatischen Behandlung verändern und welche Faktoren auf das Ausmaß der Veränderung Einfluss einnehmen. Sekundäres Ziel ist die Ermittlung von psychometrischen Eigenschaften des LAP-R für stationär-psychosomatisch behandelten Patienten

Methode: In dieser prospektiven Feldstudie (N = 138) wird die Effektivität der Behandlung anhand von Prä-post-Vergleichen klinischer Variablen (ISR, Health-49, FLZM) und von Lebenseinstellungen (LAP-R) mit bivariaten Tests untersucht, dabei alpha-Korrektur und Messung der Effektstärken. Assoziationen zwischen Ausmaß der Veränderungen von Lebenseinstellungen und klinischen Variablen werden mit bivariaten Reggressionsanalysen und mit Persönlichkeitsdimensionen (BFI-10) mit Korrelationsanalysen erfasst. Einflussfaktoren auf das Ausmaß der Veränderung der Lebenseinstellungen werden mit multivariaten Regressionsmodellen untersucht. Psychometrisch: Objektivitätseinschätzung, Konfirmatorische Faktorenanalyse, Cronbachs alpha, konvergente und divergente Validität.

Ethikvotum: Die Studie wurde von der Ethikkommission der Universität Ulm (Antrag Nr. 03/2018) genehmigt.

Geplante Schritte: Prospektive, Hypothesen geleitete Datenerhebung auf einer psychosomatischen Station im Allgemeinkrankenhaus. Prüfung der Datenqualität. Statistische Prä-post Untersuchung. Schließlich psychometrische Eigenschaften.

Vorläufige Ergebnisse:  Zeitgleich mit der günstigen Veränderung der klinischen Variablen ergibt sich eine signifikante Besserung der Lebenseinstellungen mit Effektstärken zwischen 0,19 und 0,58, beide Besserungstendenzen sind aber nur punktuell miteinander assoziiert. Neurotizismus korreliert im Querschnitt negativ mit den Lebenseinstellungen zum Aufnahmenzeitpunkt, es gibt aber keinen Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Ausmaß der Veränderung von Lebenseinstellungen. Dieser Befund relativiert sich in multivariaten Modellen:  Ausmaß der therapeutischen Beziehung und Neurotizismus korrelieren hier positiv mit Ausmaß der Besserung von „Kohärenz“ und „Selbstwirksamkeit“.

Psychometrische Ergebnisse validieren LAP-R für diese Stichprobe.

 

Juan Valdes-Stauber

Hintergrund: Medizinisches Handeln erfolgt als sensible zwischenmenschliche Begegnung, in der die technische Leistung in einer für das Gelingen der Behandlung relevanten Arzt-Patient-Beziehung eingebettet ist.

Forschungsfragestellung: Ausarbeitung einer anthropologischen Modellierung der „Arzt-Patient-Beziehung“ bzw. der „therapeutischen Beziehung“.

Methode: Es wird zunächst ein Standardmodell der Arzt-Patient-Beziehung vorgeschlagen. Es folgt die Formulierung von anthropologischen Annahmen zur Arzt-Patient-Beziehung. Abschließend wird ein anthropologisches Modell von befähigenden Dimensionen dieser Beziehung ausgearbeitet.

Ethikvotum:  Nicht erforderlich, da philosophische Untersuchung.

Geplante Schritte: Zusammenstellung von Literatur zu empirischen Ergebnisse über therapeutische Beziehung. Literatursuche zu anthropologischen Reflexionen über Arzt-Patient-Beziehung. Untersuchung des semantischen Feldes von Arzt-Patient-Beziehung, sprachlich wie praxeologisch. Entwicklung eines integrativen theoretischen Modells mit logischer (nicht mathematischer) Mediatorenfunktion für die wirksame Arzt-Patient-Beziehung.

Vorläufige Ergebnisse: Es werden vier Bedeutungen von therapeutischer Beziehung entworfen (als Therapie bahnend, als Wirkfaktor, als in Therapie umgewandelt, als Therapie selbst) sowie sechs Begriffspaare formuliert, zwischen welchen sich die Arzt-Patient-Beziehung dialektisch bewegt. Das ausgearbeitete anthropologische Modell der Arzt-Patient-Beziehung weist formal drei Momente auf: zwischen den Merkmalen einer Arzt-Patient-Beziehung und deren in Gang gesetzten allgemeinen therapeutischen Auswirkungen kommen anthropologische Mediatoren zur Entfaltung, die den Kategorien Haltung, Interpersonalität und Kommunikation zuzuordnen sind.

 

Juan Valdes-Stauber

Hintergrund: Die philosophische Auseinandersetzung mit der SARS-CoV-2 Pandemie, die aus einer tragischen Vertrautheit schlicht „Corona-Pandemie“ bezeichnet werden kann, darf ihren Ausgangspunkt in einer Würdigung der empirischen Forschungsergebnisse nehmen. Im Vordergrund stehen die medizinischen, biologischen, epidemiologischen, versorgungsmedizinischen, gesundheitspolitischen und wirtschaftlichen Aspekte. Eine philosophische Perspektive darf im Angesicht des Dramas nicht dilettantisch, sondern als eine Reflexion dieser allen Aspekte, stets den Menschen als Menschen im Blick.

Forschungsfragestellung: Zunächst werden zunächst die aktuellen biologischen bzw. molekularbiologischen Kenntnisse skizziert, um anschließend die klinischen Aspekte zu erörtern. In einem weiteren Schritt werden die möglichen psychiatrischen und psychosozialen Folgen beschrieben. Darauf basieren wird versucht, eine mehrdimensionale Reflexion des Corona-Pandemie-Phänomens vorzuschlagen.

Methode: Anhand von Beiträgen verschiedener aktueller Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler folgt eine aktuelle philosophische Diskussion zur Bedeutung der Coronavirus-Pandemie, um danach vermittels einer mehrdimensionalen Systematik die verschiedenen philosophischen Facetten der Pandemie ansatzweise zu diskutieren. Schließlich wird eine Zusammenfassung als Ausblick formuliert, die eher als ein persönliches Fazit aufzufassen ist.
In einer empirisch-quantitativen Sicht wird eine Werte-basierte vergleichende Studie (LAP-R und AFEQT) vor-nach Lockdown 21.03.2020 durchgeführt.

Ethikvotum: Nur für den empirischen Teil; Ethikkommission Uni Ulm 02/19.

Geplante Schritte:  Philosophischer Teil als integrierende Reflexion empirischer, anthropologischer und ethischer Befunde. Empirischer Teil naturalistisch abgeschlossen, muss noch für Publikation aufbereitet werden.

Vorläufige Ergebnisse: Es wurden folgende sechs Faktoren auf drei Dimensionen definiert: ontisch/ontologische – epistemisch/epistemologische Achse; eine auf das individuelle Moment – das interpersonelle Moment bezogene Achse; und eine auf die ethische – gesellschaftliche Dimension bezogene Achse. Unter statistische Kontrolle scheinen nach Lockdown die „Akzeptanz des Todes“ und „Suche nach Zielen“ (LAP-R), sowie „Metaphysisches Aufgehen“ sowie „Altruistische Sorge“ (AFEQT)

 

 

Juan Valdes-Stauber

Hintergrund: Verstehen und Erklären bilden traditionellerweise eine Methodendichotomie mit einer legitimierenden Intention für Geistes- und Naturwissenschaften. Es wird der Frage nachgegangen, welche Dimensionen dem Gebrauch von „Verstehen“ im Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie innewohnen und welche Bedeutung sie für die Praxis haben. Nach verschiedenen Einzelpublikationen soll jetzt ein umfassendes Buch erscheinen.

Methode: Kritische Diskussion der historischen Wurzeln der Verstehen-Erklären-Dichotomie und deren Einführung in die Psychiatrie durch Jaspers. Der Begriff „Verstehen“ wird einer linguistischen und logischen Analyse unterzogen. Von dem postulierten latenten, dreidimensionalen Gebrauch von „Verstehen“ in Psychiatrie und Psychotherapie werden in diesem Aufsatz die Lesart als logische Operation der Zuordnung und die Lesart als Sinnerfassung, vornehmlich bei Jaspers, analysiert. Systematisierung der Modi des Verstehens und des Unverständlichen anhand eines jeweils zweidimensionalen Modells, basierend auf der Kombination einer erkenntnistheoretischen und einer ontologischen Dimension, vorgenommen. Schließlich wird  „Verstehen“ als eine Haltung bzw. Disposition zur Verständigung und Annahme des Patienten in seiner Andersartigkeit angesehen, ohne eine entschlüsselnde Erfassung des Pathologischen anzustreben.

Ethikvotum: Nicht erforderlich.

Geplante Schritte: Nach verschiedenen Einzelnen Publikationen soll nun eine umfassende Arbeit in Buchform erscheinen

Vorläufige Ergebnisse: „Verstehen“ in Psychiatrie und Psychotherapie ist ein mehrdeutiger Begriff, der insofern als deiktisch aufzufassen ist, als er eine jeweils andere Bedeutung erhält in Abhängigkeit vom Anwendungskontext. Da die Anwendungsdimensionen sich nicht ausschließen, kann der Begriff „Verstehen“ als mehrstelliges Prädikat analysiert werden, um definitorisch die Extension mit der Intension zur Deckung zu bringen. „Verstehen“ als logische Operation der Zuordnung und als Sinnerfassung geht von einem Prädikat in der transitiven Ersten-Person-Perspektive („wer“ verstanden werden soll, als objektivierbar) in Verbindung mit einer Dritten-Person-Perspektive („was“ verstanden werden soll) aus. Diese Analyse soll um eine weitere Erste-Person-Perspektive („wer“ verstanden werden soll, als Subjekt) in Verbindung mit einer dialogischen Zweiten-Person-Perspektive („wie“ verstanden werden soll, als Verständigung) ergänzt werden. Verstehen“ in der Psychiatrie und Psychotherapie zeigt in der Ersten- und Dritten-Person-Perspektiven Grenzen, wenn Unverständliches im Vordergrund steht und nicht restlos gedeutet werden sollte. Die Zweite-Person-Perspektive hebt die Bedeutung der Arzt-Patient-Beziehung als besondere existenzielle Begegnung dar, insbesondere in Grenzsituationen. Aus medizinanthropologischer Sicht sollte demnach das Verstehen auch als „Verständigung“ aufgefasst werden, aber nicht nur als semantische Übereinkunft, sondern besonders als ein partizipierendes Sicheinlassen in der klinischen Begegnung mit dem jeweils Anderen in seiner  personalen Eigentümlichkeit. Das Verstehen als Verständigung geschieht nicht in der lückenlosen rationalen Aneignung des Patienten durch Aufdeckung, Enträtselung, Zuordnung, Kategorisierung, Aufklärung oder gar Sinnbestimmung, sondern im Erkennen und Anerkennen der Idiosynkrasie des Anderen und in der einfühlenden bzw. empathischen Herstellung eines Resonanzraumes für das Andersartige im Gegenüber als Patient.

 

Abgeschlossene Projekte